Ein unscheinbarer Transporter am Rand von Odessa. Die kleine Crew in dem Van jagt Shahed-Drohnen, mit denen Russland die Stadt am Schwarzen Meer fast jeden Tag angreift. Die Ukrainer nutzen dafür neuartige, rasend schnelle Abfangdrohnen.
Demon (Navigator):
»Das sind Multirotor-Drohnen, die senkrecht starten. In der Luft kippen sie dann in die Horizontale und beschleunigen auf über 300 Kilometer pro Stunde. So kommen sie sehr schnell zum Ziel. Und der Vorteil ist, dass sie von jedem Gelände aus starten können. Zwei Meter freier Raum genügen, um aufzusteigen. Man stellt das Ding hin, schließt sie an und startet. Fertig.«
Luftalarm im Stadtzentrum, mitten am Tag. Sofort steigen die kleinen Abfangdrohnen auf. Russlands Angriffe auf Odessa haben in diesem Jahr massiv zugenommen – mit ballistischen Raketen und vor allem mit Shahed-Drohnen. Die Spuren von Einschlägen sind allgegenwärtig. Doch die Odessiten können sich im Moment relativ sicher fühlen. Zumindest auf die Kamikazedrohnen hat die Ukraine eine Antwort gefunden: Die kleinen Abfänger kosten nur rund 2000 Dollar und haben eine beachtliche Trefferquote, erzählt Drohnenpilot Nikolas.
Nikolas (Pilot):
»Ich schätze, 90 bis 95 Prozent der Shaheds schießen wir über dem Meer ab. Bis zum Ufer kommen nur noch einige wenige durch.«
Wird die Flugabwehr am Schwarzen Meer in dieser Nacht auch so erfolgreich sein?
Seit einigen Monaten ruft die halbe Welt in Kyjiw an und fragt nach diesen Drohnen. Der Grund: Im Krieg gegen Iran standen die reichen Golfstaaten vor demselben Problem wie Odessa: Shahed-Drohnen stürzten sich auf die kritische Infrastruktur Katars, Kuwaits und anderer Golf-Anrainer. Ihre Patriot-Abfangsysteme, hergestellt in den USA, mit Millionenkosten je Schuss, waren nach wenigen Tagen größtenteils aufgebraucht. Inzwischen sind am Golf mehr als 200 ukrainische Drohnenspezialisten im Einsatz – mit dem neuesten Know-how aus ihrem Krieg.
Nikolas, Pilot:
»Ich bin ziemlich stolz auf das, was wir hier als Team leisten. Wir tragen viel zum Schutz des Luftraums bei, während unsere Familien in der Stadt schlafen. Genauer gesagt: Wir tun alles dafür, dass unsere Familien ruhig schlafen können. Und das gelingt uns, wie ich denke, ganz ordentlich.«
Schulz (Techniker):
»Meine ganze Familie ist hier, meine Eltern, meine Frau, meine Kinder. Wir werden die Stadt beschützen, so gut wir können, nicht nur vor den Drohnen, sondern auch vor den Orks [russische Soldaten]. Das ist unsere Stadt.«
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert inzwischen länger als der Erste Weltkrieg. An Odessas Stadtstrand ist es der fünfte Sommer im Ausnahmezustand.
Hryhorij (Rentner)
»Die Soldaten der Luftverteidigung sind tüchtig. Ich sehe sie jeden Tag wenn ich die Küste entlanggehe. Beneidenswert ist ihre Lage nicht, Krieg ist Krieg, auch sie kann es jederzeit treffen. Aber ich sehe sie als Helden.«
Julia (23 Jahre alt):
»Ich habe mich daran gewöhnt. Der Mensch gewöhnt sich an alles. Wenn etwas bei dir in der Nähe eingeschlagen ist und du noch lebst, freust du dich schon ein bisschen. Du weißt nie, ob es dich trifft oder das Nachbarhaus. Angst ist immer da.«
Lisa (20 Jahre alt):
»Ich habe im Internet gesehen, dass es hier ein Fotoshooting mit Pferd gibt. Da habe ich zugesagt. Warum denn nicht? Meistens sind die Alarme nachts. Dann gehen wir in den Schutzraum und können kaum schlafen. Aber hier direkt am Meer war es bisher immer sicher.«
In dieser Nacht lauert auch diese Waffe auf russische Shaheds. Ein sowjetisches Flak-Geschütz. Fast ein Museumsstück – mit brachialer Feuerkraft.
Juri (Kommandeur):
»Die Kanone ist Baujahr 1964. Ich bin 1972 geboren. Das Ding ist also noch um einiges älter als ich. Es ist eine großartige Waffe. Wir kommen auf knapp tausend Schuss in der Minute. Und sie zerstört das ganze Ziel in der Luft, komplett, da fällt nichts herunter und richtet am Boden Schäden an.«
Navigator:
»Also, vorerst fliegen sie Richtung Odessa, wahrscheinlich auf den Hafen. Aber es ist noch früh. 30 Kilometer Entfernung.«
Eine russische Drohne ist im Anflug.
Navigator:
»Die kommt direkt auf uns zu. Wir machen uns bereit. Wenn sie weiter auf uns zuhält, schießen wir bei Azimut achtzig drauf.«
Noch wenige Minuten, dann müsste die Shahed in Schussweite sein. In solchen Momenten denkt Flak-Schütze Dmytro an seine Familie.
Dmytro:
»Oft rufe ich meine Frau an oder schreibe, dass gerade Shaheds auf die Stadt fliegen. Wir haben auch Kinder zu Hause. Und da habe ich natürlich Angst um meine Familie.«
Milena:
»Ich habe selbst zwei Onkel, die gerade dienen. Einer ist in der Drohnenabwehr, der andere ist direkt an der Frontlinie eingesetzt.«
Olexandr:
»Die Russen versuchen, uns zu entmenschlichen, uns wie Kakerlaken zu behandeln. Sie denken auch wirklich, dass wir Kakerlaken sind. Aber wenn ich dann unsere Verteidiger sehe, dann verstehe ich: Nein, ich bin ein Mensch und ich werde auch von Menschen beschützt.«
Die Flak-Soldaten haben die russische Drohne weiter genau im Blick.
Juri (Kommandeur):
»Moment. Er dreht zur Seite ab?«
Navigator:
»Ja, er fliegt nicht direkt zu uns, er zieht seitlich an uns vorbei.«
Juri (Kommandeur):
»Wir versuchen es trotzdem.«
Dmytro:
»Geladen!«
Juri (Kommandeur):
»Gefechtsbereit.«
Und dann ist alles ganz schnell vorbei.
Navigator:
»Schutzwesten ausziehen. Wir haben gesiegt!«
Die Gefahr ist gebannt – ohne einen einzigen Schuss aus der Flak. Die kleinen Abfangdrohnen haben die gesamte Angriffswelle allein abgewehrt. Dem Richtschützen Dmytro gefällt seine archaische Kanone trotzdem besser.
Dmytro:
»Die Drohnenpiloten können von ein paar Kilometern Entfernung arbeiten oder ein paar hundert und sogar von zu Hause aus quasi, das ist egal. Nur hier, da höre ich wenigstens noch meine eigene Explosion.«
Homeoffice haben diese Soldaten nicht. Zehn Tage müssen sie jeweils in der Stellung verbringen, dann können sie für drei Tage zu ihren Familien in die nur wenige Kilometer entfernte Stadt.
In den vergangenen drei Monaten haben Dmytro und sein Team keine einzige Drohne durchgelassen, sagen sie.
Doch die Erfolgsgeschichte der ukrainischen Flugabwehr hat ihre Grenzen: Denn weder Flak noch Abfangdrohnen helfen gegen ballistische Raketen. Diese kann nur das amerikanische Patriot-System abfangen – und seit dem Irankrieg ist die Munition dafür extrem knapp. In letzter Zeit sind zwei von drei russischen Raketen in der Ukraine durchgekommen.
Und auch die Shahed-Drohnen dürfte Russland gegen die ukrainischen Abfangdrohnen rüsten. Beide Seiten suchen ständig nach technischen Schlupflöchern.
Schulz:
»Katapult bereit machen! Katapult bereit! Start!«
Drohnenpilot Nikolas und seine Crew testen eine neue Abwehrdrohne, die per Katapult gestartet wird.
Nikolas:
»Ich weiß nicht, was das ist! Die verdammte Verbindung bricht ständig ab. Schau, die fällt runter, siehst du? 140 Meter, 130 Meter … Mist.«
Die neue Drohne verfehlt ihr Ziel. Nikolas ist die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben.
Nikolas:
»Die ganze Technik entwickelt sich halt immer weiter, auch jetzt gerade mit künstlicher Intelligenz, das kommt mehr und mehr. Die Zukunft gehört den Drohnen, soviel steht fest.«
Und dann kommt schon die nächste Angriffswelle mit Shaheds auf die Stadt.
Schulz:
»Hier geht der Angriff los, aber unsere Jungs arbeiten daran, pass trotzdem auf dich auf, mein Schatz. Kuss.«

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