Probleme des Kinos: Woran kranken heutige Filme?

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Wir leben in einer Zeit der Fehlervermeidung. Ein Zugzwang, der auch das Kino erfasst. Das Qualitätskino, dem junge Filmemacher vor sechzig Jahren einmal opponieren wollten, ist zurückgekehrt als Exzellenz-Kino: erlesen, aufwändig, verantwortungsbewusst und absolut kompromissbereit. Staatliche Fördergremien exorzieren alles Zufällige, Unbeherrschte aus ihren Produktionen. Bevor die erste Klappe fällt, wird der Stoff über Jahre zerredet, bis alle Eminenzen am Tisch zufrieden sind: Filme wie Gruppenarbeiten aus dem Leistungskurs, in denen es um historische Katastrophen, Kriege, psychische Erkrankungen oder emsige Helden der Zivilgesellschaft geht.

Auch die kommerziellen Studios sind von Kopf bis Fuß auf Feedback eingestellt. Noch vor Drehstart eruiert man Stimmungsbilder und Änderungswünsche der Konsumenten. Und schreckt selbst vor Zugeständnissen an die chinesische Kulturpolitik nicht zurück, um seine Chancen auf dem dortigen Markt nicht zu verspielen. Das gegenwärtige Kino der richtigen, schlimmer noch, der besten Absichten ist so real wie falsch. Als seien durch eine tragikomische Volte Geist und Mumienstaub der politischen Filmkollektive aus den Siebzigerjahren in die Chefetagen und Redaktionsräume der Gegenwart gefahren.

Was Filme mit uns machen

Dabei sollte es umgekehrt sein. Film nimmt uns in den Griff, macht uns zu anderen, möglicherweise reiferen oder freieren Menschen, hat überhaupt nur etwas zu erzählen, wenn er auf die eigenen Unzufriedenheiten, Enttäuschungen, Fehleinschätzungen und Fehlentscheidungen vertraut. Wenn alle Beteiligten zur falschen Zeit am falschen Ort sind und die falschen Entscheidungen treffen. Ein Gegenbeispiel wäre Porno, da sind alle immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort, und jeder Handgriff sitzt, das Begehren ist symmetrisch. Die Konsequenz ist Stellenlektüre. Ehe man sich’s versieht, landet man wieder bei sich selbst. Der Porno kann das immerhin mit einem Westentaschenbudget realisieren, der respektable Film will dasselbe und braucht dafür Millionen. Vielleicht wäre es an der Zeit, das vermeintlich Falsche zu tun, damit das Richtige in greifbare Nähe rückt.

Wie in „The Adventure of the Engineer’s Thumb“, einer Sherlock-Holmes-Geschichte von 1892. Da begibt sich ein junger Ingenieur wider besseres Wissen und Instinkt auf nächtliche Odyssee. Für einen halbseidenen Auftraggeber soll er eine Ziegelpresse reparieren und lässt sich in ein düsteres Anwesen locken. Dort begegnet er einer schönen Unbekannten, deren Warnungen er ausschlägt. Irgendwann fällt der Groschen bei dem jungen Ingenieur, er ist einer Bande Falschmünzer in die Hände gefallen. Die stoßen ihn kurzerhand zwischen die Platten der sich herabsenkenden Presse. Er kann durch ein Loch in der Wand entkommen, und eine Verfolgungsjagd beginnt.

Das liest sich wie ein Manifest

Bevor er sich von einem Fensterbrett ins Freie retten kann, hacken ihm die Verfolger noch den Daumen mit einem Fleischermesser ab. Nach Stunden der Ohnmacht schleppt sich der Versehrte auf die Couch des Meisterdetektivs. Doch die anschließende Polizeiaktion bleibt erfolglos, die Falschmünzer sind längst über alle Berge, das düstere Anwesen steht in Flammen, und der Ingenieur sieht das versprochene Honorar wie seinen Daumen niemals wieder. „Was habe ich also gewonnen?“, fragt er zum Schluss, und Holmes antwortet: „Erfahrung.“

Das liest sich nicht nur wie ein furioses Treatment, sondern beinahe wie ein ästhetisches Manifest. Es ist kein Zufall, dass die Kurzgeschichte oft als Hörspiel, als Stummfilm-Serial oder sehr frei fürs Fernsehen adaptiert wurde, nicht aber als Spielfilm. Weil sie so ungeheuerlich, böse und in ihrer Schließung so provozierend unbefriedigend daherkommt: eine Leerstelle, für die das Kino seine Bilder erst noch finden muss. Was könnte das Kino also von Conan Doyles Nachtstück lernen?

Ästhetik ist der Ausweg

Filmemacher, Schauspieler und Drehbuchautoren erleben in der Regel sehr wenig, aber haben das Bedürfnis, der Welt etwas zu geben, sich ihr mitzuteilen, sich für eine Sache zu engagieren. Das Publikum führt in der Regel ein Leben voller Verpflichtungen, sensorischer Überlastungen und „hat das alles gefressen“, wie es bei Walter Benjamin heißt. Ästhetik ist kein Dickicht der Leitgedanken, sondern der Ausweg daraus. Dreht darum keine Themenfilme, die gibt es schon zur Genüge! Lasst den Film stattdessen sein Thema finden, aufgreifen, verwerfen oder revidieren. Ein Filmemacher hat sein eigener, höchst zweifelhafter Auftraggeber zu sein, der lauter Angebote macht, die man ablehnen sollte, aber nicht ablehnen kann.

 Franka Potente in Tom Tykwers Kultfilm „Lola rennt“Bewegung und Geschwindigkeit: Franka Potente in Tom Tykwers Kultfilm „Lola rennt“dpa

„Das Laufen und Rennen, das Fahren und Fliegen, die Flucht und die Verfolgung, die Überwindung der räumlichen Hindernisse …“, schreibt der Kunstsoziologe Arnold Hauser: „Nie fühlt sich der Film so sehr in seinem Element, als wenn er Bewegung, Geschwindigkeit, Tempo darzustellen hat.“ Das gilt, im Grunde wenig überraschend, auch für den Herstellungsprozess. Ein Stoff, der verflixte sieben Jahre herumliegt und überarbeitet wird, der erkaltet, erstarrt und mortifiziert. In Amerika nennen man das development hell. Man sollte versuchen, den Film in sieben Tagen und sieben Nächten abzudrehen und mit möglichst leichtem Gepäck, minimaler Ausrüstung und kleinsten Teams ins Feld zu ziehen. Stundenlange Aufbauten, Umbauten, komplizierte Licht- und Kamera-Setups rauben jedem Film den Drive. Unnötige Wiederholungen und detaillierte Storyboards sind zu vermeiden, ebenso wie zu viele Requisiten. Im Zweifelsfall muss man die Dinge zweckentfremden: Eine hydraulische Presse stellt nicht nur Ziegel und Falschgeld her, sie ist sogar ein Mordwerkzeug.

Attitüde vor Beflissenheit

Conan Doyles Ingenieur ist ein Neuling, der sein Geschäft gerade erst aufbaut und nicht sonderlich renommiert ist. Ein halber Fachmann, könnte man sagen. Interessanterweise handelt es sich auch bei den Geldfälschern um einen Verband halber Fachmänner, die ab einem gewissen Punkt völlig ratlos sind. Die Handlung läuft deshalb so furios ab, weil die Wissenslücken und mangelnden Fertigkeiten aller Beteiligten ineinandergreifen und sie antreiben.

Mit Vorbildern, Ansprüchen und Erwartungen ist zu verfahren wie Schmuggler und Falschmünzer mit dem Gesetz. Die eigenen Gewissheiten und die der anderen sind der Kritik zu unterziehen. Großes Kino lässt sich nicht planen, es entsteht rein zufällig aus einer Verkettung von Irrtümern: Wenn sich ein paar halbe Fachleute ein Stelldichein geben. Fehler, Makel und Versäumnisse sollten nicht verheimlicht werden. Das Publikum wird sie übersehen oder für immer erinnern. Beides ist ein Sieg. Wenn Falschgeld zirkuliert, dann ist es echtes Geld.

Der Grande Dame der deutschen Filmkritik, Frieda Grafe, galt die Universität als „bedeutendste Brutstätte patriarchalen Denkens“. Das trifft natürlich auch auf die Filmhochschulen und ihre erweiterten Schaltkreise von Festivalauswertungen und Förderinstitutionen zu. Wenn die Filmemacher aufhören würden, innerhalb dieser Kreisläufe möglichst gefällige Bittsteller zu sein, wenn sie eine neue Lust an der Fallhöhe entdecken würden, dann könnte sich innerhalb weniger Jahre etwas entwickeln, wovon alle zwar dauernd reden, das bisher aber kaum jemand gesehen hat: ein Kino, das tatsächlich vielfältig, unterschiedlich, andersartig und ungewöhnlich ist.

Nicht jeder will und muss jeden Film finanzieren. Aber man muss an die eigenen Filme glauben und sollte sie mit eigenen Mitteln realisieren, gerade wenn sich sonst niemand dafür zu interessieren scheint. Das bedeutet nicht, dass man sich aufreiben soll. Eine eigenfinanzierte Filmlandschaft, die auf Millionenbudgets und institutionelle Sicherheitsnetze verzichtet, wäre vermutlich weit weniger missbrauchsanfällig als die jetzige. Weil jedem finsteren Typen sofort die kreativen Partner davonlaufen würden.

Die Einsätze für dieses Kino sind alles andere als unerhört hoch, sie sind im übertragenen Sinne daumengroß, aber sie dürften sich lohnen. Conan Doyles Ingenieur bekommt fünfzig Guineen versprochen, das sind heute etwa 6600 Pfund. Jede Wette, dass ein Kinofilm auch mit geringeren Mitteln entstehen kann, ohne Amputationen sowieso. Wir spazieren mit vollzähligen Gliedmaßen aus dem Kinosaal und obendrein mit dem gehobenen Schatz der Erfahrung.

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