Peter Thiels Rückgriff auf das theologische Motiv der Imitatio Christi schlägt neue Kapriolen. Für den visionären Techmilliardär spielt das Christentum eine ähnliche Rolle wie Science Fiction, sofern dort eschatologische Figuren – Unsterblichkeit, neue Schöpfung, Auferstehungsleib – dem persönlichen und planetarischen Empowerment dienen. Laut Luca Di Blasi, dem am Institut für Systematische Theologie der Universität Bern lehrenden Philosophen, könnte man bei Thiel in diesem Zusammenhang auch von einem „prometheischen Christentum“ sprechen, das die Aufhalter-Funktion (katechon) des nahenden Weltendes auf wissenschaftlich-technischem Wege durchzudrücken versucht, mit Thiel selbst als dem Anti-Antichrist.
Erlösung als Erlösquelle
Dahinter steht bei dem Tech-Milliardär eine kurz angebundene Verzeitlichung von Figuren der Ewigkeit, der Anspruch, sie empirisch datieren und lokalisieren zu können und auf diese Weise Erlösung als Erlösquelle anschlussfähig zu machen. „Anti-Antichristentum dient der indirekten Legitimation jener technologischen Entwicklungen, die Thiel selbst als menschheitsbedrohlich anerkennt, denen er aber, wie die Techelite überhaupt, sein Vermögen verdankt“, schreibt Di Blasi in der „Allgemeinen Zeitschrift für Philosophie“ (1/2026).
So kann es nur schiefgehen, wenn Thiel nun forciert Joseph Ratzinger, den vormaligen Papst Benedikt XVI., als Kronzeuge der Techtheologie aufbieten und mit ihm eine ideologische Allianz bilden möchte. In Thiels Aufsatz „The Pope and the Antichrist“, dieser Tage in der Zeitschrift „First Things“ veröffentlicht, wird Ratzinger als Denker der Endzeit gelesen. Man muss ihn dazu laut Thiel eben nicht nur hören, „wenn er ex cathedra, sondern auch wenn er leise spricht. Man wird ihn flüstern hören und dann rufen: Die Welt geht unter. Benedikt glaubte, er lebte in der Endzeit.“
Ergänze: So wie ich, Thiel, glaube, die Endzeit dingfest machen zu können. Die Fehllektüre ist krass. Natürlich-übernatürlich war Ratzinger ein Endzeitdenker; den eschatologischen Vorbehalt hat auch er nicht nur im Flüsterton formuliert: Christliches Leben ist demnach immer schon Endzeitleben, eingelassen zwischen „schon“ und „noch nicht“ im Religionsstifter selbst, der heilsgeschichtlich als Alpha und Omega fungiert. Gerade in dieser Schwebe liegt freilich die Antithese zu Thiels prometheischem Anti-Antichristentum, und nicht ein Allianzangebot.

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