Der Einzug der Götter vollzieht sich bei Trommelwirbel und präsentiertem Säbel. Ansonsten ist das Aufnahme-Zeremoniell in der Académie française, entgegen seinem Ruf, sehr nüchtern: Dem neu gewählten Mitglied wird das Wort erteilt zur Antrittsrede, sein Pate in der Académie antwortet mit einer Begrüßung, Ende. Eventuell anwesende Präsidenten, Minister, Kulturdezernenten sind im Publikum zum Schweigen verurteilt. Bedeutung, so zumindest der Anspruch, hat hier nur der Geist, nicht die Macht. Unter den genau vierzig „Unsterblichen“, wie man die Mitglieder traditionell nennt, befindet sich seit 2022, seltener Fall, auch ein Literaturwissenschaftler. Aber Antoine Compagnon ist tatsächlich ein seltener Fall, und als jetzt sein neues Buch „1966, année mirifique“ erschien (Gallimard, Paris 2026, 544 S., 26,50 €), war das ein Ereignis wie sonst nur bei bekannten Romanciers. Glückliches Frankreich!
Glückliches Frankreich, denn Compagnon zählt keineswegs zu den im Lande so beliebten Fernseh- oder Medienintellektuellen, die omnipräsent ihre Meinung zu allem und jedem mitteilen; im Gegenteil, seine Publikationsliste zeigt ihn als geradezu klassischen Wissenschaftler. Fast! Und in diesem „fast“ liegt auch seine seltene Originalität. „1966, das wunderbare Jahr“, so müsste man übersetzen, ist zunächst die höchst umfangreiche, materialgesättigte Chronik eines historischen Augenblicks, dessen Bedeutung erst einmal zu erweisen wäre. Denn für die symbolischen Daten der Sechzigerjahre, wer dächte da nicht an „68“, an die Kulturrevolte, die nicht nur die Sorbonne erschütterte, sondern am Ende gar Charles de Gaulle die Präsidentschaft kostete. Es ist also gewiss und bewusst erklärungsbedürftig, den Schwerpunkt ausgerechnet zwei Jahre früher zu legen – bewusst, denn das Buch wird selbst diese Erklärung.
Vom Brückenbau zur Literatur
Das Panorama von 1966 zeigt denn auch etwas in der Wissenschaft zumeist eher Verborgenes, nämlich einen auto- oder generationsbiographischen Hintergrund. Also einen kurzen Blick zurück. 1950 in Brüssel geboren, aufgewachsen in London, Algerien, Washington, an den beruflichen Stationen des Vaters, erwirbt Compagnon zunächst einen Studienabschluss als „ingénieur des ponts et chaussées“ an der Pariser École Polytechnique. Doch mit fünfundzwanzig Jahren erkennt er, dass seine „Leidenschaft“ woanders liegt, und er wechselt 1975 vom Brückenbau zur Literatur. Die Doktorarbeit bei Julia Kristeva passt dann schon eher ins zeitgemäße Pariser Genre, aber dass sie bereits 1977, also nach zwei Jahren fertig ist, lässt doch einen weniger klassischen Studiengang erahnen; tatsächlich bekannte Compagnon einmal, in Sachen Literatur sei er im Grunde Autodidakt. Es folgen Stationen an der Universität Rouen, Columbia University New York, an der Sorbonne; von 2006 bis 2021 bekleidet er eine Professur für moderne und zeitgenössische französische Literatur am Collège de France, dem exklusivsten Ort in der französischen Hochschullandschaft. Die Wahl zum Unsterblichen 2022 ist dann die Krönung für diesen ungewöhnlichen Professor, der auch Jahre nach der Emeritierung jugendlichen Schwung bewahrt, und jugendliche Produktivität ohnehin.
Julia Kristeva war eine Doktormutter nach der Mode, aber der eigentliche Pate von Compagnons intellektueller Biographie ist – nicht weniger generationstypische Mode – Roland Barthes. Kristeva wie Barthes stehen für eine besondere, eine so glanzvolle wie zuweilen bizarre Epoche: Es sind diese Sechziger, in denen die Literaturwissenschaft sowohl politisiert wird wie auch zugerichtet zu sogenannter „Theorie“, dabei immer stärker erhoben zu einer Art von allgemeiner Heilkunst und Gegenwartsdeutung, unterfüttert mit Soziologie, Semiologie, Strukturalismus und besonders natürlich Psychoanalyse.
Theorie muss man kennen, um sie hinter sich zu lassen
Compagnon hat sich mit all diesen Wassern gründlich gewaschen. Und dennoch, galt er doch auch schon bald als Barthes’ Meisterschüler – und zugleich persönlicher Freund –, hat diese Lehrzeit mehr persönliche als wissenschaftliche Spuren hinterlassen, weniger einen Einfluss in Sachen Theorie als vielmehr in einer Ethik des Lesens, des Respekts vor dem Text. Man wird sagen können, dass Compagnons Rang sich der Beachtung von Nietzsches Rat verdankt: „Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt.“
Compagnon galt als sein Meisterschüler: Roland Barthes, 1979picture alliance / akg-images / Marion KalterDavon berichtet eine wundersame Szene in „L’Âge des lettres“, einem von Compagnons autobiographischen Büchern: „Als ich an der Sorbonne lehrte, begegnete ich beim Semesterbeginn auf dem Boulevard Saint-Germain einer vornehmen Dame, Literaturprofessorin am Gymnasium, höchstwahrscheinlich in Neuilly, die regelmäßig meine Seminare besuchte. Sie erkundigte sich nach dem Thema im neuen Studienjahr. ‚Sainte-Beuve‘, antwortete ich. Sie hob den Blick zum Himmel und rief unter lautem Lachen: ‚Ein früherer Schüler von Roland Barthes, der uns mit Sainte-Beuve nervt! So sagen doch Ihre Studenten.‘ Den ganzen folgenden Tag, wenn ich an die Szene dachte, schüttelte mich innerlich ein närrisches Gelächter, als hätte ich ihnen einen guten Streich gespielt.“
Die Anekdote verrät einiges über Compagnon: über seine Unabhängigkeit, seine Lust an Provokation und Zuspitzung, über sein Gespür für „l’air du temps“, für das Typische, Bezeichnende einer Zeit, einer Epoche. Die entrüstete Dame demonstrierte ungewollt, wie sehr die Theorie der Sechziger, die doch angetreten war, Schluss zu machen mit überkommenen Traditionen, inzwischen selbst zum etablierten Justemilieu gealtert war, mit eigenen Regeln und Hierarchien für akademischen Benimm.
Gegen die Fortschrittserzählung von der Kunst der Moderne
Compagnon hat sich niemals losgesagt von dem prägenden Einfluss, aber dennoch stark beigetragen zur Historisierung der Theorie. 2005 publiziert er sein bis dahin gewichtigstes Werk: „Les antimodernes, de Joseph de Maistre à Roland Barthes“, und leider wartet es bis heute auf eine dringend nötige deutsche Übersetzung. Zweierlei macht das Buch zu einem Meilenstein. Zum einen war es keineswegs selbstverständlich, mit dem Namen Barthes die Theorie der Sechziger bereits einzuschließen in die Vergangenheit, sie also vom Instrument der Analyse zu verwandeln in ihren Gegenstand. Zum anderen aber, und das ist der noch bedeutendere Gesichtspunkt, öffnet es mit der Idee des „Antimodernismus“ eine ungewohnte Perspektive auf die Literatur des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts.
„Oh, diese brave Zivilisation, dieser Hurenbrei, der die Eisenbahn erfunden hat, die Gifte, die Klistierspritzen, die Sahnetorten, das Königtum und die Guillotine“, so stöhnte schon der frühreife Gustave Flaubert, gemeinsam mit Charles Baudelaire. Beide sind Kronzeugen für die Geburtsstunde der modernen Literatur – und genau hier setzt Compagnon an. Die populäre Version von der Erfindung der Moderne ist eine heroische Fortschrittserzählung: raus aus den Salons, weg mit abgestandenen Traditionen, Bruch mit lästigen Regeln, Worte, Farben, Töne, alles wird radikal neu – „Il faut être absolument moderne!“ Doch bereits der später so geschmähte Sainte-Beuve sieht in Baudelaire keinen Neuen, sondern „das letzte Symptom einer kranken Generation, deren ältere uns bestens bekannt sind“. Baudelaire strebt nach der Klassizität und Perfektion von Petrarca, Flauberts Emma Bovary ruiniert sich durch die Lektüre moderner Romane, Rimbauds bös-ironischer Imperativ war gar nicht der programmatische Schlachtruf, zu dem man ihm machte – nein, die Autoren der Moderne waren keine Bilderstürmer und keine Futuristen avant la lettre.
Wo die echten Antimodernen zu finden sind
Das ist Compagnons Pointe: Der modernen Literatur, der modernen Kunst war die Gegnerschaft gegen die moderne Welt von Anfang an tief eingeschrieben; die „Antimodernen“, von denen sein Buch handelt, sind keineswegs die Konservativen, die Traditionalisten im Kampf gegen den revolutionären Aufbruch, sind nicht die alten Herren in Akademien und Salons. Die echten Antimodernen sind die großen Modernisten selbst, aber in all dem ambivalenten Widerspruch, den sie lebten und gestalteten. Flaubert hasste die Eisenbahn, nahm aber trotzdem den Zug nach Paris. Baudelaire verabscheute die Fotografie, ließ sich aber von den bedeutendsten Fotografen porträtieren. Proust gestaltete sein Werk nach dem Vorbild einer gotischen Kathedrale. Und Roland Barthes kritisierte „Warten auf Godot“, weil er angesichts der „Boulevardisierung“ um die Position der reinen „Avantgarde“ fürchtete – die nun selbst schon zur Tradition geworden war.
Um diesen Schwerpunkt, um den Konflikt zwischen radikaler Neuerung und radikaler Gegenwartskritik, dreht sich ein Großteil von Compagnons Werk, und ganz besonders gilt das für seine Bücher und Editionen zu Baudelaire und Proust. Das ist eine Frage der Ästhetik, doch unübersehbar hat der Konflikt auch eine politische Schattenseite: Mit „Le cas Bernard Faÿ“ stellt Compagnon die Frage, was einen intimen Kenner der zeitgenössischen Literatur, einen frühen Proustianer, Freund von Picasso, Gide, Cocteau, zum antisemitischen Kollaborateur machen konnte, den Professor am Collège de France zum Verfemten seines Landes. Compagnon will nichts entschuldigen, er will verstehen: „Ich muss aber zugeben, das Rätsel seines fatalen Engagements und seiner verbissenen Verblendung blieb für mich am Ende dennoch total.“ Bernard Faÿ ist nur ein Beispiel – auch der hochentwickelte Sinn für die zeitgenössische Kunst ist regelmäßig vereinbar mit politischer Dummheit und Brutalität.
Ein Chronist seiner Generation
Das jetzt erschienene Buch über das wunderbare Jahr 1966 setzt diese Forschung fort, gleichsam als linker Flügel zu den „Antimodernen“. Das überaus gelehrte Tableau zeigt vor allem, dass die modern-antimoderne Grundkonstellation erstaunlich stabil geblieben ist: Foucault gegen Sartre, Sollers gegen Robbe-Grillet, dazwischen auf höchst schwankenden Posten zwischen Psychoanalyse und Marxismus der Postmarxist Althusser oder der Postfreudianer Lacan. Und mit der Polemik um das Treblinka-Buch von Jean-François Steiner und Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem“ kommt auch die hartnäckig verdrängte Periode von deutscher Okkupation und französischer Kollaboration ans Licht.
Compagnon schreibt hier weniger als Analytiker denn als Chronist seiner eigenen Generation und auch – untreu seinem Meister Barthes und dessen These vom „Tod des Autors“ – als gewitzter, um keine Pointe verlegener Erzähler. Berührungsangst vor dem Populären kennt er ohnehin nicht: Der Akademiker im Frack hat in der Radioserie „Ein Sommer mit …“ höchst erfolgreiche und unterhaltsame Folgen über Montaigne, Proust, Baudelaire und Colette vorgelegt (eine Formel, die mit Gustav Seibts „Sommer mit Goethe“ auch hierzulande ihren hinreißenden Interpreten fand). Jeder neue „académicien“ braucht für die Gravur seines Schwertes Symbol und Motto. Compagnons Symbol ist der Igel, sein Motto ein recht unakademisches Zitat von Proust: „Zut, zut, zut, zut!“ Nein, ihm fehlt weder der Sinn für Pointen noch für jenen manchmal kaum übersetzbaren Witz zwischen den Sprachen, dem er zuletzt eine ganze Vortragsreihe widmete. An Marcels entzücktem Fluch angesichts des impressionistischen Farbenspiels bei Regenwetter haben sich alle Übersetzer die Zähne ausgebissen. Vor einem neuen Versuch reklamieren wir hier jedoch zunächst die Übersetzung von Antoine Compagnons Büchern; der Literaturwissenschaft in unseren Breiten würde es gewiss nicht schaden!

vor 19 Stunden
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