Rolf Dieter Brinkmann im Schauspiel Köln: „Köln ist die mieseste Stadt, die ich kenne“

vor 19 Stunden 1

Ein Langhaariger! Und gleich in fünffacher Ausfertigung. Die Mode ist einfach nicht totzukriegen. In der ganzen Haltung ist der junge Mann mit den strähnigen schwarzen Haaren hinter der hohen Stirn, der sich am Anfang des Abends im Depot 2 des Kölner Schauspiels aus fünf Winkeln der Finsternis zur Bühnenmitte schleppt, ein Todesbote. Er schlurft wie ein soeben dem Grab entstiegener Zombie, der sich noch nicht einmal aufraffen kann, den Lebenden einen tüchtigen Schreck einzujagen. Aus einem billigen Horrorcomicheft könnte er kopiert sein, dessen Zeichner aus Faulheit die Gesichtszüge überall ausspart, wo es sich entschuldigen lässt. In der Hand hält er einen mickrigen Blumenstrauß, wie man ihn in der Friedhofsgärtnerei kaufen kann oder beim Karnevalszug zugeworfen bekommt. Alles ist verwaschen, geknickt und zerfallen an dieser im kläglichsten Wortsinn vorübergehenden Erscheinung. Markant ist nur die Frisur.

Man assoziiert sie sofort mit einer bestimmten Zeit, den Siebzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts, aber aus dieser Zeit mit ihrem Epochenstil wechselseitiger Verweise hebt sie sich heraus, als bloßes Zeichen der Unterscheidung von einer als gleichgültig behandelten Außenwelt. Nostalgische Gefühle für Beatliteratur, Gegenkultur und Jugendbewegung zapft der Abend nicht an. Der Langhaarschnitt wird nie wieder schick aussehen, er ist keine Mode mehr und deshalb nicht totzukriegen, auf immer und ewig die Chiffre der bloßen Faktizität von Individualität.

Ein Auftrag der Redaktion „Kulturelles Wort“

Mit langen Haaren, in Bluejeans, violettem Hemd und durchfallbrauner Kunstlederjacke: So kommt Rolf Dieter Brinkmann noch einmal unter die Kölner, gespielt von zwei Schauspielerinnen und drei Schauspielern. Wolfgang Menardi hat Brinkmanns Radiostück „Die Wörter sind böse“ auf die Bühne gebracht, das der Westdeutsche Rundfunk in Auftrag gab und am 26. Januar 1974 sendete, eineinviertel Jahre vor dem Tod des Autors, der in London von einem Auto überfahren wurde. Die Sendung wird in der Hörspieldatenbank der ARD vorgehalten. Mindestens unter dem Gesichtspunkt der Verwaltung, der Ressortzuständigkeiten im WDR, handelt es sich nicht um ein Hörspiel. Den Auftrag erhielt Brinkmann von der Redaktion „Kulturelles Wort“, im Rahmen einer Reihe zur Dokumentation des „Autorenalltags“ in Köln.

„Menschen, die wie Friedhöfe aussehen“

Es ist nicht zu bestreiten, dass der WDR mit der Abnahme der Auftragsarbeit seinem Informationsauftrag nachgekommen ist. Wie hört sich der Alltag eines Autors an, der ein Tonbandgerät geliehen bekommt und ein halbes Jahr Zeit hat, bevor er etwas Sendefähiges abliefern muss? Wir lernen einen Schriftsteller kennen, der in prekären Verhältnissen lebt, sein Kleinfamilienleben ausschlachtet und entweder in seiner engen Wohnung hockt oder ziellos durch die Stadt streift, wo er auch nicht auf andere Gedanken kommt. Partienweise bewegen die Schauspieler ihre Lippen zu Brinkmanns Originalton, der das Schweifen der äußeren, von der Versuchsanordnung bestimmten Bewegung mit einer Sprachmelodik herrischer Bestimmtheit konterkariert. Andere Partien werden neu gesprochen; vor allem wiederholen die Schauspieler bestimmte Phrasen und lassen sie von Mund zu Mund wandern. Außerdem sind weitere Fragmente aus Brinkmanns lyrischem Werk einmontiert worden, sodass die Theaterstückfassung fast doppelt so lange dauert wie die 48 Minuten und 54 Sekunden der Vorlage.

Auch wenn die Sendung viele Radiohörer in ihren Vorstellungen vom Autorendasein als brotloser Zeitschinderei bestätigt haben dürfte, zumal dieser Schriftsteller sich wie ein Rabauke ausdrückte, gab Brinkmanns pointierte Medienkritik gleichzeitig Grund, am Informationsgehalt seiner so kompakten wie weitschweifigen Selbstauskünfte zu zweifeln. Von Medien oder jedenfalls aus Medien wollte er nichts mehr wissen. „Wie ich lebe? Ohne Tageszeitung, ohne Fernsehen, wenig Musik, ohne Rundfunk, überhaupt nicht mehr ins Kino gehen.“ Immerhin lebt er noch, bei seiner Umgebung ist das augenscheinlich anders: „Vorgärten, die wie Friedhöfe aussehen. Menschen, die wie Friedhöfe aussehen.“ Das Abonnement der Tageszeitung zu kündigen war ihm als Geste des Protestes nicht vital genug. „Ich erinnere, wie ich ganz langsam über die Straße gebummelt bin. Dann eine Fensterscheibe kaputt geschlagen habe. Wie ich eine volle Bierflasche – leider war sie voll – gegen den ‚Kölner Stadt-Anzeiger‘-Wagen nachts geschmissen habe.“

Sogar der Lichtfetzen wird nachverdunkelt

Hat der „Kölner Stadt-Anzeiger“ für die Zustellung der Zeitungen heute noch einen eigenen Fuhrpark, dessen Fahrzeuge man an der Reklame erkennt? Menardi, der sein eigener Bühnenbildner ist, verzichtet konsequent auf jegliches Lokalkolorit mit Zeitindex. Brinkmanns Verfluchung Kölns schöpft als poetischer Kraftakt die Wirkung daraus, dass als Inbegriff der Hässlichkeit der Welt ein Ortsname steht. Aber auf lokale Besonderheiten kommt es nicht an, und jedes illustrative Detail würde die Wucht abschwächen. „Ein gelber, schmutziger Himmel, ein gelber, schmutziger Himmel, ein mieser, gelber, dreckiger, schmutziger Kölner Himmel, ein mieser Himmel, ein verdammter Scheißdreck von Himmel, ein mieser, gelber, schmutziger, Kölner verfluchter, elender Kackhimmel, ein, so ein Lichtfetzen, verkackter Himmel, ein mieses Stück von Himmel, ein Kackhimmel, ein riesiger Scheißdreck von Himmel.“ Sogar den Lichtfetzen enthält Menardi dem Kölner Publikum vor.

Der wacklige Stuhl und Rolf Peter Brinkmann, sie passen gut zusammen. Das Schreibtischmöbel müsste aber nicht unbedingt in Köln stehen.Der wacklige Stuhl und Rolf Peter Brinkmann, sie passen gut zusammen. Das Schreibtischmöbel müsste aber nicht unbedingt in Köln stehen.Schauspiel Köln

Rechts hinten ist eine Domturmspitze auf den gekachelten Rundweg des Flaneurs gestürzt. Ein solches Bild der Zerstörung hat Köln noch nicht einmal im Krieg geboten – dessen Fortdauer ein Leitthema von „Die Wörter sind böse“ ist. Brinkmann nimmt eine deutsche Opferperspektive ein, am längsten ist von den Erinnerungen an die alliierten Bombenangriffe die Rede. Brinkmanns Ehefrau Maleen liefert auf Befehl ein solches Kindheitserinnerungsbild ab. „Wenn ich abends ins Bett ging, dann wurde ich ganz angezogen mit Strümpfen, Kleidern, Mantel und Schuhen. Und um die Schuhe wurde noch Zeitungspapier gewickelt, damit ich bei einem Fliegeralarm sofort aufstehen konnte und in den Keller laufen.“ So sind Zeitungen also doch noch für etwas gut.

Die gemordete Domstadt

Deutsche Täterschaft jenseits der Kriegsrechtfertigungen kommt nur an einer Stelle zur Sprache. „Hinten fährt ne Straßenbahn vorbei in einen Vorort. Schleppt wieder Menschen weg.“ Das Bild ist frappant, aber der Sache nach ist die Verschleppung als logistische Vorstufe des Völkermords hier Versatzstück einer Kulturkritik, die den Wiederaufbau als Fortsetzung der kriegerischen Vernichtung deutete. „Ich gehe am Friesenplatz entlang, muffig, grau, öde, verwaltet. Sie machen alles plan, sie rotten überall alles aus.“ Ganz konventionell ist in diesem Zusammenhang Brinkmanns Polemik gegen die autogerechte Stadt.

Diesem Bösen begegnet der poetische Chronist kurioserweise auch in Gestalt der Menschen, deren Beruf es ist, aus der Dauerschleife seines Lebensbandes mit Schneidewerkzeugen etwas zu machen, das über den Sender gehen kann. Als er im WDR-Studio angewiesen wird, den Versuch abzubrechen, das Mikrofon zu zersägen, erlebt er sich als Opfer der „Verwaltung“.

Über das Schriftbild von Brinkmanns postum gedrucktem letzten Gedichtband „Westwärts“ schrieb Thomas Zenke, selbst jahrzehntelang Radioredakteur, 1975 in der F.A.Z.: „Lücken und Abstände entstehen zwischen und innerhalb der Zeilen und dann enggefügte Blöcke und wieder Zwischenräume.“ So brach Brinkmann die in seinem dichterischen Verfahren angelegte Illusion der Unmittelbarkeit auf. Das akustische Äquivalent dieser druckgrafischen Mittel ist der Schnitt. Wolfgang Menardi und seine Schauspieler arbeiten in Köln nicht mit Überblendungen und Verschleifungen. Ihre Choreographien dienen dazu, die Szenen, aus denen „Die Wörter sind böse“ zusammengeschnitten ist, zu isolieren – und den Mann, der die Wörter gemacht hat.

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