Wir müssen uns Jan Philipp Reemtsma als unglücklichen Menschen vorstellen. Zumindest an diesem Abend. Denn gleich zu dessen Beginn wünschte er sich eine Fee, die durch den Raum ginge und ihm einen Wunsch erfüllte: „Das Öffentliche-Meinung-Haben möge reduziert werden.“ Diese Fee kam nicht. Oder wenn sie eingeschwebt sein sollte, muss sie den Hamburger Literaturwissenschaftler und Kulturdiagnostiker falsch verstanden haben.
Es wird viel gemeint an diesem Abend in Nürnberg, in der Ruine der kriegszerstörten Katharinenkirche. Dorthin hat PEN Deutschland eingeladen, zum Auftakt einer Gesprächsreihe namens „frei & geist“-Tour, die sich im Laufe eines Jahres in jedem einzelnen Bundesland der Frage widmen soll, was diese Gesellschaft umtreibt. Und Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen und neben Reemtsma auf der Bühne sitzend, weiß die Antwort, weil er Umfragen gelesen hat: Die Menschen hätten das Gefühl, ihre Meinung nicht mehr frei sagen zu dürfen. Das Dach des demokratischen Diskurses leckt also. Da passt es, dass die Katharinenkirchenruine gar kein Dach mehr hat. Ein einzelner stehen gebliebener Gewölbebogen rahmt die Bühne. Fragil ist der Zustand unserer Gesellschaft. Um das zu wissen, braucht es keine Umfragen, dafür muss man einfach ins Freie. Hinaus aus den üblichen Blasen. Hinein ins Gespräch. Wie es diese Reihe will, bei der die F.A.Z. als Medienpartner engagiert ist.
Wenn das Politikergespräch einsetzt, ist die sonstige Unterhaltung perdu
Moderiert wird ihr erster Abend (wie auch die folgenden; der nächste steht schon am 25. Juni in Halle an) von Mathias Politycki, Schriftsteller mit dezidierten Meinungen und Präsident von PEN Deutschland. Die Gesprächsreihe ist seine Idee – es galt, der vor zwei Jahren durchgeführten aufmerksamkeitsstarken Ostdeutschland-Diskussionsreihe der Konkurrenz von PEN Berlin etwas entgegenzusetzen – und die Auswahl der Gäste ebenfalls. Sie ist erstaunlich.
Schon den feingeistigen Reemtsma hat man sich schwer neben dem freigeistigen Palmer vorstellen können, aber da sitzt auch noch Jenny Erpenbeck, die aktuell im Ausland meistwahrgenommene deutsche Schriftstellerin, deren thematisch gegen so manche hiesige Mehrheitsmeinung anerzählende Bücher (vor allem der Roman „Gehen, ging, gegangen“) nicht vermuten ließen, dass sie irgendetwas mit dem populistischen Palmer gemein haben könnte. Als Konzession ans Nürnberger Lokalkolorit ist schließlich noch Ulrich Maly geladen, zwanzig Jahre lang SPD-Oberbürgermeister der Stadt. Mit „Boris“ ist er per Du, und wenn die kumpelhafte schwäbisch-fränkisch intonierte Politikerprivatunterhaltung einsetzt, ist die sonstige Debatte erst einmal perdu.
Das Format der Gesprächsreihe ist durchaus interessant: Jeder Gast ist aufgerufen, zu Beginn kurz zu berichten, was ihm aktuell am wichtigsten ist. Erpenbeck sorgt sich um die weitere Relativierung der Wahrheit in Zeiten von KI, Maly um den generellen Zustand der Demokratie. Große Themen, aber mehr als fünf Minuten stehen ihnen jeweils dafür nicht zur Verfügung, und über die Einhaltung dieses Zeitrahmens wacht Polititycki streng mit Stoppuhr und Glocke. Letztere kommt an diesem Abend jedoch nur einmal zum Einsatz, natürlich bei Palmer, den die jüngste Skandalisierung umtreibt, deren Opfer er wurde, weil er bei einer Sportler-Ehrung in seiner Stadt eine auszuzeichnende Rollstuhl-Tischtennisspielerin dadurch diskriminiert haben soll, dass er ihr keine Rampe für die Auffahrt zur Bühne stellen ließ. 1800 Euro hätte der Aufbau gekostet, das Angebot von Sponsoren, die Kosten zu übernehmen, lehnte Palmer ab: „Es geht mir ums Prinzip.“ Mit der Sportlerin sei nämlich im Vorfeld alles abgesprochen gewesen. Doch plötzlich habe sie ihr Anliegen zum Menschenrecht erklärt, „und alle Andersmeinenden gelten nun als Menschenrechtsverletzer“.
Reemtsma würde gern einmal gestört werden
Reemtsma ist als Letzter dran, nachdem Palmer abgeläutet wurde, und seine Anfangsausführung hätte die ganze folgende Veranstaltung gegenstandslos machen können: „Das bloße Meinen ist uninteressant, äußern sollte man sich nur zu Dingen, von denen man etwas versteht.“ „Meinen“ wird trotzdem das meistgenannte Wort des Abends bleiben, wahlweise als „Meinungsfreiheit“ (wollen wir unbedingt) oder „Meinungsdruck“ (wollen wir nicht). Reemtsma ficht das nicht an: „Wer drückt wen? Empfinden Sie das so? Was tun Sie denn dagegen?“ Die Ruhe seiner Einlassungen täuscht über die Kampfbereitschaft des Gelehrten hinweg.
Reemtsma vermisst etwa die Erfahrung öffentlicher Störung eines seiner Auftritte – und damit just das, was die Veranstalter für diesen Abend gefürchtet hatten (allerdings wegen Palmers Anwesenheit). Diese Sorge war unbegründet: Das Publikum in der seit Wochen ausverkauften Ruine ist mehrheitlich weit jenseits jenes Erregungsalters, das die von Politycki als „Kochtopfgeneration“ bespöttelten Demonstranten hatten, die vor anderthalb Monaten hier in Nürnberg einen Vortrag des Philosophen Philipp Hübl mittels haushaltsgeräterzeugtem Lärm störten.
Auch Erpenbeck bedauert, dass Gespräche so oft in Übereinstimmung stattfänden, Reemtsma nennt solche Unterhaltungen schlicht „langweilig“. Das soignierte Timbre seiner Einlassungen besticht, macht aber zugleich die Gesprächsführung schwierig, denn auf eine Verteidigung des Meinens will sich ihm gegenüber niemand einlassen; könnte es doch sein, dass man dabei dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments begegnete. Da klagt man lieber wie Maly über Sachzwänge als probate Aushebelung rationaler (und somit demokratischer) Verständigung, wie Politycki über blasenimmanentes Reden oder wie Palmer über Intoleranz im Namen der Toleranz. Natürlich gibt es dazu jeweils keinen Widerspruch.
Nach knapp anderthalb Stunden geht das öffentliche Gespräch ins Informelle bei Flammkuchen und Getränken mit dem Publikum über. Leider müssen die meisten Bühnenakteure gleich auf den Heimweg. Reemtsma womöglich auch angesichts der Aufforderung Polityckis an die Zuhörer, doch noch kurz von ihrer Meinungsfreiheit vor der Kamera Gebrauch zu machen: „Wir drehen kleine Videos und stellen sie als Deutschland-Tapete ins Netz.“ Die gute Fee hat versagt: Auch hier soll wieder kräftig öffentliche Meinung gehabt werden.

vor 2 Stunden
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