Das pompöse Totsagen von Epochen und Moden der Geschichte und Kunst dient gewollt oder ungewollt fast immer deren Wiederbelebung und Aufblühen. So verhielt es sich mit Francis Fukuyamas Verkündung vom „Ende der Geschichte“, die seit 1991 hundertfach widerlegt wurde, und so trifft es auch auf das vermeintliche Ende der Ära der Musikvideoclips zu. Das Totschlagargument bei Letzterem war, mit dem Ende der notorischen Ausspielplattformen für dieses Medium (TV5, Viva, MTV und andere) sei der Rahmen für das Format verloren gegangen. Doch hat das Netz in Form von Youtube oder Vimeo längst für inoffiziellen, aber genauso häufig angeklickten Ersatz gesorgt, und es tun sich unverändert Musiker mit Videokünstlern zusammen, um Meisterwerke wie weiland Peter Gabriels „Sledgehammer“ oder Björks „All is Full of Love“ für gehöriges Geld zu schaffen.
Zu den aufwendigsten Musikvideos gehören seit den Achtzigerjahren jene Madonnas, von denen einige, offensiv religiöse Symbolik in Sexszenen verwandelnd wie 1989 „Like a Prayer“, offizielle Rügen des Vatikans und sogar kunstgeschichtliche Doktorarbeiten auslösten. Die Queen of Pop erregt auch jetzt wieder mit dem freizügigen Langvideo „Confessions II – Der Film“ mit einem Medley aus Tracks ihres neuen gleichnamigen Albums, das am 3. Juli erscheinen soll, mächtig Aufsehen.
Nichts macht neugieriger als ein Eklat
Wie Werbung durch Provokation funktioniert, weiß die heute Siebenundsechzigjährige noch immer – im Video strahlt nicht nur der Sängerin und den sie umgebenden Tänzern ein Laser aus dem Schritt, sie feiert auch deftige Champagner-Partys mit Supermodels wie Kate Moss, Sabrina Carpenter, Bad Bunny oder den Schauspielern Julia Garner und Benedict Cumberbatch. Selbst Madonnas Tochter Lourdes Leon erscheint am Ende in einem Cameo-Gastauftritt. Das Video des Regie-Duos TORSO (bestehend aus den Regisseuren David Toro und Solomon Chase) hat mit dreizehnminütiger Laufzeit beinahe die doppelte Dauer beispielsweise von Björks bisher längstem Clip „Ancestress“, wobei die Bilder ab Minute zehn enden und der Rest personalintensiver hollywoodverdächtiger Abspann ist.

Tatsächlich ist der mit Bondage-Szenen und Strapsen stark aufgesexte Musikfilm „Confessions II“ voller Anspielungen auf Hollywoodklassiker: mit dem Blick auf geöffnete Frauenbeine auf einem Stuhl wie in „Basic Instinct“ oder aus Menschen dringenden Lichtstrahlen wie in „Matrix“, aber auch dem Zitieren der eigenen Videographie Madonnas (für Sekunden erscheint sie im Bild als jüngere Version ihrer selbst mit dem platinblonden kurzen Haar der Neunziger). Text und Bilder wiederholen die quasi Augustinischen Bekenntnisse des ersten Teils von Madonnas „Confessions on a Dancefloor“ aus dem Jahr 2005: Tanzen befreit, der Tanzboden ist Schwelle und Rite de Passage vor allem für Jugendliche („The dancefloor is not just a place, it’s a threshold!“), es solle dort keine Bewertungen („No judgement!“) von außen geben – und es geht um nichts Geringeres als Liebe, Ruhm und Religion.
Schweiß und Champagner
Das – etwas aufgesetzt wirkende – Hadern mit der eigenen Berühmtheit und dem ständigen Beobachtetwerden leitet das Video ein. Wie ein nächtliches Sondereinsatzkommando mit Kameras und Scheinwerferstrahlen anstelle von Waffen dringen futuristische Kamerafrauen (wie überhaupt außer Bad Bunny, Benedict Cumberbatch und einigen Knaben in einer Unisex-Toilette kaum Männer vorkommen) in ihr Haus ein und führen Madonna ab. Im Freien beginnt mit mehreren Tänzern das erhitzte Lasergeblitze aus dem Schritt wie das gewissermaßen sakralisierende Licht auf Courbets Gemälde „Ursprung der Welt“, jedoch auch dem Anus. Die Sängerin emanzipiert sich von den heißen Strahlen und läuft unverletzt durch einen grünen Laserparcours wie Ingeborg Bachmanns Salamander durchs Feuer.
Möglicherweise soll dem Betrachter hier vermittelt werden, dass das energiegeladene Laserlicht der Discos bereits a priori in den Tanzwütigen steckt. Ähnlich wird der Regen auf einer Fensterscheibe, hinter der Madonnas Gesicht nur verschwommen zu sehen ist, in der Folge zum Schweiß und Champagner, den die Dionysos-Jüngerinnen reichlich vergießen. Doch wird die Sängerin diese Mattscheibe – vielleicht die Linse einer zudringlichen Kamera? – später zerschlagen. Ein Ausbrechen aus dem Korsett der unausgesetzten Big-Brother-Überwachung?
Tanz als Völkerverständigung
Der Dancefloor jedenfalls wird als Safe Space vorgestellt, auf dem wie einst in Madonnas früherer New Yorker Lieblingsdisco „Studio 54“ alles erlaubt ist, was auch in aller Ausführlichkeit im Video ausgemalt wird. Die Tänzer verstehen sich nonverbal durch Körpersprache („Movement is language“), der Tanz, so Madonnas immer schon vorgetragenes Credo, ist die beste Völkerverständigung.
Raffiniert sind vom Regie-Duo TORSO die Anspielungen innerhalb der Musikvideogeschichte eingewoben. Die dunkle Anfangsszene der „Gefangennahme“ in der Nacht birgt einige Zitate aus Michael Jacksons „Thriller“. Und wenn die Sängerin zu schnell und offenbar trunken in Schlangenlinien durch die nächtliche Stadt kurvt, zitiert der Film mehrfach Jonas Åkerlunds berüchtigtes Video „Smack My Bitch Up“ für die britische Gruppe The Prodigy, ein drogengeschwängerter Passionsweg einer Frau. Die schlingernden Autobewegungen werden zudem mit einem „Tanz“ Madonnas auf einem schwarzen Tisch gegengeschnitten und synchronisiert.
Am Ende blinkt minutenlang grell die epilepsieverdächtige Schrift „Meet me on the dance floor!“ wie ein Menetekel an der Wand auf. Ob man Madonna darin bedingungslos folgen will, bleibt nach diesem filmischen Hedonismus wohl bei manchem offen.

vor 1 Stunde
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