Alexander Portnoy, der Titelheld von Philip Roths Roman „Portnoy’s Complaint“, liegt auf der Couch und erzählt dem Psychoanalytiker Dr. Spielvogel sein Leben. Das Wort „complaint“ hat einen juristischen und einen medizinischen Sinn, bedeutet sowohl Klageschrift als auch Leiden. Die deutsche Übersetzung „Portnoys Beschwerden“ bewahrt den Doppelsinn, auch wenn sie den Singular opfern muss.
Zwar bringt der Absolvent der Juristischen Fakultät der Columbia-Universität so viele Monita vor, dass selbst ein Fields-Medaillenträger mit dem Nachzählen überfordert wäre; ein Kummerkasten auf einem Firmenflur, der so vollgestopft würde wie der Gedächtnisapparat des Analytikers, der das ganze Buch über schweigt wie ein Buch, würde den Betrieb lahmlegen und die Statik des Firmengebäudes gefährden.
Sein Vorsatz: nichts zu sublimieren
Aber die Anzeigen Portnoys, der im Beruf selbst für die Bearbeitung von Eingaben zuständig ist, als Dezernent für „Human Opportunity“, das heißt etwa: Lebensqualität und Chancengleichheit, in der New Yorker Stadtverwaltung des liberalen Bürgermeisters John Lindsay, summieren sich zu einer einzigen Suada. Ihr Adressat ist das Über-Ich, dem der Held die Unterwerfung verweigert, seit es sich in frühester Kindheit über ihn beugte, in Gestalt seiner Eltern oder streng genommen seiner Mutter.
Umschlag der amerikanischen ErstausgabeWikimedia CommonsSein unerschütterlicher Vorsatz ist, nichts zu sublimieren. Damit steht und fällt seine Mannesehre. Er kann sich wahrscheinlich selbst nicht erklären, wie er an seine akademischen Trophäen gekommen ist, wenn er Tag und Nacht an seiner Männlichkeit arbeitet, sie mit der Hand bearbeitet, an öffentlichen Orten mit einer von ihm selbst entwickelten Drei-Finger-Technik. Die Welt stellt sich ihm als Masse von Anreizen zur Befriedigung dar, und indem er sich der Triebsteuerung überlässt, erwächst ihm aus der Zielstrebigkeit, der geradezu streberhaften Beflissenheit, ein überschießendes Phantasieleben. Er spielt imaginäre Rollenwechsel durch, und alle Determinanten des von ihm beklagten Schicksals, als Sohn eines jüdischen Versicherungsvertreters in New Jersey aufgewachsen zu sein, verwandeln sich in seinem Kopf in Variablen. Mit den Ausgeburten seines Wunschdenkens werden wir so intim vertraut, dass uns nichts mehr schockieren kann – bis er einen Geschlechterrollentausch vollzieht.
Mit Exotik und Tabus behaftet
Er schildert, wie er an einer seiner Freundinnen das Verhalten beobachtete, das sie als Abkömmling einer Familie auswies, die ihre Anwesenheit im Land auf die Pilgerväter zurückführen kann. Angefangen mit den Tischmanieren beherrscht sie Tätigkeiten, die mit Exotik und Tabus behaftet sind, ganz selbstverständlich – sodass er (obwohl das nicht die ganze Geschichte sei) überwältigt war „wie Desdemona, als sie von den Menschenfressern hörte“. Othello berichtet im ersten Akt von Shakespeares Tragödie, dass er um Desdemona im Haus ihres Vaters warb, indem er ihr immer wieder von seinen Abenteuern und Unfällen erzählte. Besonders gern habe sie ihn von den Kannibalen reden hören. Wenn er die Frauenrolle annimmt, steht’s schlimm um ihn: Portnoy zollt der unüberbrückbaren sozialen Überlegenheit der Pilgertochter Tribut.
Er sieht bei seinem Vergleich davon ab, dass Desdemona sich durch eine Erzählung verführen ließ, während er selbst von dem verzückt ist, was er sieht. Othello brachte mit Absicht die Rede auf die Menschenfresser, ging methodisch vor, spricht von „my hint“ und „my process“. Portnoy stilisiert sich sozusagen zum Opfer einer Selbstüberlistung: Seine Rede ähnelt der des gefürchteten Seefahrers, vor allem in der Aufzählung von „disastrous chances“. Gleichzeitig ist es ein Zeichen des Trotzes, dass Portnoy nicht Othello sein will, weil er sich einbildet, dass die Familie seiner Freundin in ihm den Barbaren sehen muss. Während ungesagt bleibt, worin das Tabu beim Besteckgebrauch liegt, wird Anthropophagie in der ungleichen Beziehung praktiziert – obwohl die Freundin sich gegen die Praxis, die Portnoy die liebste ist, lange gesträubt hat. Sie vollendet die Handlung nicht, weil sie zu ersticken fürchtet. So vermeidet sie, dass Portnoy an ihr den Tod Desdemonas vollzieht.
Othello zeigt sich am Anfang des Stücks optimistisch, dass ihn seine Verdienste um den Staat gegen den Zorn von Desdemonas Vater immunisieren. „My services which I have done the signiory /
Shall out-tongue his complaints.“ Philip Roth übersetzt die Tragödie in eine Komödie und bringt dabei die Eifersucht zum Verschwinden. In Portnoys Reich der solipsistischen Gratifikation führt nur er selbst Beschwerde, und nur er kann sich auszüngeln und überschreiben – bis das letzte Wort, als Schlusspointe („Punch Line“) ausgewiesen, an Dr. Spielvogel geht.
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.

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