Einmal im Jahr, wenn’s denn hochkommt, wird der deutsche Fernsehzuschauer daran erinnert, dass es noch eine slawische Minderheit in Deutschland gibt. Zumeist zu Ostern zeigt man dann fahnentragende Reiter im Zylinder, also wenn die Ostereier im östlichen Sachsen und Teilen Brandenburgs besonders fein und ornamentreich bemalt werden und die Sorben das Osterwasser schweigend schöpfen, auf dass es nicht zu „Plapperwasser“ wird, sondern heilsam bleibt. Es sind Traditionen, die dem Tourismus geholfen haben, über die man aber ansonsten kaum weiter nachdenkt.
Schon gar nicht über das westslawische Sorbisch, das hier gesprochen wird. Dass diese Sprache (mit ihren Dialekten) auch poetische Stimmen hat, die sie feiern oder auch als untergehende beklagen, verbindet sie mit dem Gälischen in Irland oder Schottland oder mit dem Rätoromanischen in der Schweiz und anderen Minderheitssprachen innerhalb dominanter sprachlicher Mehrheiten. Róža Domašcynas Band, der Gedichte aus früheren Bänden mit neuen Texten vereint, ist ein umfassender Ausdruck dieser prekären Position. Allerdings weiß die in Bautzen lebende Lyrikerin souverän mit sprachlichen Klängen umzugehen, die sie sehr schnell aus Vogelhochzeiten und Osterritten herausziehen und sie in ganz anderen Flussbetten wiederfinden lassen, ob polnischen, tschechischen oder slowakischen. Herausgehoben aus dem Eigenen, aber aufgehoben im Fremden.
Vielsprachigkeit in den Wäldern der Worte
Etyme und andere Sprachgetüme sind in den Wäldern der Worte unterwegs, Sprachklänge, die neue Flusswelten erschaffen zwischen den Nationen, ja neue Worte wie „Holunderhandschuhe“ oder „Erlenjacken“. Als Poetik wie auch als Hommage an die Vielsprachigkeit Europas kann „Poëma Orfeusz“ gelesen werden, das mit seinen fünfsprachig gefärbten Stimmfäden den Klang „eu“ umwebt und von fern an den irischen Traum des Finnegan erinnert. Echos und Spechte durchlöchern die Gewissheiten einer Sprache, wenn die eine Sprache mit der Zunge der anderen gesprochen wird oder Buchstaben sich neu vermählen, wenn das Deutsche sich slawisch anfühlt und das Sorbische deutsch getränkt (oder gekränkt) erscheint. Das Buch eröffnet eine Dimension der Vielsprachigkeit, die eine offene Interpretation und lautes Lesen vieler Gedichte Domašcynas geradezu erzwingt. Das beigefügte Nachwort von Walter Koschmal erhellt gerade diese Zusammenhänge von Hermetik und Sinnlichkeit.
Róža Domašcyna: „Unterm weißleinenen Tuch“. Gedichte und Nachdichtungen.DomowinaZweisprachig aufgewachsen und in beiden Sprachen schreibend, kann Domašcyna „Verschränkungen“ schaffen, die sonst kaum Lyrikern und Lyrikerinnen möglich sind. Ein Vergleich mit Seamus Heaneys Gedichten liegt auf der Hand oder besser auf der Zunge. So wie bei dem Iren Heaney Kindheitserfahrungen und der Zusammenprall von Englisch und Gälisch, von katholischen und protestantischen, ländlichen und städtischen, heidnischen und christlichen, von kolonialen und unterdrückten Mustern verschränkt sind, so finden wir bei der Sorbin Domašcyna diese in anderer Form wieder: die fast vollzogene Auslöschung der Kultur in der Zeit des Nationalsozialismus, die Verblendung mit der sowjetisch-deutschen Freundschaft zu DDR-Zeiten, die Ausbaggerung der Lausitz durch die raubtierhafte Gier nach Braunkohle (bis heute), die Verformung und Mumifizierung von Kultur durch den heutigen Tourismus.
Die 400 Jahre alte Kiefer wird vom Kohlekonzern gefällt
Auch bei Domašcyna liefern die Kindheitserfahrungen die entscheidenden Bilder, zumeist im weiblichen Milieu. So war die Großmutter der Dichterin eine Märchenerzählerin. Ihre Enkelin, die auch Märchenbände publiziert hat, weiß die Mythen und Sagen mit der Gegenwart zu verknüpfen, so wenn sie dem Lebensbaum, der Esche, andere Bäume aus anderen Symbolbereichen zur Seite stellt. Im „schatten der birne“ liest sie „namen von hexen“, über die Eiche lernt sie, dass ein Baum deutsch sein kann, oder sie riecht den Saft der Pflaume. Die Kiefer, 1620 gepflanzt, wird 400 Jahre später vom Kohlekonzern gefällt. Und sie sieht die weißen Laken, die die „alte büdnerin, die Buderka“, im Wald an die Fichten hängt („Die bäumin die esche“). Die Farbe Weiß ist Vorbote, denn in der sorbischen Tradition ist sie (wie im Chinesischen) ein Zeichen der Trauer.
So auch im Buchtitel „Unterm weißleinenen Tuch“, dem Trauertuch, unter dem sich die Dichterin als Kind wiederfand, in der Obhut der Erzählungen ihrer Großmutter. Die weiblichen, praktisch wie symbolisch gesehenen Muster, mit denen sich Róža Domašcyna die Welt erklärt, oft im Rückbezug auf den kindlichen Blick, bilden aber keinen Gegensatz zu den Nachdichtungen, die sie dem ersten großen sorbischen Dichter Jurij Chĕžka (1917 bis 1944) widmet. Er ist ihr Onkel, der im Krieg desertierte und auf unbekannte Weise in Jugoslawien umkam. Seine Gedichte geben die Stimmung kurz vor dem Krieg wieder, der am Horizont lodert, und die Ahnung „so viel Leben / für ein Weniges herzugeben“.
Domašcyna fängt in diesem Tribut an ihre Vorfahren Parallelen zur heutigen Stimmung ein: in einer Poesie, die nicht mehr von Trachten und Prozessionen getragen wird. Ohnehin, so schrieb Sigrid Damm einmal, werde die Lyrikerin nicht den sorbischen Clown spielen und sich auf Kameraklick hin zu einer touristischen Attrappe verwandeln. Dazu ist sie zu weltoffen, zu kindlich-neugierig, auch zu historisch-kritisch, also politisch. Eine sprachliche Märchenwelt spiegelt sich wider, aber in Scherben, die kritische Lichter auf Gegenwart und Zukunft werfen. Oder wie es in dem poetischen Kurzprosatext „Erdung“ heißt: „es war einmal etwas was sich in bälde abspielt.“
Róža Domašcyna: „Unterm weißleinenen Tuch“. Gedichte und Nachdichtungen. (Die Sorbische Bibliothek). Nachwort von Walter Koschmal. Domowina-Verlag. Bautzen 2026. 223 S., geb., 25,– €.

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