Plagiatsvorwurf bei der Manifesta: Plagiat oder spontane Idee?

vor 5 Stunden 1

Der Streit um zwei Kunstwerke, in deren Zentrum jeweils in die Verti­kale gekippte Kirchenbänke stehen, geht in die zweite Runde. Die Bochumer Künstlerin Dorothee Bielfeld sieht irritierende Parallelen zwischen ihrer „aufrichten“ betitelten Arbeit in der Bochumer Christ-König-Kirche aus dem Jahr 2010 und der Installation „Elevation“, die ihr Berliner Kollege Nasan Tur im Rahmen der Manifesta 16 Ruhr in der Kirche St. Gertrud in Essen errichtet hat. Bielfeld spricht von einem Plagiat und verlangt, dass Turs Arbeit nicht länger gezeigt wird.

Diese Vorwürfe hat die Manifesta-Leitung am Donnerstag in einer Stellungnahme zurückgewiesen. Darin heißt es, man nehme alle Hinweise im Zusammenhang mit künstlerischer Praxis und geistigem Eigentum sehr ernst, die Vorwürfe Bielfelds seien aber „bislang haltlos“ geblieben. Eine erste Prüfung werde unter Einbeziehung externer juristischer Beratung fortgesetzt. Verantwortlich für die Beauftragung Nasan Turs seien die Creative Directors René Block und Leonie Herweg, die „Elevation“ weiterhin als eigenständiges künstlerisches Projekt betrachten, wie sie in der Stellungnahme zum Ausdruck bringen: „Auch wenn gewisse visuelle Ähnlichkeiten bestehen, zeigt eine nähere Betrachtung beider Arbeiten, dass sie aus unterschiedlichen künstlerischen Fragestellungen hervorgehen und sich in ihrer Methodik, ihrem Entstehungsprozess sowie ihrer beabsichtigten Wirkung unterscheiden.“

Urheberrechtlich nicht schutzfähig

Überdies wird in der Stellungnahme betont, dass die Manifesta „Fragen nach künstlerischem Einfluss, Originalität und Urheberschaft“ als wichtige Themen innerhalb des Kulturbetriebs betrachtet. Man bedauere, dass Dorothee Bielfeld „unsere grundsätzliche Bereitschaft zum ­Dialog“ nicht anerkenne, obwohl man sehr rasch auf ihre Anfrage ­reagiert habe.

Der Berliner Anwalt Peter Raue hat als Rechtsberater der Manifesta 16 Ruhr erklärt, dass Nasan Turs Idee, die Bänke vertikal anzuordnen, „spontan während eines Kirchen­besuchs gemeinsam mit dem Projektleiter René Block“ entstanden sei. Zudem sei die Idee, Bänke vertikal statt horizontal anzuordnen, „urheberrechtlich nicht schutzfähig“. Tur habe Dorothee Bielfelds Arbeit „aufrichten“ nicht gekannt und auch im Rahmen einer Internetsuche nicht finden können.

Interessierte Besucher der Manifesta 16 Ruhr, die noch bis Anfang Oktober in zwölf ehemaligen Kirchen in Bochum, Essen, Gelsenkirchen und Duisburg stattfindet, können sich mit einer einfachen Google-Suche – in die Vertikale gestellte Kirchenbänke im Kontext von Kunst – selbst einen Eindruck davon verschaffen, ob es einfach, schwierig oder sogar unmöglich ist, Hinweise auf Dorothee Bielfeld und ihre Arbeiten im Internet zu finden. Wer sich die kleine Mühe macht, erhält zugleich einen Eindruck von der Intensität, mit der Nasan Tur und die Kuratoren René Block und Leonie Herweg ihre Recherchen betrieben haben mögen.

Gesamten Artikel lesen