Eintritt in Englands Museen: Sollen Ausländer im Museum zukünftig abkassiert werden?

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Kunst war noch nie unpolitisch. So politisch empfindlich wie heute aber war sie selten. Was wo von wem wie ausgestellt wird, ist ein gefährliches Thema – ebenso wie die Frage, wer es unter welchen Bedingungen sehen darf. In dieses verminte Terrain hat sich nun die britische Regierung begeben. Auf Englisch vergleicht man derart unnötig ausgelöste Probleme mit dem lästigen Verheddern in der eigenen Unterwäsche. „Getting one’s knickers in a twist“ bezeichnet die Fertigkeit, sich selbst sinnlos Schaden zuzufügen. Eine Disziplin, in der sich die Briten seit dem Brexit bemerkenswert hervortun.

Derzeit geht es um kulturelle Teilhabe und die Frage, wie das Loch in den Kassen britischer Museen gestopft werden soll. Das wächst, weil der Zugang zu den permanenten Sammlungen der großen Häuser seit 25 Jahren kostenlos ist. Damals ging es Großbritannien gut. Man liebte die große Geste. Unter New Labour herrschten Aufbruchstimmung und immenses Selbstbewusstsein, als „Cool Britannia“ schwang man sich wieder zur kulturellen Weltmacht auf.

Noch geht die Öffentlichkeit in den großen Museen gratis ein und aus

Seitdem stehen die Türen der berühmtesten Museen für alle offen. Es gibt keine Kassen, keine Schlangen vor den Kassen, keine Ticketkontrollen und keinen Druck, so lange zu bleiben, bis sich die teure Eintrittskarte gelohnt hat. In den historischen Hallen des Britischen Museums, des V&A, der National Gallery, der Tate, des National History Museums und anderen geht die Öffentlichkeit ungehindert ein und aus. Das Ideal der freien Kunst für freie Bürger lässt sich allerdings immer schwerer finanzieren. Der Staat hat weniger Geld für Zuschüsse. Gleichzeitig wächst das Misstrauen gegen politisch nicht einwandfreie kommerzielle Sponsoren und private Geldgeber. Deshalb hat eine Kommission im Auftrag der Regierung die Frage aufgebracht, ob künftig Ausländer zur Kasse gebeten werden sollten. Also nur jene Museumsbesucher, die nicht schon als Steuerzahler ihren Beitrag geleistet haben. Ähnlich wird das in Paris gehandhabt, wo Nichteuropäer mehr Eintritt im Louvre zahlen müssen als Einheimische. Ebenso im Mauritshuis in Den Haag oder im Prado in Madrid.

Dort funktioniert das gut. Allerdings wird dort der Streit um Rückgabe von Kunstwerken nicht so erbittert geführt wie in London. Kaum dass der Vorschlag des Ausländer-Eintritts publik war, wurde er von Vertretern ehemaliger britischer Kolonien als „unethisch“ und diskriminierend verdammt. „Warum sollten wir dafür bezahlen, unser Kulturerbe zu sehen?“, sagte etwa der Vizechef der Reparationskommission der Karibischen Gemeinschaft. Schon werden mögliche Rabatte für Museumsbesucher aus Ländern ins Spiel gebracht, deren historische Kunstschätze zur Zeit des Empire nach London geschafft wurden.

Was bei der Aufregung jedoch ganz außer Acht gelassen wird, ist ein praktischer Haken. Einheimische und Ausländer können in England von keinem Museumswärter an der Kasse unterschieden werden. Anders als in Frankreich, Holland oder Spanien gibt es in England keinen Personalausweis, was bedeutet, dass Briten nichts bei sich tragen, um ihr Recht auf bevorzugte Behandlung geltend zu machen. Bis dieses Problem gelöst ist, kann nicht diskriminiert werden. Der Trend zur Grenzkontrolle an der Museumskasse wird so vorerst vor Großbritannien haltmachen.

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