„The Immortal Man“, das klingt nach Achtzigerjahre-Blockbuster. Und in Sachen Gewalt, Einzeiler-Coolness und aus der Zeit gefallen wirkendem Machismo steht der Film von Steven Knight (Buch) und Tom Harper (Regie) dem in nichts nach. Doch die Unsterblichkeit des Helden in Knights unerhört groß gewordener BBC-Serie „Peaky Blinders – Gangs of Birmingham“ (2013 – 2022) – es war die Hoch-Zeit des historischen Dramas, die Übernahme durch Netflix tat ein Übriges – war von Beginn an als Fluch markiert. Hier brachte ein Heimkehrer aus den Schützengräben von Flandern den Krieg in seinem Kopf mit. Bei aller Klugheit, die diesen Thomas Shelby immer einen Schritt voraus sein ließ, war da eine Todesgeneigtheit, die ihn gefährlich machte.
Die Abstammung der Shelbys von irischen Katholiken und von Roma prädestinierte sie für ein Leben am Rand der britischen Klassengesellschaft. Und so avancierte der von Cillian Murphy gewinnend charismatisch gespielte Tommy, ein wider alle Moral geliebter Schurke mit „Gypsy“-Ehrenkodex – das Erzählmodell der „Sopranos“ –, allmählich zum Schwerkraftzentrum mehrerer konzentrisch angelegter Familien. Da war zunächst die Blutsverwandtschaft: Schwester Ada, Tante Polly, drei Brüder. Sie alle erkannten Tommy als Oberhaupt an, auch der ältere Bruder Arthur, dessen posttraumatische Belastungsstörung immer wieder zu hemmungslosen Gewaltorgien führte.
Ein zurückgezogenes Stammesoberhaupt
Dann gab es die erweiterte Familie. Das war die im Birminghamer Arbeiterviertel Small Heath operierende Gang der „Peaky Blinders“ (mit realem Vorbild), so genannt aufgrund ihrer mit Rasierklingen verzierten Schiebermützen. Es ging um Raub, Erpressung und Pferdewetten. Es zählten Loyalität und Rücksichtslosigkeit. Das Buchmachergeschäft machte die Peaky Blinders reich, doch Thomas Shelby hatte Größeres im Sinn, den Aufstieg in die britische Oberschicht. Bis zum Labour-Abgeordneten brachte er es. Diese letztlich gescheiterte Ambition war eine wichtige Zutat in dem Drama über Krieg und Macht, über Zugehörigkeit und Traumata, das zum globalen Phänomen wurde.
Der jetzt nachgeschobene Film spielt im Jahr 1940, deutsche Bomben fallen auf Großbritannien. Thomas Shelby wird von den nicht eben modern dargestellten Roma – das ist der dritte, der größte Familienkreis – als Rom Baro verehrt, als Stammesführer, obwohl er sich aus der Stadt und von den Geschäften zurückgezogen hat und, nun ja, seine Autobiographie schreibt. Als Titel nicht nur dieses Buches, sondern auch des Films passt „The Immortal Man“ aber ganz gut, denn eigentlich hatte man sich längst mit dem Finale der sechsten Staffel (2022) abgefunden. Ein bis dahin unbekannter Sohn war aufgetaucht; Duke, der die Geschäfte wohl übernehmen würde. Der Held, von Visionen seiner toten Tochter eingeholt und knapp dem Tod entronnen, ritt im Jahr 1934 auf einem weißen Pferd davon und ließ sein altes Leben hinter sich.

Dass Thomas Shelby plötzlich wieder da ist, wirkt wie eine unerwartete Auferstehung. Und ja, dem wuchtigen Film gelingt es, einen guten Teil der düsteren „Peaky Blinders“-Magie wiederaufleben zu lassen – aber doch nicht vollständig. Zunächst fühlt man sich an den Anfang von Staffel vier versetzt, als Thomas, mit der Familie zerstritten, allein in einem viel zu großen Herrenhaus lebte, bis eine Vendetta die Shelbys wieder zusammenbrachte. Diesmal wirkt alles noch viel endgültiger. Obwohl der Protagonist in der letzten Staffel den endgültigen Bruch mit der unerreichbaren Oberschicht zelebriert hatte, indem er seine Villa in die Luft sprengte, bewohnt er einige Jahre später wieder ein ganz ähnliches, leicht verwittertes Anwesen im Umland. Nur sein loyaler Freund Johnny Dogs (Packy Lee) ist bei ihm. Weiterhin plagen ihn Traumgesichte der immer mehr werdenden toten Familienangehörigen. Eine recht kitschige Mystery-Komponente war von Beginn an vorhanden, aber da hat man noch zwei Schippen draufgelegt.
Sohn Duke, diesmal prächtig verkörpert von dem Iren Barry Keoghan, führt inzwischen die Bande an, „als wäre es wieder 1919“. Was ihm an Berechnung fehlt, macht er durch Skrupellosigkeit wett. Und so lässt er sich von einem britischen Nazi-Kollaborateur der fünften Kolonne (Tim Roth) zur lukrativen Teilnahme an einem deutschen Komplott überreden. Die „Aktion Bernhard“ stand Pate, der Versuch, die britische Ökonomie mit Falschgeld zu überschwemmen. Thomas Shelby, das macht eine geheimnisvolle Besucherin (Rebecca Ferguson) ihm deutlich, muss sich also noch einmal aufraffen. Es gilt, den Sohn, den Ruf der Familie und ganz Großbritannien zu retten. Die familiäre Aussöhnung wird als Prügelei im Schweinekoben inszeniert. Es fallen Reue-Sätze wie: „Ich war nie ein Vater. Ich war eine Art Regierung.“ Das ist bestes heroisches Klischeekino. Bildlich passt es sich gut der elaborierten Gemäldeästhetik der Serie an.
Und er kann es noch: Es dauert eine Weile, aber dann marschiert Murphy mit wehendem Mantel im Zeitlupen-Thomas-Shelby-Schritt los – und der eigentliche Film beginnt. Auch den Pub der Shelbys, das Garrison, gibt es noch, aber da feiern nun die Lumpen. Das führt zu einer phantastischen Western-Szene, als der alte König auftaucht. Bald gibt es für die Fans eine Reprise der allerersten Sequenz der Serie: Tommy reitet langsam durch eine Straße in Birmingham. Dazu erklingt Nick Caves ikonisches „Red Right Hand“ (in neuer Version; aber an keiner Version kann man sich satthören). Der Unterschied freilich ist markant: Tommy wird nicht gefürchtet, sondern vom Volk wie ein Heiliger berührt.
Diese Heiligsprechung ist ein Problem. Thomas Shelby als Nazi-Schlächter hat etwas moralisch so Erhabenes („Aus diesem Bösen wird Gutes entstehen“), dass es langweilt. Störend ist auch das zu hohe Tempo, denn gerade die behutsame, figurengetragene Entwicklung machte den Reiz von „Peaky Blinders“ aus. Und so vermittelt sich auch die Stabübergabe an den neuen Anführer nicht wirklich; anders als Tommy wirkt Duke weder sympathisch noch klug. Die nächsten Staffeln sind bereits in Produktion, aber es ist kaum zu erwarten, dass sich das sogar zum englischen Modetrend gewordene „Peaky Blinders“-Flair noch einmal einstellen wird. Eine Ära ist vorbei.
Peaky Blinders: The Immortal Man ist von Freitag an abrufbar bei Netflix.

vor 17 Stunden
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