Unter allen Blue-eyed-Soul-Vertretern hatte Paul Young an Kritik und Häme wohl am meisten einzustecken. Dieser fast zu schöne und nach Art der wirklich Schönen meistens etwas ernst dreinblickende Engländer landete, längst kein Teenager mehr, mit seinem Solodebüt „No Parlez“ 1983 einen Kracher, von dem Robert Palmer nur träumen konnte und wie ihn mit dieser Breitenwirkung sonst nur George Michael oder Simply Red hinbekamen – Soul von Weißen, aber, wenn es sehr gut läuft, nicht nur für Weiße.
Mangel an Eigenständigkeit war in diesem Segment von Anfang an ein Einwand, und Young hörte ihn auch später noch. In seinem Fall ergab er sich schon daraus, dass gerade die erfolgreichsten Auskopplungen der Platte geliehen waren: „Wherever I Lay My Hat (That’s My Home)“ kam von Motown und wurde ursprünglich von Marvin Gaye gesungen, „Love of the Common People“ ein Country, bekanntgemacht von Waylon Jennings, „Love Will Tear Us Apart“ gewissermaßen Joy Divisions Totenlied auf Ian Curtis und, über allem, „Come Back and Stay“ Punk von Jack Lees Band The Nerves.
Strikt am Soul orientierte Stimme
Young aber, der sich vorher schon in Londoner Zweitliga-Formationen achtbar geschlagen hatte, wurde mit diesem heterogenen, zum ihm nur bedingt passenden, aber vom Produzenten Laurie Latham geschmackvoll auf Hochglanz polierten Material fertig, indem er es eigenhändig und ziemlich originell arrangierte und mit seiner strikt am Soul orientierten Stimme intonierte. Das schlug dermaßen ein, dass sich Fragen nach Originalität oder eigener Autorschaft jedenfalls beim Publikum gar nicht stellten. Das war 1969 bei Joe Cocker nicht anders gewesen. Der Gesang sprach einfach für sich.

In einem seiner Radiointerviews gab Young damals zu Protokoll, die erste Band, die ihm richtig imponiert habe, seien Free gewesen, das englische Bluesrock-Quartett, in dem Paul Rodgers die Sensation war. Viele wollten damals so singen (können) wie Paul Rodgers; Paul Young kam diesem Stimmwunder, wie sonst wohl nur Frankie Miller, einigermaßen nahe, in der Festigkeit der Stimme, in der getragenen Art, in der auch er die Töne hält, und mit seinem charakteristisch warmen Timbre.
Einen späten Free-Titel, „Little Bit of Love“, sang er 1990 nicht zu seinem Nachteil ein. Natürlich ist es trotzdem eine andere Art von Musik: ganz viel Pop mit (geborgtem?) Soul, weniger Rhythm & Blues. Diese Vorliebe erschließt sich erst recht, wenn man Youngs verblüffend stimmige Hommage „Now I Know What Made Otis Blue“ (1993) an einen der absoluten Soul-Götter hört: Paul Rodgers sang später, erwartungsgemäß kompetent, eine Südstaatensoulkollektion ein, aus welcher der Otis-Redding-Titel „I’ve Got Dreams To Remember“ herausragt („The Royal Sessions“, 2014).
Für einen Schmusesänger zu viel Substanz
Dies sind die Traditionen und Schnittmengen, in denen Paul Youngs stimmliche Fähigkeiten anzusiedeln sind und die über seinen künstlerischen Anspruch bessere Auskunft geben als hämische Bemerkungen wie: „Seine Musik ist der perfekte Soundtrack für Modegeschäfte auf der Hauptstraße.“ Das ist sie, aber auch solche Laufkundschaft hat ein Recht auf Beschallung. Für einen Schmusesänger, für den man ihn gehalten haben mag, hat er zu viel Substanz.
Der Erfolg des Debüts hätte aus Paul Young leicht ein One-hit-wonder machen können. Aber dagegen sang er, schön im alten Fahrwasser bleibend, an. Titel, nun zum Teil sogar aus eigener Feder, wie „Every Time You Go Away“ oder „Between Two Fires“ waren fast so etwas wie Anschlusstreffer und hatten diesen typisch schmachtend-sentimentalen, in der seltsamen Ergebenheit kaum noch melodramatischen Gestus und hielten ihn, wie weitere, durchaus noch seriöse, aber weniger vorteilhaft produzierte Veröffentlichungen im Geschäft und tun dies hoffentlich noch lange über den siebzigsten Geburtstag hinaus, den Paul Antony Young an diesem Samstag feiert.

vor 2 Tage
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