Russland will seine Geburtenrate steigern, deshalb sollen Frauen ohne einen Kinderwunsch künftig von ihrem Arzt an einen Psychologen überwiesen werden. Das geht aus neuen Richtlinien des Gesundheitsministeriums hervor, die Ende Februar verabschiedet wurden und über die Staatsmedien in dieser Woche berichteten.
Gemäß den neuen Richtlinien sollen Ärzte Frauen bei Untersuchungen fragen, wie viele Kinder sie haben möchten. Gibt eine Frau an, kein Kind haben zu wollen, wird den Angaben zufolge »empfohlen«, sie zu einem Gespräch bei einem Psychologen zu schicken, »mit dem Ziel, eine positive Einstellung in Bezug aufs Kinderkriegen zu entwickeln«.
Hoher Druck auf Frauen
Schon jetzt ist der Druck auf Frauen in Russland, Kinder zur Welt zu bringen, massiv. Doch angesichts niedriger Geburtenraten wirken die Maßnahmen im flächenmäßig größten Land der Erde immer verzweifelter.
Auch in dem sonst Putin treu ergebenen Menschenrechtsrat des Präsidenten regt sich Widerstand. »Zwang zur Fortpflanzung. Anders kann ich diese Initiative nicht bezeichnen, die eine Frau von einer freien Persönlichkeit in ein Instrument zur Verbesserung der demografischen Lage verwandelt«, sagte die Ärztin Olga Demitschewa in dem Gremium.
Putin: Steigerung der Geburtenzahl als dringliche Aufgabe
Die Expertin Catherina Hinz sagte der Deutschen Presse-Agentur zu der umstrittenen Initiative in Russland: »Das kommt einer Entmündigung gleich.« Zudem werde in Zeiten mit vielfältigen Krisen und unsicheren Perspektiven der Kinderwunsch oft zurückgestellt, bei wirtschaftlichem Aufschwung hingegen ändere sich das, sagt Hinz. Wichtig seien viel mehr Anreize wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine ausreichende Zahl an Kinderbetreuungsplätzen.
Kremlchef Wladimir Putin selbst hat die Steigerung der Geburtenzahlen immer wieder als dringlichste Aufgabe genannt. Es gehe um die Existenz Russlands, betonte er und forderte immer neue Vorschläge von seinen Beamten. Die Liste der Maßnahmen ist inzwischen lang. So erhalten etwa bisweilen Schülerinnen Prämien, wenn sie bei einer Schwangerschaft das Kind austragen.
Geburtenrate so niedrig wie seit 200 Jahren nicht
Frauen sehen sich oft gedrängt, möglichst früh schwanger zu werden, damit sie ihre Fruchtbarkeitsspanne voll ausnutzen. Gesundheitsminister Michail Muraschko sagt, Frauen sollten sich nicht um ihre Ausbildung und Karriere, sondern zunächst um den Nachwuchs kümmern. »Eine Frau muss verstehen: Je früher sie gebiert, umso besser.«
Die Geburtenrate in Russland liegt bei etwa 1,4 Kindern pro Frau und damit so niedrig wie seit 200 Jahren nicht. Zudem wurden in den vergangenen Jahren Hunderttausende junge Männer an die Front in der Ukraine geschickt. Laut Demografen ist ein Wert von 2,1 notwendig, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten.

vor 2 Stunden
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