Raphaela Edelbauer im Gespräch: „Ich glaube nicht, dass ich schon Fans habe“

vor 1 Tag 1

Frau Edelbauer, seit etwa sieben Monaten betreiben Sie einen Youtube-Kanal, in dem Sie über Literatur und das Schreiben sprechen. Sie geben Tipps und gewähren Einblicke in Ihr Schaffen. Wie fällt eine erste Bilanz aus?

Ich mache sehr gerne Videos und schneide auch gerne. Mir gefällt es, durch meine Videos Geschichten erzählen zu ­können und mein Wissen und meine Erfahrungen zu teilen. Als Autorin ver­öffentliche ich etwa alle zwei Jahre einen Roman. Dazwischen habe ich oft das ­Gefühl, vom Leser abgeschnitten zu sein. Über meinen Youtube-Kanal lerne ich Leute kennen und bin Teil einer Community.

Wie sind die Reaktionen im Netz?

Ich finde es interessant, wie viel Hass einem dort tatsächlich entgegenschlägt, wie extrem aggressiv die Sprache ano­nymer Trolle ist. Gleichzeitig höre ich von vielen Leuten, die zu Lesungen kommen, dass sie meinen Youtube-Kanal super finden. Die Reaktionen sind also gemischt. Ich habe Sprachkunst in Wien studiert und auch viel an der Universität unterrichtet. Was ich jetzt im Netz an­biete, gibt es auch institutionalisiert. Wenn man literaturbezogene Inhalte gratis und teilweise auch niedrigschwellig ins Internet stellt, fühlen sich manche ­natürlich auf den Schlips getreten. Es ist okay für mich, wenn Kritiker sagen, dass das, was ich mache, noch unausgegoren sei. Ich befinde mich in der Phase von trial and error. Ich verkünde keine absoluten Wahrheiten, ich möchte den Diskurs anregen. Es gibt, soweit ich weiß, leider niemanden im deutschsprachigen Raum, der hauptberuflich Romane schreibt, davon leben kann und zusätzlich Videos veröffentlicht.

Wie gehen Sie mit der von Ihnen angesprochenen Kritik um?

Je nachdem, von wem sie kommt, trifft und beschäftigt mich Kritik natürlich. Trotzdem tue ich das, was ich möchte. Das ist bei meiner Literatur auch nicht anders. Schriftstellerin zu sein, ist nicht gerade der leichteste Job der Welt. Ich habe mich aber nicht jahrzehntelang durchgekämpft, um mich von Internetkommentaren oder der Kritik von Kollegen davon abbringen zu lassen, das zu tun, was ich tun möchte und was mir gefällt.

Ihr Mikrofon befestigen Sie bisweilen an Küchenutensilien. Weshalb?

Ich habe mir überlegt: Was könnte den Blick des Zuschauers einfangen, und zwar so, dass er vielleicht drei Sekunden länger hinschaut, ohne dass ich etwas an den Inhalten ändere? Ich kann über ­etwas Kompliziertes reden, aber das Mikrofon hängt an einem Küchen­messer.

Ist Youtube für Sie eine Art Nebenraum oder ein Teil Ihrer literarischen Arbeit?

Was mich am Leben als Literatin stört, ist, dass dieses Leben einem ewigen Bachmannpreis ähnelt. Sprich: Man wird die ganze Zeit in den Feuilletons beurteilt, kann aber nie darauf antworten. Ich bin ja eine Schriftstellerin, die nicht autofiktional arbeitet. Gerade wenn man nicht über sich selbst schreibt, vergisst man oft Stationen seines Wegs, jedenfalls geht es mir so, außerdem bin ich keine Tagebuchschreiberin. Am Youtube-Format gefällt mir, dem Persönlichen Raum geben und mich literaturkritisch äußern zu können. Ich habe mir schon überlegt, ob ich nicht eines Tages fiktionale Inhalte mache.

Wie könnten solche Inhalte aussehen?

Vielleicht eine Geiselnahme vortäuschen oder eines Tages offenbaren, dass ich eigentlich ein Chatbot bin.

Das würde Ihre Fans wohl enttäuschen.

Ich glaube nicht, dass ich schon Fans habe.

In einem Ihrer Videos erzählen Sie von Ihrem aktuellen Romanprojekt. Befürchten Sie nicht, dass jemand Ihre Ideen aufgreift?

Nein, das wäre ja, als würde man sagen: Ich habe Angst, einen dreifachen Rittberger zu springen, weil es dann jeder nachmachen kann. Ich rede sehr gerne – und lieber – über Texte, an denen ich gerade arbeite, als über Texte, die ich schon ­geschrieben habe. Auch wenn mich bei Lesungen jemand fragt, worum es im nächsten Buch geht, sage ich das gern.

Glauben Sie, die Künstliche Intelligenz könnte Ihnen demnächst literarisch Konkurrenz machen?

Diese Art von Roman, die ich hoffe zu schreiben, ist nicht replizierbar. Um mich selbst mache ich mir keine großen Sorgen. Was mir Sorgen macht, ist, dass es für viele Leute keinen Unterschied auszumachen scheint, ob ein Text von einer KI stammt oder nicht.

DSGVO Platzhalter

Haben Sie schon einmal ChatGPT ge­beten, einen Text im Stil von Raphaela Edelbauer zu schreiben?

Mein neuer Roman war zuerst in der ersten Person geschrieben, und ich wollte ihn von ChatGPT in die dritte Person übertragen lassen. Das hat aber nicht funktioniert, weil ChatGPT unglaublich blumige, grauenhafte Beschreibungen eingefügt hat, anstatt nur das Grammatikalische zu ändern.

Haben Sie sich mit ChatGPT darüber ausgetauscht?

Nein. Ich tausche mich überhaupt nicht mit ChatGPT aus, das würde mich nur depressiv machen. Ich finde es bizarr, sich mit einer Maschine zu unterhalten, die auf statistischen Verfahren beruht.

Sie sind Mutter geworden. Finden Sie überhaupt noch Zeit zum Schreiben?

Meine Tochter ist zwölf Wochen alt. Ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, dass meine Frau und ich die Betreuung 50:50 aufteilen. Mein Schreiben leidet nicht sonderlich darunter, und ich habe auch nicht das Gefühl, dass es weniger wichtig würde, ganz im Gegenteil.

Gesamten Artikel lesen