Antisemitismus-Vorwürfe: Erst Angst vor berechtigter Kritik, dann der Ausschluss der Öffentlichkeit

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Die Freiheit der Kunst fand hinter verschlossenen Türen statt. Nachdem die Ankündigung einer Veranstaltung mit der palästinensischen Künstlerin Basma al-Sharif an der Düsseldorfer Kunstakademie massive Proteste ausgelöst hatte, entschied sich die Hochschulleitung dafür, die Öffentlichkeit von der Veranstaltung am Mittwochabend auszuschließen. Wie der Homepage der Akademie zu entnehmen ist, richtete sich die Veranstaltung, die auf eine studentische Initiative zurückgeht, nun ausschließlich an Studierende, Lehrende und Mitarbeitende der Kunstakademie Düsseldorf und stelle „keine institutionelle Positionierung der Kunstakademie Düsseldorf dar“. Die Veranstaltung, so hieß es weiter, werde von studentischer Seite „moderiert und kontextualisiert“ und finde in einem „institutionell verantworteten Rahmen“ statt. Die kurze Mitteilung endet mit der Erklärung einer Selbstverständlichkeit, die unter normalen Umständen keiner Erwähnung bedürfte: „Antisemitische, rassistische oder strafrechtlich relevante Äußerungen werden nicht toleriert.“

Zuvor hatten nicht nur die Jüdische Gemeinde Düsseldorf und der Antisemitismusbeauftragte der Stadt gegen die geplante Veranstaltung protestiert, auch Politiker wie der Düsseldorfer Oberbürgermeister Stephan Keller, Nordrhein-Westfalens Kultur- und Wissenschaftsministerin Ina Brandes sowie Mona Neubaur, die stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes, hatten Bedenken geäußert und der Kunstakademie nahegelegt, auf die Veranstaltung zu verzichten. Neubaur, Wirtschaftsministerin im Kabinett der schwarz-grünen Regierungskoalition im Land, gehörte auch zu den etwa hundert Protestierenden, die sich am Mittwochabend vor dem Akademiegebäude versammelten, in dem laut Ankündigung zwei Filme von Basma al-Sharif gezeigt werden sollten. Gegenüber der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“ kritisierte die Ministerin die Entscheidung der Hochschulleitung, die Öffentlichkeit von der Veranstaltung auszuschließen: Die Kunstakademie sei eine Hochschule für alle.

An der Seite der Hamas

Auslöser der Proteste waren vor allem wiederholte Äußerungen der Künstlerin in sozialen Medien, die nicht nur das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender im „Bereich der Terrorverharmlosung und des israelbezogenen Antisemitismus“ angesiedelt sieht. Zusammen mit der Werte­Initiative – jüdisch-deutsche Positionen e. V. und dem Jüdischen Forum der CDU NRW hat das Netzwerk einen offenen Brief an die Leitung der Kunstakademie Düsseldorf veröffentlicht, in dem Basma al-Sharif vorgeworfen wird, sie habe in dokumentierten Beiträgen auf demonstrative Weise Bezug auf die Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP) genommen sowie Gewalt als vermeintliche Selbstverteidigung legitimiert. Die PFLP, die von den USA und der Europäischen Union als terroristische Organisation eingestuft wird, gilt im Gazakrieg als Konfliktpartei an der Seite der Hamas.

Außerdem habe die Künstlerin in ihren Beiträgen mehrfach das auf der Spitze stehende rote Dreieck verwendet, mit dem die Hamas israelische Militärziele wie etwa Panzer markiert, und bezeichne Israel konsequent als „zionistic entity“. Damit bedient sich al-Sharif der Symbolik wie der Terminologie der Terrororganisation Hamas, die das Existenzrecht Israels bestreitet. Nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 habe al-Sharif Narrative einer Täter-Opfer-Umkehr verbreitet. Die Künstlerin, die 1983 in Kuwait geboren wurde und in Frankreich und den USA aufwuchs, ist mit Installationen und experimentellen Filmen hervorgetreten und behandelt in ihrem Werk vor allem das Thema palästinensischen Lebens in der Diaspora sowie im Gazastreifen.

Der Verweis der Hochschulleitung auf die „international anerkannte künstlerische Arbeit“ als Legitimationsgrundlage der Einladung, so der offene Brief weiter, greife zu kurz: Künstlerische Reputation könne nicht als Freibrief dafür dienen, Inhalte zu verbreiten, die antisemitische Ressentiments befeuern, terroristische Gewalt relativieren oder das Existenzrecht Israels delegitimieren. Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf hat erklärt, ihr Vertrauen in die Verantwortung öffentlicher Institutionen sei erschüttert. Eine Hochschulleitung, die derart massive Proteste an sich abperlen lässt, sollte sich fragen, wie frei die Kunst, die sie zu schützen vorgibt, eigentlich noch ist, wenn sie sich aus Angst vor berechtigter Kritik hinter verschlossenen Türen verschanzt.

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