Russisches Exil in Paris: Das Kreuzworträtsel vom Kreuzesruhm

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Wer mit der Lektüre von Felix Philipp Ingolds Buch „Paris als Exil – Die Einwanderung aus Russland 1910 bis 1940“ beginnt, wird es bis zum bitteren Ende nach 500 Seiten nicht aus der Hand legen. Dreißig Schicksale ziehen am Leser vorbei: Dichter, Philosophen, Ideologen, Musiker, ein Massen­mörder. Sie leiden an Russland, leben unter der Armutsgrenze in der Stadt der Lichter, verzehren sich vor Heimweh, der berüchtigten russischen „toska na rodine“, deren Gegenstand, die Heimat (rodina), schon immer nur eine Utopie war. Sie klappen das Buch zu und merken, dass die verzweifelte materielle Lage der Emigranten, ihre ideologischen Irrwege, ihr mentale und physische Selbst­zerschleiß durch unheilbare Sehnsucht Sie mitnimmt. Ingold schafft es, durch seine auf die Essenz verknappende Art zu schreiben, seine Prot­agonisten so unmittelbar darzustellen, dass sie Ihnen etwas bedeuten.

Wir sind, was Russland betrifft, nicht naiv. Wir haben quasi als Nation im Oktober 2024 und 2025 den Friedenspreisreden der Historiker Anne Applebaum und Karl Schlögel zugehört. Beide mahnten eindringlich (und Schlögel den Tränen nahe), es bestehe Handlungs­bedarf gegenüber Putins brutalem neoimperialen Russland. Wir kennen Philip Shorts klarsichtige Biographie Putins (2022) – oder sollten jede Seite davon auswendig kennen – und Martin Schulze Wessels „Fluch des Imperiums“ (2023), eine bündige Darstellung der Genese des russischen Selbstverständnisses als allerlösendes Imperium.

Mit sieben Francs am Tag dahinvegetiert

Was Ingold, ein seit Langem ausgewiesener Kenner der russischen Kultur und origineller Schriftsteller, der klugen jüngeren Literatur über Russland hinzufügt, ist eine Innenperspektive von großer Widersprüchlichkeit und Intensität. In dreißig Schicksalen präsentiert er die Erfahrung der Brutalität Russlands nicht erst nach der Oktoberrevolution, sondern schon immer. 80.000 russische Bürger kommen allein zwischen 1918 und 1930 nach Frankreich. Das sind nur zehn Prozent aller Emigranten aus Russland. Im Jahr 1926 wohnen 35.000 von ihnen in Paris. Ihre Gegenwart wird als „massenhaft“ empfunden, weil sie zusammen­geballt und nach außen abgeschottet leben, in einer „Russie en miniature“.

Das Cover zu Felix Philipp Ingolds BuchDas Cover zu Felix Philipp Ingolds BuchVerlag

Nach einem fulminanten Überblick über die sozialen und ideologischen Strukturen der exilrussischen Präsenz in Paris betritt man Ingolds genial arrangierte Galerie von Einzelporträts, die nach Genre (Dichtung, Musik, Malerei Politik) als konterkarierende Paare vorgestellt werden. Er beginnt mit Konstantin Balmont, Großlyriker des Symbolismus, und Boris Poplawskij, dem russischen Rimbaud, der zwischen Mysti­zismus und Surrealismus oszilliert, von sieben Francs am Tag dahinvegetiert, das aber selbstbewusst: „Ich bin ein Mensch in nächster Nähe der Genialität, [näher] als sämtliche meiner Zeitgenossen – das Schreiben widert mich an.“ Er starb mit 32 Jahren, ein Bündel Elend, aber als Verfasser exquisiter Verse über den Tod, der wie alle Texte in diesem Band von Ingold mit musikalischer Eleganz ins Deutsche übertragen wurden. „Schon damals begriff ich, daß mir von der Ewigkeit nur wenig vorbehalten ist“, heißt es im Gedicht „Todesinsel“ von 1931, das so endet: „Die Luft ist erfüllt von Heiterkeit und Lüge / Schwarz die Straße, Gepolter von Blicken, jedes Lächeln ein Schlag / Gefahr / Und im Schatten des Kirchturms spielte ein Herumtreiber Flöte / Leise-leis/ Kaum hörbar / ... / Das Kreuzworträtsel vom Kreuzesruhm / Hat er gelöst / Er ist frei.“

Auch monströse Schlächter gingen nach Paris

Es folgen Dimitri Mereschkowski und Sinaida Gippius, einander fünf Jahrzehnte lang in einer asexuellen mystischen Ehe verbunden. Er ein epochal berühmter Autor historischer Romane; sie Autorin in allen Sparten und schon in St. Petersburg berühmt für ihre Promiskuität und Religiosität, für ihr oppositionelles respektloses und hochmütiges Auftreten. Von 1927 an führten sie den zunehmend völkisch orientierten Salon „Die grüne Lampe“. Mereschkowski litt an der bolschewistischen Zerstörung Russlands und pries am Ende seines Lebens Mussolini und Hitler als Befreier Russlands. Zu seiner Beerdigung 1941 kam niemand.

Es schließen sich an die Philosophen Nikolai Berdjajew und Georges Gur­djieff, den die todkranke Katherine Mansfield konsultierte, und zwei Männer der Tat: der „hochkultivierte Schwerverbrecher“ Boris Sakinow, bekannt für seine Terrorromane „Das fahle Pferd“ (1909) und „Das schwarze Pferd“ (1924), sowie der mon­ströse Schlächter Nestor Machno, ein Bauernführer, dessen an­archistische Bewegung, die Machnow­­­sch­tschina, zwischen 1917 und 1922 große Teile der östlichen Ukraine beherrschte. Sie wurde durch die Rote ­Armee zerschlagen. Machno floh nach Paris, wo er unter Vereinsamung und ex­tremer Armut litt und 1934 an Tuberkulose starb.

Am stärksten berührt das Schicksal von Marina Zwetajewa

Das Exil der vier Maler Kandinsky und Chagall, Erté (Roman Tyrtow) und Filipp Maljawin verlief glücklicher. Zu Ingolds Favoriten gehört der experimentelle Dichter, Grafiker und Buch­gestalter ­Iliazd (Ilia Zdanevich), dessen Lyrik Ingold übersetzt und unter dem Titel „Wortlos verurteilt“ dieser Tage in einer zweisprachigen Ausgabe (auch im Arco Verlag) herausgegeben hat.

Ingold präsentiert auch glänzende Porträts von Sergei Diaghilev, Igor Strawinski, Alexandre Kojève, Iwan Bunin, Vladimir Nabokov sowie der dezidiert nicht emigrierten Schriftsteller Wladimir Majakowski und Boris Pasternak als Gegenpositionen. Es ist aber das Schicksal der Dichterin Marina Zwetajewa, das am stärksten berührt. Als sie nach vierzehn Jahren der Ausgrenzung in Paris und einem Leben an der Armutsgrenze 1939 in die Sowjetunion zurückkehrte, weil ihre Tochter Ariadna und ihr Mann Sergej Efron diesen Weg schon 1937 aus Überzeugung und Heimweh gegangen waren, hatte der Geheimdienst die beiden bereits verhaftet. Der Sohn wurde eingezogen und fiel an der Front. Die Dichterin erfuhr das nicht mehr. Sie erhängte sich am 31. August 1941. Efron wurde wenige Wochen später erschossen. Nur Ariadna überlebte.

Felix Philipp Ingolds „Paris als Exil“ ist ein Buch von großer Wucht. Lesen Sie es.

Felix Philipp Ingold: „Paris als Exil“. Die Einwanderung aus Russland 1910 bis 1940.
Arco Verlag, Wuppertal 2025. 508 S., br., 29,– €.

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