Leise zu sprechen, kann ein Zeichen von Machtausübung oder von Zutraulichkeit sein. Heiner Müller sagte einmal, er habe verstanden, dass er leise sprechen müsse, damit die Leute ihm zuhörten. Leises Sprechen war für ihn ein Akt, sich die Aufmerksamkeit anderer zu unterwerfen. „Die schönsten Dinge sagt man leise“, behauptet hingegen Jordi Savall. Im Flüstern oder mit halber Stimme gestehe man seine Liebe, tröste man großen Kummer oder beweise jemandem sein Vertrauen. Zum Beweis demonstrierte er dazu einmal im Berliner Musikinstrumentenmuseum, mit welchem Druck man den Bogen auf die Saiten eines modernen, stahlsaitenbespannten Violoncellos lege und wie behutsam, schwebend dagegen das Spiel auf seinem Instrument, der Viola da Gamba, erfolgen müsse.
Savall hat die in Vergessenheit geratene Gambe, die „Kniegeige“, mit größter Wirkung wieder in unser Musikleben zurückgeholt. Für den Film „Die siebente Saite“ über Marin Marais, den Hofgambisten Ludwigs XIV., und dessen Lehrer Monsieur de Sainte-Colombe, spielte Savall die Musik ein. Die prominente Besetzung mit Gérard Depardieu und dessen Sohn Guillaume als alter und junger Marais half auch der Gambe, wieder bekannter zu werden.
Jordi Savall spielt Gambe in seinem ArbeitszimmerErnst von Siemens Musikstiftung/Rui CamiloDer katalanische Gambist und Dirigent Jordi Savall, Leiter von Hespèrion XXI und Les Concert des Nations, war aber schon früh sehr viel mehr als ein Musiker. Oder sagen wir besser: Musik erschöpfte sich für ihn seit je nicht in Partituren, Traktaten und historischen Spieltechniken. Wie der Berliner Musiksoziologe Christian Kaden begreift auch Savall Musik als kommunikative Praxis, als soziales, kulturelles Handeln, das in Zusammenhängen von Riten, Repräsentationen, Arbeitsformen und körperbasierten Techniken der Verständigung verankert ist.
Musik steht für Savall in engster Beziehung zu unserem kulturellen Gedächtnis. Ursprünglich hatte er zusammen mit dem Philosophen und Literaturkritiker George Steiner eine mehrsprachige Kulturzeitschrift gründen wollen, in der die Vielfalt kultureller Überlieferung als Wert für sich und nicht nur im Sinne einer Dekonstruktion des Eurozentrismus oder eines Kulturrelativismus zur Sprache hätte kommen sollen. Doch das Projekt zerschlug sich.

Stattdessen brachte Savall bei seinem Label Alia Vox eine neue Medienform auf den Markt: das CD-Buch, kulturgeschichtliche Themenalben zum Hören mit reich bebildertem, mehrsprachigem Kommentar. So entstanden großartige Anthologien über die Geschichte Venedigs, Jerusalems oder Istanbuls, über Erasmus von Rotterdam, Christoph Kolumbus oder die Dynastie der Borgia, über Armenien, die sephardischen Juden der Iberischen Halbinsel oder das Mittelmeer.
Mit seiner Frau, der Sängerin Montserrat Figueras, demonstrierte er auf dem Album „Lux Feminae“ weibliche Intelligenz und Selbstbestimmung bei Sibyllen und Prophetinnen des Christentums innerhalb eines Jahrtausends. Savall zog musikalisch die Routen des Sklavenhandels und des katholischen Missionars Franz Xaver nach. Feminismus und Dekolonialisierung begreift er als Aufgabe, nicht als Polemik. Um Savall herum scharte sich ein regelrechter Think Tank aus Philosophen wie George Steiner, Kulturwissenschaftlern wie Manuel Forcano, Religionswissenschaftlern wie Raimon Panikkar und Literaten wie José Saramago.
Wenn die Ernst von Siemens-Musikstiftung, wie sie jetzt bekanntgibt, ihren mit 250.000 Euro dotierten Preis an Savall verleiht, geht diese Auszeichnung an einen der bedeutendsten Musiker, Forscher und Wissensvernetzer des vergangenen halben Jahrhunderts. Für Savall setzt „der kulturelle Dialog mit anderen den historischen Dialog mit sich selbst voraus. Man muss sich selbst kennen, um mit anderen reden zu können. George Steiner gehört zu den Philosophen, die das besonders stark akzentuiert haben: Es ist unmöglich, eine positive Entwicklung durchzumachen ohne das Bewusstsein von der eigenen Geschichte.“ Zugleich verwirft er die Idee von Geschichte als Tribunal: Man könne im Nachhinein nicht immer Richter sein.
Die Preisverleihung findet am 23. Mai im Prinzregententheater in München statt. Wie die Stiftung, die ihr Fördervolumen für 2026 auf 4,3 Millionen Euro anhebt, weiter mitteilt, werden die Förderpreise für Komposition mit je 35.000 Euro der Britin Bethan Morgan-Williams, dem Armenier Hovik Sardaryan und der Australierin Kitty Xiao zuerkannt.

vor 6 Stunden
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