Schopenhauer-Ausstellung: Denkt doch mal romantisch

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Schopenhauer und die Romantik: Was ließe sich über dieses Thema nicht alles sagen – wüsste man nur etwas! Tatsächlich spielt die Romantik, spielen die Romantiker bei ihm jedenfalls an der Oberfläche keine Rolle, es gibt in seinem Werk nur ganz vereinzelte Nennungen; die ausführlichste ist von 1844, sie findet sich in Kapitel 43 der „Welt als Wille und Vorstellung“, das sich mit der „Erblichkeit der Eigenschaften“ beschäftigt und Beispiele begabter Bruderpaare auflistet: „Ich würde auch hinzusetzen die Gebrüder Schlegel; wenn nicht der jüngere, Friedrich, durch den in seinem letzten Lebensviertel, im Verein mit Adam Müller getriebenen, schimpflichen Obskurantismus, sich der Ehre, neben seinem vortrefflichen, untadelhaften und so höchst ausgezeichneten Bruder, August Wilhelm, genannt zu werden, unwürdig gemacht hätte.“ Friedrich Schlegel war im vorgerückten Alter auf die Idee gekommen, die mittelalterliche Ständeordnung wieder einzuführen, das hatte dem Mittelalterhasser („Pfaffentrug“) den Rest gegeben. Und über Ludwig Tieck machte er sich wegen dessen Gottesglauben lustig. Insgesamt darf man sagen, dass Schopenhauers Hang, sich bei seinen Zeitgenossen unbeliebt zu machen, vor den Romantikern nicht haltmachte.

Wahrhaft revolutionär

Entsprechend überschaubar ist die von Thomas Regehly besorgte und nun im Frankfurter Romantikmuseum eröffnete Ausstellung geraten. Dieses vermeintliche Nichtverhältnis, das auf philosophischer wie auf philologischer Seite durchaus schon zur Sprache kam, wird in fünf Vitrinen vor allem in Gestalt von Buchausgaben (neben dem „Athenaeum“  Schopenhauers persönliches Exemplar von Goethes „West-östlichem Divan“, 1819) so gut belegt, wie es das spärliche Material eben erlaubt. Das Verdienst liegt nicht in der Illustration, sondern in dem stichwortartigen Zugriff aufs Thema. Unter den Begriffen „Revolutionaires“, „Naturphilosophie“, „Literatur“, „Indien“ und „Musik“ werden, jenseits der für sich genommen noch nicht sonderlich aussagefähigen Zeitgenossenschaft, nämlich durchaus Schnittmengen im Denken und im Weltverständnis dingfest gemacht, von denen das Erste und das Letzte wohl die zentralen sind.

Schopenhauers FlöteSchopenhauers Flöte

Wer die Ausstellung absolviert hat, wird, wie Thomas Regehly sich das zum Ziel gesetzt hat, jedenfalls „etwas vorsichtiger mit der Behauptung sein, Schopenhauer habe mit der Romantik überhaupt nichts zu tun“. Schopenhauer befand sich schon in seiner idealistischen Ausrichtung, die er für eigenständiger („revolutionair“) hielt, als sie tatsächlich war, in guter Nachbarschaft zu Novalis, der in seinen Werken zwar nirgends erwähnt wird, der aber mit seiner im „Athenaeum“ festgehaltenen Maxime „Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg“ 1798 das vorformulierte, was dann die  erkenntnistheoretische Konzeption der „Welt als Wille und Vorstellung“ wurde. Schopenhauers „Athenaeum“-Lektüre ist belegt. Die Orientierung an Indien kommt hinzu. Die Indologie ist, als Wissenschaft, quasi eine romantische Gründung, zu deren Etablierung Schopenhauer mit seinem im Alter geradezu ausufernden Zitieren der ja auch von Romantikern übersetzten Sanskrit-Literatur maßgeblich beigetragen hat.

Und dann natürlich die Musik: Den Romantikern ging sie über alles, Schopenhauer auch, eine Macht, höher als alle Vernunft und letztlich ein Schlüssel fürs Geheimnis der Welt. Der junge Schopenhauer kannte zumindest die „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ von Wackenroder/Tieck, von denen „Das merkwürdige musikalische Leben des Tonkünstlers Joseph Berglinger“ es ihm besonders angetan haben dürfte.

Eine naturphilosophische Nähe ergibt sich schon aus Schopenhauers Göttinger Studium, neben Schelling und Novalis wären Johann Wilhelm Ritter und Johann Friedrich Blumenbach zu erwähnen. Und das literarische Motto seines Hauptwerks geht auf Goethes Kappe: „Ob nicht Natur zuletzt sich doch ergründe?“ Dass er selbst sie ergründet habe, daran hielt der  „Buddha von Frankfurt“ lebenslang fest. Und dazu gehörte es nun einmal, seine gedankliche Eigenständigkeit herauszustreichen. Auch hier, nicht nur in der Einschätzung des Romantischen als des „Kranken“ im Gegensatz zum Klassischen als dem „Gesunden“, war Schopenhauer ganz Goetheaner: „Lebt man denn, wenn andere leben?“

„Schopenhauer und die Romantik: ,Der Weg führt nach innen!ʻ“ Deutsches Romantikmuseum Frankfurt, Handschriftenstudio. Bis 13. September. Kein Katalog.

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