Schulprogramm der Härte: Knallharte Bildungslücke

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Im „Regierungsprogramm“ der AfD Sachsen-Anhalt für die kommende Wahl heißt es unter Punkt IV, 23: „Wir gehen davon aus, dass bei einer Regierungsübernahme durch die AfD unsere Schulen dank dieser Maßnahmen“ – gemeint sind die Beendigung der Inklusion, die Bildung von „Sonderklassen für Flüchtlingskinder“ sowie die „Entlastung von sozialpolitischen Aufgaben“ –, dass also die AfD-gelenkten Schulen Sachsen-Anhalts ein Magnet für die andernorts frustrierte Lehrerschaft werden.

Es wird mit „Andrang“ aus ganz Deutschland gerechnet. Schwer zu entscheiden, ob das Ironie, Hohn oder Weltfremdheit ist. Denn die Partei bekämpft ja Lehrer mit Meldeportalen und einem nicht existierenden „Neutralitätsgebot“. Vermitteln soll der Lehrer „echtes Wissen“, heißt es in den 33 Punkten des Programms, statt (vermeintlich) „richtige Meinungen“ zur Weltlage. Die AfD geht davon aus, dass es das „Niveau“ in den Klassen verbessere, wenn nur Schüler ihre politischen Meinungen ausdrücken dürften, nicht aber die Lehrer.

Mangelnde Kenntnis der Schullandschaft

Was denkt die AfD über Pädagogen, was weiß sie von ihnen, fragt man sich. Wird tatsächlich davon ausgegangen, ein Lehrer freue sich, wenn er auf Inklusion, Integration und die Unterstützung von sozial oder psychisch hilfsbedürftigen Schülern verzichten kann? Nach der Vorstellung der AfD wollen Lehrer die notwendigen Kulturtechniken vermitteln und anschließend, vor der Komplexität des 21. Jahrhunderts die Augen verschließend, pünktlich nach Hause kommen.

Auch wenn es solche Berufsvertreter geben mag, spricht aus den eingangs zitierten Worten eine mangelnde Kenntnis der gesamtdeutschen Schullandschaft. An der Burgweideschule in Hamburg etwa, mehrfach beim Deutschen Schulpreis in der Endrunde, wird mit großem Engagement auf heterogene Klassen und Inklusion gesetzt, und die Schülerleistungen sind (trotzdem) überdurchschnittlich gut.

Hier zeigt sich, dass das zwingende Gegenteil von Inklusion nicht „keine Inklusion“ – diese sei „auf ganzer Linie gescheitert“, heißt es –, sondern eine durchdachte, machbare auf der Grundlage einer guten Ausstattung ist. Wobei es sich von selbst verstehen sollte, dass man bei einer solchen Auswahl die zivilisatorisch fortgeschrittenere Variante wählt. Allerdings hat Heterogenität im Unterricht Grenzen, auch das weiß man in Hamburg.

Was ist mit „Kuschelpädagogik“ gemeint?

Der Lehrer soll wieder eine „Autorität“ sein, kein „Lernbegleiter“ mit „Kuschelpädagogik“, heißt es weiter im Wahlprogramm. Auch das ist ein handfest klingendes, im Grunde aber von Unkenntnis zeugendes künstliches Gegensatzpaar. Was ist mit „Kuschelpädagogik“ gemeint? Der Begriff hat zwei Aspekte. Zum einen bezieht er sich auf einen, aus einer bestimmten Warte übertrieben zugewandten Umgang mit Kindern und Jugendlichen, zum anderen auf eine Pädagogik, die Schülern zu wenig abverlangt und sie zu ihrem eigenen Nachteil schont.

„Bildungsgüter“ sollen wieder zu ihrem Recht kommen. Aber was soll das heißen?„Bildungsgüter“ sollen wieder zu ihrem Recht kommen. Aber was soll das heißen?Picture Alliance

An dieser Schule, die einem ähnlichen Konzept folgt wie die Burgweide und ähnlich gut ausgestattet ist, wird Schülerzentrierung mit Disziplin, Selbstverantwortung und hohen Anforderungen verbunden. Auch hier sind die Leistungen überdurchschnittlich. Die autoritätsuntermauerte Lehrerzentrierung ist nicht die zwingende Alternative zur „Lernbegleitung“, eine fordernde Schülerzentrierung tut es auch, ist unter einer Perspektive der Menschenfreundlichkeit sogar näherliegend. Die AfD will „Anstrengung“ und Leistungsbereitschaft bei jungen Menschen belohnen. Aus welcher Idee von Bildung aber will sie deren Motivation schöpfen?

Zurück zu bewährten pädagogischen Konzepten

„Bildungsgüter“ sollen wieder zu ihrem Recht kommen, heißt es mehrfach, wobei der Begriff schon andeutet, dass damit keine beweglichen, sondern statische Güter gemeint sind, mehr im Sinne eines sich verschanzenden Ritterguts. Durch die Anhäufung dieser Güter soll das „Bildungsniveau“ gesteigert werden – was „Bildung“ genau ist, wird in dem „Regierungsprogramm“ aber nicht definiert. Das tun Parteien wie die SPD und die CDU zwar auch nicht in ihren aktuellen Wahlprogrammen.

Von der AfD aber wäre eine Bildungsdefinition schon allein deshalb zu erwarten, weil fast alles, was sie an Einzelmaßnahmen vorschlägt, einem verbreiteten Begriff widerspricht, der durch Freiheit, Offenheit, geistige Beweglichkeit, Selbstbestimmung, Universalität, Humanismus und vieles mehr geprägt ist.

Die AfD will zurück zu den „bewährten pädagogischen Konzepten“, schreibt sie, geprägt von Wissensvermittlung im Frontalunterricht, Hausaufgaben und regelmäßiger Leistungskontrolle, deren Überlegenheit sich schon dadurch erweise, dass ältere Generationen „besser gebildet“ seien als die jüngeren. Aber was ist das Wesen, die Idee hinter der angeblich „bewährten“ Bildung? Sie kann nur relational gefasst und auf ein unbestimmtes, verklärtes „Früher“ bezogen werden, das an die „Feuerzangenbowle“ erinnert.

Schüleraustausch mit Russland

Die AfD favorisiert ein dreigliedriges, „leistungsorientiertes“ Schulsystem, die Wiedereinführung von Hauptschule und Realschule solle geprüft werden, heißt es. Das bliebe ihr unbenommen. Komplett realitätsfern wirkt die Aussage, dass es ausreiche, wenn 25 Prozent eines Jahrgangs Abitur machten, das wieder schwerer werden müsse. Berücksichtigt man, dass etwa zehn Prozent eines Jahrgangs das Lehramtsstudium aufnehmen, was unter den momentanen Bedingungen noch immer zu Lehrermangel führt, bleibt wenig für andere Studiengänge übrig.

Die Noten sollen insgesamt schlechter werden, denn die Bewertungsschlüssel für alle Schulformen müssten angehoben werden, schreibt die AfD. Die Partei erwartet eine „Kaskadierung“, die das Niveau an allen Schulformen hebe. Der Gedanke ist nicht fernliegend, ausgespart aber bleibt die entscheidende Frage, wie groß das Sammelbecken an der Basis wird und was daraus organisatorisch und gesellschaftlich alles folgt. Die Partei will eine schwer überschaubare Großbaustelle eröffnen und scheint davon völlig unbeeindruckt. Das erscheint fahrlässig.

Im Geschichtsunterricht soll „mehr 1813 und 1871“ vorkommen – die „Nationswerdung“ und die „Erfolgsgeschichte“ unter Bismarck. Vom Geist der preußischen Bildungsreformen aber hat die Partei nichts gelernt. Grotesk, dass die AfD den Schüleraustausch mit Russland wiederbeleben will, dieser sei, heißt es, „das beste Mittel gegen die aktuell betriebene Hetze und das Schüren von Konflikten“. Wie es dort an den Schulen aussieht, an denen politische Indoktrination und der Unterricht an der Waffe zur Tagesordnung gehören, zeigt der Oscar-Gewinner-Film „Ein Nobody gegen Putin“, derzeit bei Arte zu sehen.

„Mit maximaler Härte“

Einen Vorgeschmack auf das Homeschooling – das unter bestimmten Voraussetzungen möglich werden soll – von Neurechten und Preppern liefert der dokumentarische Film „Kleine Germanen“. Ausgespart im AfD-Programm bleiben einige der größten Probleme des derzeitigen Bildungssystems wie die unzureichende (vorschulische) Sprachförderung, ohne die das oben so bezeichnete „Sammelbecken“ im mehrgliedrigen System weiter anwüchse.

Besonders konkret wird man an anderer Stelle. Gegen die „vor allem, aber nicht nur von Schülern mit Migrationshintergrund“ ausgehende Gewalt soll ein „dem Schulleiter unterstehender privater Wachdienst“ vorgehen. Gewalttäter sollen „mit maximaler Härte“ bestraft werden, auch „Spezialschulen“ werden ins Spiel gebracht. Hier wird der Ausnahmezustand an die Wand gemalt.

Die freie Entfaltung von Kindern und Jugendlichen in der Schule wird in dem Regierungsprogramm an keiner Stelle thematisiert, was damit zusammenhängen mag, dass man in Sachsen-Anhalt erst mit 18 Jahren wählen darf. Ein ganz anderes Bild vermittelt die AfD auf Tiktok. Da lächelt den jugendlichen Zuschauern der Spitzenkandidat Ulrich Siegmund bei seinen Pranks gegen linkes Spießerdenken an den Schulen des Landes freundlich zu. Das war Phase eins: die oppositionelle Spaßpartei.

Phase zwei wäre die AfD in Regierungsverantwortung als Partei der Härte und Kälte, die alles in Sonderklassen wegsperrt oder mit verschärftem Bewertungsschlüssel in der Schule scheitern lässt, was nicht ins Konzept passt. Das Bildungsprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt sollte Pflichtlektüre an den Schulen des Landes sein. Wenn die Partei schreibt, dass das „demokratische Prinzip“ in der Schule „fehl am Platz“ sei, so dürfte das für viele Schüler eine neue Geschäftsgrundlage darstellen. Bei den letzten U-18-Wahlen im Jahr 2025 war sie mit mehr als 30 Prozent die stärkste Partei.

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