Ungestört wachsende Urwälder spielen einer Analyse zufolge im Kampf gegen die Klimakrise eine weit größere Rolle als bisher angenommen. Sie speichern wesentlich mehr Kohlenstoff als bewirtschafteter Forst, wie ein schwedisches Forschungsteam im Fachjournal »Science« berichtet. Die Folgen der zunehmenden Umwandlung natürlicher Wälder in bewirtschafteten Forst auf das Klima seien womöglich deutlich größer als bisher angenommen.
Landökosysteme binden etwa 30 Prozent der vom Menschen verursachten Kohlendioxid-Emissionen, vorwiegend in Wäldern. Die von Nadelbäumen dominierten Wälder der nördlichen Klimazone – boreale Wälder genannt – ziehen sich als grüner Gürtel um die Nordhalbkugel und bilden die größten zusammenhängenden Waldflächen der Erde. Entsprechend wichtig sind sie als Kohlenstoffsenke.
Vor allem der Boden macht den Unterschied
Unberührte boreale Urwälder speichern dabei über 70 Prozent mehr Kohlenstoff als bewirtschafteter Forst, hat das Team um Didac Pascual von der Universität Lund nun für schwedische Waldflächen berechnet. Einen Großteil des Unterschieds zwischen den Waldtypen machen demnach die Böden aus. Einfluss darauf haben unter anderem Faktoren wie Entwässerung und Bodenbearbeitung im Forst.
»Das überraschendste Ergebnis ist die große Menge an Kohlenstoff, die im Boden von Urwäldern gespeichert ist«, erklärte Mitautor Anders Ahlström von der Universität Lund. »Es handelt sich um dieselbe Menge wie der gesamte Kohlenstoff in bewirtschafteten Wäldern – Bäume, Totholz und Boden zusammen.«
Insgesamt speicherten unberührte Primärwälder in Schweden 9,9 Kilogramm Kohlenstoff pro Quadratmeter mehr als bewirtschaftete Sekundärwälder, hieß es. Das sei 2,7- bis 8-mal mehr als nach früheren Schätzungen. »Zum Vergleich: Dieser Unterschied entspricht 151 Prozent der gesammelten fossilen CO₂-Emissionen Schwedens seit 1834 oder etwa 211 Jahren der CO₂-Emissionen Schwedens bei den derzeitigen Emissionsraten.«
Kahlschlag im Primärwald
»Die weltweit steigende Nachfrage nach Holzprodukten hat die Forstwirtschaft intensiviert und ihren Umfang erweitert«, heißt es in der Studie. Abholzung habe die Fläche ehemals unberührter Primärwälder bereits drastisch reduziert, jüngste Erkenntnisse deuteten auf eine anhaltende Ausweitung der Forstwirtschaft in borealen Wäldern hin. In Schweden zum Beispiel hätten zwischen 2003 und 2019 rund 20 Prozent aller Kahlschläge in alten Wäldern stattgefunden, die zuvor als unberührte Primärwälder klassifiziert waren.
Die Bewirtschaftung borealer Wälder ist den Forschenden zufolge von Maßnahmen wie Kahlschlag, gezielter Auslichtung, Pflanzung schnellwüchsiger Bäume, Düngung, Entwässerung und Bodenvorbereitung etwa durch Pflügen geprägt, die die Holzernte und -qualität maximieren sollen. Bisher sei es wegen begrenzter Daten aus ungestörten Wäldern schwierig zu quantifizieren gewesen, wie sich das auf die Kohlenstoffspeicherung auswirkt.
Das Team kombinierte nun schwedische Waldinventurdaten mit gezielten Untersuchungen in Wäldern. Erfasst wurde der Kohlenstoff in Vegetation, Totholz, Böden und Holzprodukten, darauf basierend wurde die gesamte Kohlenstoffspeicherung abgeschätzt.
Die Bedeutung borealer Urwälder für den Klimaschutz werde unterschätzt, lautet das Fazit der Forschenden. »Die Umwandlung von Urwäldern verringert die Kohlenstoffspeicherung der Landschaft stärker als bisher angenommen«, sagte Pascual. Ein großer Teil der jährlichen Kahlschläge finde in Urwäldern statt. »Der Schutz der verbleibenden Urwälder und die Erholung unbewirtschafteter Wälder könnten wesentlich größere Klimavorteile bieten als frühere Studien gezeigt haben.«

vor 2 Stunden
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