Die Schiedsrichter der Fußballweltmeisterschaft sind ins Gerede gekommen. Allerorten werden ihre Leistungen beklagt, von den Spielern und den Trainern, von den Experten, von anderen, oft gewesenen Schiedsrichtern. Je gewesener, so der Eindruck, desto kritischer.
Die Kritik erfolgt allerdings oft mit guten Gründen. Dem Tor Jonathan Tahs gegen Paraguay soll ein Foul von Waldemar Anton vorhergegangen sein – aber wenn das ein Foul war, dann ist so gut wie jeder Kontakt im Strafraum ein Foul. Mbappé wird im Spiel gegen Senegal klar ohne Ballberührung abgegrätscht – kein Strafstoß. Messi tritt Mandi von hinten in die Wade – eigentlich rotwürdig, in vergleichbaren Fällen auch so entschieden, hier aber kein Eingreifen des Referees. Ebenso wenig beim Foul der Argentinier an Xaver Schlager, das ihrem ersten Tor unmittelbar vorhergegangen war. Die Paraguayer treten neunzig Minuten lang nach allem, was irgendwie französisch aussieht – keine einzige Gelbe Karte. Englands Konsa springt im Strafraum hoch in den Ghanaer Adu hinein – kein Elfmeter.
Der Korruptionsverdacht spielt immer mit
Kurz: kaum noch ein Spiel, in dem nicht zweifelhafte Entscheidungen fielen. Teils wurden sie direkt von den Schiedsrichtern getroffen, teils erfolgten sie nach Einmischung der Videoassistenten. Mitunter griffen diese auch überraschend nicht ein, etwa beim Foul der Argentinier an dem Ägypter Salah, während das zweite Tor der Ägypter aberkannt wurde, weil am anderen Ende des Spielfelds zuvor ein Foul übersehen worden sei. Da sich die zweifelhaften Entscheidungen zugunsten Argentiniens häuften, kam, womöglich in Unterschätzung von Dummheit, bei den Verlierern allmählich Korruptionsverdacht auf.
Serie FreistoßF.A.Z.Er nahm nicht ab, als Gianni Infantino gerade der Gelb-roten Karte gegen den Schweizer Embolo, die er für eine „gute, alte Schwalbe“ (Mia Guethe) bekam, kurz applaudierte, bevor er merkte, dass Freude darüber für einen FIFA-Präsidenten nicht am Platz ist. Jedenfalls nicht vor laufenden Kameras.
Menschen haben keine Falkenaugen
Womit wir beim eigentlichen Grund der Schiedsrichtermalaise wären: der Erfassung aller Sachverhalte im bewegten Bild. Die Welt der Weltmeisterschaft ist alles, was für die Kamera der Fall ist. Eingeführt worden war der Videoassistent, um zu mehr eindeutigen Entscheidungen zu kommen. Menschen haben keine Falkenaugen, also Elektronik.
Beim Ziehen der Abseits- und der Torlinie ist das zweifelsfrei mit Fußzehenexaktheit gelungen. In allen anderen Fällen, den Körperkontakten der Fouls, Handspiele und Ballberührungen, hat aber nicht die Zweideutigkeit abgenommen, sondern sind nur die Fallzahlen gestiegen und die der anschließenden Kontroversen. Igor Matanović, sagte der Chip im Ball zusammen mit der Zeitlupe, hatte ihn mit der Haarlocke berührt und damit angeblich seine Flugbahn verändert, weswegen das Tor der Kroaten gegen Portugal aberkannt werden konnte. Wie Haarlocken das machen, Flugbahnen beeinflussen, blieb unerörtert.
Spiritistische Formen
Als im Spiel der Norweger gegen England nach einem hohen Abschlag der Ball den Draht der Stadionkamera (Spider-Cam) berührte, was nur nach mehrmaligem Anschauen der Bilder erkennbar war, soll seine Flugbahn hingegen nicht verändert worden sein. So jedenfalls der Chip im Ball. Haarlocke ja, Draht nein – die elektronisch vermittelte Kausalität im Fußball nimmt allmählich spiritistische Formen an.
Das erheblich verkomplizierte Regelwerk tut ein Übriges. Die Vergabe einer Karte soll der Videoassistent beispielsweise überprüfen dürfen, um „Identitätsirrtümer“ zu vermeiden. Modell: Nach einem Gerangel erhält Spieler B die Karte, obwohl Spieler A den Verstoß beging, ergo „mistaken identity“, ergo VAR-Kontrolle. Hätte der Schiedsrichter dem argentinischen Verteidiger keine Gelbe Karte gegeben, wäre der Schweizer Schönflieger Embolo auf dem Platz geblieben, weil der VAR gar nicht hätte eingreifen dürfen. Obwohl also gar kein Fall von „mistaken identity“ vorlag, weil gar kein Foul vorlag, kam es zum Eingriff und zum Platzverweis. Falsche Methoden, Juristen wissen das, können zu richtigen Ergebnissen führen.
Im zivilen Leben hätten die Anwälte ein kostspieliges Vergnügen an derlei Durcheinander von Erfassung des Tatbestands, Norm, Eingriffsbefugnis und Urteilskompetenz. Im Fußball kann man nicht auf ihre Schriftsätze und den festlichen Gang durch die Instanzen warten. Entschieden wird auf dem Platz, also ins Unreine hinein, oder kürzer gesagt: im Zweifel zugunsten Argentiniens.
In der WM-Kolumne „Freistoß“ beleuchten wir die Welt des Fußballs aus feuilletonistischer Sicht.

vor 6 Stunden
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