Spätestens bei dem Lied „Human“ wird dieses Album selbstreferenziell: „It must have come as a surprise / We didn’t know it at the timе / That we were human and alivе“, singt Robbie Williams da zusammen mit den Schmachtstimmen des mexikanischen Latinpop-Duos Jesse & Joy. „Menschlich und am Leben“: Das klingt zunächst irgendwie belustigend, denn was wäre die Alternative? Dass man feststellt, ein Mensch, aber leider tot zu sein? Gut, auch sowas gibt’s in der Fiktion. Aber davon abgesehen beschreibt die Textstelle vor allem das Gefühl beim Hören: Man könnte tatsächlich überrascht sein, dass diese Musik von Menschen gemacht ist, denn sie klingt oft eher, als hätte jemand eine Musik-KI aufgefordert: „Spiel was von Robbie Williams!“
Über weite Strecken bietet das Album „Britpop“ jene Art von generischer Popmusik, die zur Schreckensmaxime der „Durchhörbarkeit“ passt: Bloß nicht zu sehr auffallen, immer schön in einer Soße segeln. Das ist schade, denn eigentlich sollen die Songs Hommagen an bestimmte Vorbilder und Stile sein. Zum Beispiel der Opener „Rocket“ mit dem Black-Sabbath-Gitarristen Tony Iommi als Gast. Der hat immerhin ein zünftiges Rockgitarrenriff, auch wenn es ziemlich dünn in der Abmischung klingt – aber die Hookline klingt dann wie Sparkassenwerbung. „What a time to be alive“: Auch hier ist diese Selbstversicherung offenbar nötig.
Der geläuterte Papa
„Spies“ ist generischer Stadionrock, „Pretty Face“ beginnt noch eine Spur härter als Stoner Rock, aber der Refrain ist wieder arg dünn: „Such a pretty face / She’s everything I love about this world“. Robbie Williams hat in seiner Karriere einige Songs (mit) geschrieben und gesungen, die in Erinnerung bleiben (neben der Hymne „Angels“ auch „No Regrets“ oder „Feel“) – aber die auf dieser Platte klingen oft zum Vergessen. Auch das ist schade, weil sie teils erkennen lassen, was in ihnen steckt und durch eine andere Produktion besser hätte zum Vorschein kommen können: etwa beim Lied „Morrissey“, das dem gleichnamigen Sänger gewidmet und laut Williams aus der Perspektive eines Stalkers geschrieben ist, aber seltsamerweise in ein Klanggewand des Achtziger-Synthpops gesteckt wurde – vielleicht ist das Kunst.

Der früher oft durch Entgleisungen aufgefallene Williams tritt nun schon seit Längerem als geläuterter Papa auf, auch in Formaten des Reality-Fernsehens, und singt sogar bisweilen Weihnachtslieder. Hier nun flötet er: „The only thing I miss is misbehaviour“.
Ganz witzig war ja eigentlich die Idee, das Album „Britpop“ zu nennen, weil Williams mit diesem Genre und dessen Protagonisten wie Blur, Oasis oder Pulp kaum etwas zu tun hat, aber irgendwie ja trotzdem als sehr erfolgreicher britischer Sänger derselben Ära auch das Recht hat, seine Musik als Britpop zu bezeichnen. Wenn es Williams’ erklärte Absicht war, ganz verschiedene britische Musiker, die er als seine Helden bezeichnet, damit zu ehren, dann fragt sich, warum dieser geglättete Mischmasch dabei herausgekommen ist.
Es ist okay, bis die Drogen aufhören zu wirken
Einen Anker immerhin wirft das Stück „It’s OK Until the Drugs Stop Working“, das gleich mehrere Britpop-Anspielungen enthält: auf den Text der Ballade „The Drugs Don’t Work“ von The Verve etwa und auf die orchestrale Musik von Blurs Endzeitsong „The Universal“. Darüber hinaus zeigt Williams in diesem musicalhaften Stück auch eine kabarettistische Seite, die an sein Album „Swing When You’re Winning“ erinnert. Aficionados werden noch an vielen anderen Stellen des Albums pophistorische Bezüge erkennen (das Musikvideo zu „Pretty Face“ spielt auf auf die britische Indierockband The Mock Turtles an und versetzt Williams digital ins Jahr 1991). Es entsteht gelegentlich der Eindruck, dass hier etwas Gutes gewollt wurde, nur die Umsetzung unter den Gesetzen der heutigen Musikindustrie nicht recht gelang.
Dass die Zeilen von „Rocket“ dann am Ende noch einmal ganz anders vorgetragen werden, nämlich wie in einem Schlaflied, kann man als Selbstironie anerkennen: „Pocket Rocket“ heißt diese Reprise triftigerweise. Aber nach den vielen Ankündigungen und Verschiebungen des Albums, das nun doch früher erschienen ist als angekündigt – im medialen Kampf um Aufmerksamkeit mitzuhalten neben Namen wie Taylor Swift, ist tatsächlich schwer geworden, leider –, hatte das Album „Britpop“ etwas mehr erwarten lassen als eine Taschenrakete.

vor 23 Stunden
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