Dass Geld die Welt regiert, ist ein alter Hut. Dass es in der Form von Aktien und Futures längst diktatorische Vollmachten hat, wissen wir spätestens seit der großen Krise 2008/2009. Damals kam die Forderung auf, die Finanzwirtschaft dürfe nicht entscheiden, was produziert und konsumiert wird.
Das Gegenteil ist eingetreten: Seit gut zwei Jahren kann man beobachten, wie die Finanzmärkte ihren Herrschaftsbereich weit über das Ökonomische hinaus ausdehnen. Es gibt kaum ein Ereignis, das auf sogenannten Prognosemärkten nicht zu einem handelbaren Gut gemacht wird: Wann einigen sich die USA und Iran auf ein Friedensabkommen? Welches Unternehmen hat Ende April das beste KI-Modell? Wie viele Tweets wird Elon Musk in den kommenden Tagen absetzen?
Die Anbieter produzieren auf ihren Websites eine soziale Realität, in der alles in Wettmetriken konvertierbar ist; so unterschiedlich Kontext, Sinn und Ziel irgendeines Ereignisses sein mag, auf „Polymarket“ oder „Kalshi“ wird es darstellbar als Kurvenverlauf, der die Marktmeinung über die Eintrittswahrscheinlichkeit spiegelt.
Unbekannte manipulieren Wettervorhersage in Paris
Doch mit steigenden Kursen steigt auch der Anreiz, Einfluss auf den Gang der Dinge zu nehmen. So haben Unbekannte im April auf unerwartet hohe Temperatursprünge in Paris gewettet. Als diese tatsächlich eintraten, brachten sie einem Nutzer über 34.000 Dollar ein. Die französische Wetteragentur vermutet nun, dass die Gewinner dafür eine Messstation am Pariser Charles-de-Gaulle-Flughafen manipuliert haben, womöglich mit einem Föhn. Man habe inzwischen Klage eingereicht.
Doch es geht auch weniger harmlos, wie andere Fälle zeigen. Am Donnerstag wurde ein US-Soldat verhaftet, der an der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro beteiligt war – er hatte dank seines Insiderwissens beträchtliche Gewinne auf „Polymarket“ erzielt. Im Februar 2026 wetteten mehrere Accounts auf das schließlich korrekte Datum des amerikanisch-israelischen Angriffs auf Iran. Auch hier lockten hohe Summen, die schließlich an unbekannte Nutzer ausbezahlt wurden.
Das Umfeld des amerikanischen Präsidenten steht schon länger unter Verdacht, Insiderhandel, vielleicht sogar Kursmanipulation zu betreiben – mit Wetten auf Öl- und Aktienmärkte, die jeweils kurz vor Donald Trumps erratischen Entscheidungen platziert werden. Prognosemärkte sind ein wunderbarer Ort für höhere Formen der Korruption.
Das Marktvolumen ist inzwischen so groß, dass man sich nicht mehr sicher sein kann, ob die Geschichte noch ihren gewohnten Gang geht, über dessen Richtung sich spekulieren lässt, oder ob es bereits die Spekulationen sind, die die Ereignisketten bestimmen. Das Weltgeschehen als Funktion von Eventderivaten – das wäre eine Verschwörungstheorie, die ohne geheimen Masterplan auskommt. Es gibt leider jeden Tag mehr Gründe, an sie zu glauben.

vor 2 Stunden
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