Philosoph Omri Boehm darf bei Buchenwald-Gedenkfeier nicht sprechen

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Der 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald droht von einem Skandal überschattet zu werden. Am kommenden Sonntag findet in Weimar eine Gedenkfeier statt, für die der israelisch-deutsche Philosoph Omri Boehm zunächst um eine Rede gebeten wurde – später wurde diese Bitte jedoch nach SPIEGEL-Informationen wieder zurückgezogen. Jens-Christian Wagner, Leiter der Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, bestätigt den Vorfall auf Anfrage.

Wagner sagt, er bedauere diese Entwicklung. Doch es habe sich wegen der Einladung Boehms ein Konflikt zwischen der Gedenkstätte und Vertretern der israelischen Regierung angebahnt, er habe die anreisenden Überlebenden davor schützen wollen, in den Streit hineingezogen und im schlimmsten Fall instrumentalisiert zu werden. In der Gedenkstätte schätze man die »Integrität Boehms und seine herausragende wissenschaftliche Leistung«. Mit Omri Boehm habe er vereinbart, den Vortrag zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen. Daher wolle er auch nicht von einer Ausladung sprechen.

Boehm, 1979 in Haifa geboren, hat unter seinen Vorfahren selbst Holocaust-Überlebende. Seit etlichen Jahren lehrt er als Hochschullehrer in New York, seine Bücher und Thesen werden weltweit wahrgenommen, polarisieren aber durchaus. Die Haltung des Philosophen zur Regierung seiner Heimat Israel und auch zur dortigen Gedenkkultur ist eine durchaus kritische. Auch nach dem Massaker des 7. Oktober 2023 durch die und dem anschließenden Krieg in Gaza setzt er sich für eine binationale Einstaatenlösung ein, fordert dazu nicht zuletzt die »Kunst des Vergessens«.

Aufregung um seine Positionen gibt es nicht zum ersten Mal. So wurde 2024 über seine »Rede an Europa« gestritten, die er im Rahmen der Wiener Festspiele hielt. In Weimar zu sprechen, hätte eine ungleich größere Wirkkraft entfaltet. Zu den Vorgängen wollte er sich auf SPIEGEL-Anfrage nicht äußern.

Als Redner nach wie vor eingeplant sind Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) und der frühere Bundespräsident Christian Wulff. Nach der Gedenkfeier im Kongresszentrum Weimarhalle am Vormittag ist für den Nachmittag eine zweite Zeremonie auf dem ehemaligen Appellplatz des Konzentrationslagers Buchenwald geplant. Dort wird auch Naftali Fürst sprechen, der 92 Jahre alte Holocaustüberlebende und Präsident des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos reist aus Israel an.

Die Landesregierung Thüringens richtet die Gedenkfeier am 6. April mit aus. Eine Sprecherin der Staatskanzlei ging, danach gefragt, auf Boehms Ausladung nicht ein, äußerte sich aber zur Gedenkfeier. Der Tag habe eine besondere Bedeutung, »die Anwesenheit hoher Repräsentanten der Bundesrepublik Deutschland und des Staates Israel ist uns sehr wichtig«. Man freue sich über die zahlreichen Gäste, auch über die Zusage Wulffs als Redner sowie über das Kommen des israelischen Botschafters Ron Prosor.

Die israelische Botschaft kündigte auf Anfrage eine Antwort an, bis Erscheinen stand sie noch aus.

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