Sound des gesunden Meers: Rettet Musik kranke Korallenriffe?

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Es rauscht und knackt, ein Knistern wie mit sehr hartem Papier. Dann zischt es wie ein altes Radio. Und es gurgelt, tief, kehlig, das klingt nach einem unheimlichen O-Vokal. Hin und wieder kommt ein kurzes Ploppen dazu, wie von einer Flasche mit Gummiverschluss. Das ist die Sinfonie des Meeres, denn: So klingt ein Korallenriff. Jedenfalls ein gesundes.

Drei Universitäten helfen

Hören kann man das in Berlin im Atelier des Künstlers Marco Barotti (und unter: marcobarotti.com). Er sammelt Klänge für seine Skulpturen, die sich oft bewegen und immer mit Sound zu tun haben. Nun ist sogar die Wissenschaft auf den Berliner aufmerksam geworden, denn Barotti will kranke Korallenriffe mit klingenden Unterwasser­skulpturen reparieren – für sein neues Projekt „Coral Sonic Resilience“ helfen ihm gleich drei Universitäten.

„Ist es Kunst, ist es Wissenschaft? Für mich war schon immer beides wichtig“, sagt er und erklärt Wesenszüge der Meeresbiologie: Sterben Korallenriffe, etwa wegen Verschmutzung, gehen erst die Algen, dann die Fische, dann Garnelen und Schnecken. „Der Klang ändert sich dann auch“, sagt Barotti. „Ich möchte ausprobieren, ob man kranken Riffen ihren vollen, lebendigen Sound zurückgeben kann. Und ob der Sound dann das Leben wiederbringt.“ Deswegen hat er die gespenstisch schöne Sound-Welt aufgenommen.

Eine riesige Skulptur aus dem 3D-Drucker

Vor der Insel Feridhoo im Ari-Atoll auf den Malediven versenkte er ein sogenanntes Hydrophon, ein Unterwassermikrofon. (Es heißt ASF-1 und ist zehnmal so teuer wie das, was Rockbands auf der Bühne haben). „Ich habe mehrere volle Tage aufgenommen, damit man immer einen 24-Stunden-Zyklus zurück ins Meer spielen kann.“ Das soll nun passieren.

Zurzeit versenkt Barotti klingende Skulpturen im Meer, schlauchartige Strukturen aus Keramik und Kalziumkarbonat, die er monatelang entwickelt hat und an einem gigantischen 3D-Drucker in Italien ausdruckte. Ein Stück Skulptur ist so lang wie ein Arm, sechs oder acht davon bilden eine Skulptur – mit Löchern und Öffnungen für Fische und Meerestiere. Ein Unterwasserlautsprecher ist oben angebracht, ein Teller aus Metall, solche Geräte werden sonst in Wellnesscentern verwendet, wenn die Badenden ihren Mozart auch unter Wasser hören sollen. Über der Skulptur schwimmt eine Boje mit einer kleinen Solarinsel, die ganze Installation ist eine sich selbst versorgende, nachhaltige Station, die keine Wartung und keine Energiezufuhr braucht.

Marco Barotti war einst Musiker, jetzt tüftelt er in einem Berliner Atelier an völlig neuen Techniken, die Kunst und Wissenschaft verbinden sollenMarco Barotti war einst Musiker, jetzt tüftelt er in einem Berliner Atelier an völlig neuen Techniken, die Kunst und Wissenschaft verbinden sollenVera Marmelo

Die Universität von Padua begleitet die Arbeit mit einem Forschungsprojekt. Die norditalienischen Meeresbiologien leiten das „Feridhoo Coral Restoration Project“, das erforscht, wie beschädigte Riffe wieder aufgeforstet werden können. Zwei Meeresbiologen sind vor Ort, das restliche Team sitzt in der Politecnico di Torino. Der Korallen-Experte Timothy Lamont von der Universität Lancaster ist ebenfalls eingestiegen, als er von Barottis Arbeit hörte. Der Meeresbiologe war der Erste, der am australischen Great Barrier Reef das sogenannte „Acoustic Enrichment“ testete, bei dem Meeresbiotope mit dem Klang gesunder Unterwasserwelten beschallt werden.

„Timothy begleitet uns als Mentor, wir folgen seinen wissenschaftlich fundierten Anweisungen“, erklärt Barotti. „Die künstlerische Form entsteht intuitiv, parallel zum wissenschaftlichen Input.“ Die Universität von Singapur hilft auch, dort wird das Projekt Mitte 2026 im Art-Science Museum gezeigt, mit einem Livestream aus dem Ozean. So arbeiten einem eigenwilligen Berliner Bildhauer nun drei Fakultäten zu. Deutsche Unis haben ihn bisher noch nicht bemerkt.

Verbindung aus Kunst und Wissenschaft

Barotti zählt zu den wenigen Künstlern, die Kunst und Forschung auf eine ganz neue Art zusammenführen und mit ihrer Kunst nützliche Daten sammeln – er ist damit Teil einer wachsenden, interessanten Gruppe. Die deutsche Installationskünstlerin Agnes Meyer-Brandis etwa hat mit Astrophysikern kooperiert, Gänse zu Weltraumfahrern erziehen wollen und über Leben auf dem Mond nachgedacht. Die Australierin Natalie Jeremijenko benutzt ähnlich wie Barotti echte Umweltdaten für ihre Kunstwerke, die oft die Natur zum Thema haben. Und in der „Financial Times“ las man gerade von Kunst, die für Tiere oder Pflanzen gedacht ist, nicht so sehr für Betrachter, von Gärten für Insekten bis hin zu architektonischen Strukturen, die bestimmten Arten einen Lebensraum geben. Die Ausstellung „More than Human“ im Londoner Design Museum befasst sich bis Oktober damit.

Seine Arbeit erklärt Barotti in seinem Atelier in Berlin-Kreuzberg, der Sechsundvierzigjährige lebt schon fast die Hälfte seines Lebens in der deutschen Hauptstadt. In dem großen Raum liegen überall verschiedene Lautsprecher, Spezialkabel, bewegliche Mechaniken, die Ton und Skulpturen verbinden, alle hat er selbst gebaut. Und die Prototypen der Unterwasserskulpturen stehen an einer Wand: weiße Rohrsysteme, ein wenig wie Vasen, biomorph, sie könnten für einen Alien-Film gebaut sein. Eine Skulptur ist bräunlich marmoriert eingefärbt, die war schon im Indischen Ozean. Wenn die Unterwasserforschung vorbei ist, will Barotti die Skulpturen ausstellen, die sich dann verändert haben und die Patina des Meeres tragen werden.

Eine Geschichte aus dem Frankfurter Allgemeine Quarterly, dem Zukunftsmagazin der F.A.Z.

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Erstaunlich ist seine Karriere, weil der Italiener mit Musik anfing. Er studierte Jazz und Schlagzeug an der Siena Jazz Academia. Vor zehn Jahren erschien sein Album „Rising“ bei dem inzwischen eingestellten, aber damals hoch angesehenen Münchner Label Gomma. Ein Stilmix aus Elektroclash, House, Achtziger-Pop. Barotti hatte neun Songs geschrieben, er sang und spielte Synthesizer. „Kompromisslosen Art-Pop“ nannte die Zeitschrift „Musikexpress“ das. Trotzdem war Pop damit erledigt für den Italiener, er wollte ab jetzt nur noch Art. Seine Konzerte spielte er auf einem aufblasbaren Instrument, das er selbst gebaut hatte, darauf konnte man elektronische Beats abschießen. „Für mich war es danach vorbei. Kunst und Wissenschaft bieten einfach mehr als die aktuelle Musikszene.“

Seine typischen Kunstwerke wurden dann etwa: ein Feld aus Moos, das von Lautsprechern im Boden bewegt wird und wie ein Lebewesen wirkt. Oder ein Berg künstlicher Muscheln aus Recycling-Plastik, die klappern, weil innen winzige Bassboxen schwingen und so die Schalen vibrieren lassen. Wie schnell seine kinetischen Skulpturen sind, wird von öffentlich verfügbaren Datenstreams gesteuert: etwa die Wasserqualität. Das Kunstwerk zapft jeweils den Datenstrom der lokalen Messungen an.

„Ich bewege Dinge durch Klang“, erklärt Barotti. „Klang ist für mich das, was die Welt bewegt.“ Acht Skulpturen kommen ans Riff auf den Malediven, vier mit Sound, vier ohne. Der Klang wurde in der gleichen Wassertiefe aufgenommen wie jener, in der er nun abgespielt wird. Das Team aus Padua wird untersuchen, ob die Skulpturen mit Ton mehr Leben angezogen haben als die ohne. Im Jahr 2026 erscheint ein wissenschaftlicher Aufsatz der Universität dazu. Und dann wird die Forschung wieder ganz Kunst. Barotti will den Klang des Riffs im Museum abspielen – die ganzen 24 Stunden eines Unterwassertages. Premiere ist im April am ZKM in Karlsruhe, danach geht das Werk um die Welt.

Gerade rief sein Sponsor an, ein Berliner Unternehmen, das kleine Zwitscherboxen herstellt, die Vogelgeräusche abspielen. Es seien 5000 Apparate übrig, die wie Grillen zirpen. Ob er die wolle? „Natürlich“, sagt Barotti. „Vielleicht wird daraus eine Klanginstallation im Freien. Aufbauend auf Coral Sonic Resilience könnte mir das Projekt neue Wege in der akustischen Ökologie eröffnen.“

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