Skurrile Serie „Das Manko“: Haben wir womöglich Kundenkontakt?

vor 15 Stunden 1

Irgendwo in einer anonymen deutschen Behörde sitzen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, gekleidet in neutralen Farben, also gerade noch als Individualitäten identifizierbar, in einem Großraumbüro und spielen Arbeiten. Ihre Bewegungen sind abgestimmt wie bei einer Tanztheateraufführung mit dem Thema „Die Banalität sitzender Verwaltungstätigkeiten und ihrer immer gleichen Abläufe, mit der Folge kompletter Ineffizienz“.

Die Beteiligten drehen sich musterhaft auf Bürostühlen, beugen sich gen Bildschirm, scheinen Tabellen zu studieren, Tastaturen zu ergründen und einander gespannt zu belauern. Professionell aufgestellt, bei null Produktivität, schrecken alle synchron auf, als ein Telefon zu klingeln beginnt. Womöglich Kundenkontakt? Der amorphe Körper, das vielgestaltige, ergebnis-avers agierende Behördenwesen, ist aus dem Takt gebracht, schreit zeitgleich. Man muss sich erst kompliziert beruhigen. Danke Gott für Excel, denn Starren auf Vertikale und Horizontale hilft der Selbst- und Fremdvergewisserung. Die frohe Botschaft verkündet der Chef (Bjarne Mädel) unsichtbar, aber wunderbar gelaunt über Lautsprecher: „Schnitzeltag!“

Das gewohnheitsverwöhnte Fernsehpublikum mag irritiert sein

Gewusel, Erhebungsimprovisation und unbeschreibliche Freude. Das Kollektiv des plötzlich gelösten Haufens zieht zur Kantine wie zum Stern von Bethlehem, und das gewohnheitsverwöhnte Fernsehpublikum mag irritiert sein. Warum spricht in der als lustig angekündigten vierteiligen ZDF-Sendung „Das Manko“ (fast) keiner? Immerhin führt hier doch Arne Feldhusen Regie, der dem deutschen Fernsehen so grandiose Arbeitsplatzbeschreibungen wie „Stromberg“ oder den „Tatortreiniger“ geschenkt hat und der auch an „Ladykracher“ beteiligt war? Warum wird vorwiegend mit Körpern geredet in dieser innovativen Produktion aus dem Formatlabor Quantum des Kleinen Fernsehspiels?

Wenn sich hier das Verbale aufdrängt, dann meist per Karriereförderungs-Plattitüde oder auf Finnisch oder als Geschrei einer Schutzengelausbilderin. Es geht aber weniger ums Gesagte als ums genaue Hinschauen, dann wird einem alles exakt klar. Freilich: In der dritten Folge namens „Knistern Knutschen Knassenknampf“ (sic!), die in einem Logistikzentrum zwischen riesigen Hochregalsystemen spielt, wird noch gesungen und getanzt, so inbrünstig und mit aktivistischem Schein, als hätten wir es mit einer Musicalfassung von Victor Hugos „Les Misérables“ zu tun. Vor unseren Augen geschieht kurzfristig ein in animierte Formation übersetzter Arbeiteraufstand mit wehenden Fahnen. Denn einer aus der Gruppe der Gleichen hat eben nicht bloß die Macht des abwesenden Vorarbeiters (Andreas Döhler) ergriffen, auch der Suppenautomat wurde dem Allgemeinbesitz entzogen.

DSGVO Platzhalter

Das wiegt noch schwerer als der frühere Rauswurf des verwirrten Kollektivs aus der Behörde am Ende der Auftaktfolge. Zumal dieser eigentlich kein Rauswurf ist, sondern ein „Incentive“, eine Belohnung für ausgezeichnete Leistung. Eine Verwechslung. Nachdem ein graues Beratertrio ihre Entlassung wegen „Low Performance“ gefordert hatte, werden die Low Performer, die „Mankos“, gemeinsam zum Top-Performer-Kurs geschickt, mithin auf eine Odyssee durch verschiedene Arbeitswelten, in der sie die Absurdität von der Leine lassen.

Aus dem Off begleitet das Geschehen die Stimme von Sophie Rois mit nüchtern vorgetragenen biologisch-naturalistischen Erklärsätzen zum Herdenverhalten. Am ärgsten wird es in der Finalfolge, in der ein autonom fahrender Bus, der schon vorher für Chaos und Verletzte gesorgt hat, das Kollektiv ungefragt beim Schutzengelausbildungsprogramm ablädt. Immerhin hält man es hier nicht für ein Team finnischer Spezialmediziner, wie in der Folge „Schönen Tag noch, ihr Lachse!“. Vor Betreten einer augenfällig der Ertüchtigung dienenden Turnhalle, deren Fassade fatal an das ehemalige IG-Farben-Gebäude in Frankfurt erinnert und in deren Eingangsraum Büsten grüßen, die an Arno Breker erinnern, wird Wackelpudding serviert. Die Engel-Flug-Ausbilderin, die nicht an Notzüchtigung spart, will Opfer. Sie will Helden. Fliegen lernt bloß eine Person, die anderen jagen draußen ein heiliges Schwein im Hain und erlegen es. Die Direktübertragung aus dem Universum des Schutzengelterrorregimes lässt hoffen.

Für eine Welt, in der stechschritthafte Selbstoptimierung und Top-Performance als das erkannt werden könnten, was sie mindestens auch sind, nämlich gesellschaftspolitisch genehmer Perfektionierungszwang zum Zweck der Unterdrückung des Überschusses unnützen menschlichen Eigensinns.

Man kann auch geneigt sein zu glauben, dass ernsthafte Zuschauer mit der absurden Komik nicht fremdeln, sondern sich vergnügt und erhoben auf die Feier der Inkompetenz mit ihrem unwiderstehlichen Übermut und Hintersinn einlassen. Mit seiner skalpellscharf geschnittenen „Physical Comedy“ (Pantomime) des Theaterkollektivs „Das Manko GbR“ und der genialen musikalischen Abstimmung (Carsten Meyer, Sounddesign Philipp Feith) sucht dieser Vierteiler seinesgleichen. Die ausgezeichnete Kamera von Mathias Schöningh und die berückende Montage von Benjamin Ikes tun ein Übriges, um die Abenteuer der gemeinsam verschiedenen Mankos Annika Meier, Sarah Bauerett, Julia Schubert, Florian Anderer, Sebastian Grünewald, Jonas Hien, David Simon, Bastian Reiber, Jan Krauter, Carol Schuler und Christoph Jöde zum humoristischen TV-Ereignis dieses Jahres zu machen. Allen Optimierungsgetriebenen, also uns allen, sei „Das Manko“ dringend verschrieben.

Das Manko läuft im ZDF-Stream und im ZDF-Fernsehen am 17. August ab 0.10 Uhr (alle vier Folgen).

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