Österreich: Wenn Fragen zur Familiengeschichte erst jetzt gestellt werden

vor 2 Tage 1

Auch ich habe in den vergangenen Wochen und Monaten die Namen von allen möglichen Verwandten in Suchmasken eingetippt. Um herauszufinden, ob und wann sie eine Mitgliedschaft in der NSDAP beantragt haben. Diese Informationen sind inzwischen leicht zugänglich, weil das US-Nationalarchiv die Zentral- und die Ortsgruppenkartei der NSDAP ins Internet gestellt hat, Millionen Karteikarten, die es bisher nur auf Mikrofilm gab. Und seit mehrere Medien in Deutschland diese Karteien digital aufbereitet haben, lässt sich mit nur wenigen Klicks die eigene Familiengeschichte erforschen.

Wie viele habe ich einen Nazi-Opa. Immerhin habe ich in meiner österreichischen Familie bislang nur einen Großelternteil gefunden, was aber nichts heißt, da viele Unterlagen von den Nazis vernichtet wurden. In Österreich hat man nach Kriegsende eine halbe Million Parteimitglieder offiziell registriert, Historikern zufolge waren es aber wohl 700 000. Mein Großvater hat seinen Antrag wie die meisten Österreicher in den Monaten nach dem „Anschluss“ des Landes an Deutschland gestellt, im August 1938. Er war 39 Jahre alt, Familienvater und Handwerker von Beruf.

Weil diese Geschichte so durchschnittlich ist und der Fund so wenig überraschend, habe ich die Karteikarte mehr oder weniger kommentarlos in die Familien-Whatsapp-Gruppe gestellt, FYI. Auf die Reaktion war ich nicht gefasst: Schock. Meiner Familie war das tatsächlich nicht bewusst gewesen. Sie dachte, der Großvater habe nie etwas mit den Nazis am Hut gehabt. So war es jedenfalls immer erzählt worden. Nach und nach kam dann heraus, dass es da wohl einen Schrank im Haus des Großvaters gab, den niemand öffnen durfte. Wahrscheinlich hätten sich dort Antworten auf Fragen gefunden, die allerdings erst jetzt gestellt werden.

Mit dieser Erfahrung bin ich nicht allein. Familiengeschichten werden immer idealisiert und zurechtgebogen. Und wenn es um Verstrickungen mit dem NS-Regime geht, dann wird besonders bruchstückhaft erzählt. Darin liegt auch die enorme gesellschaftliche Bedeutung dieser Akten. Zwar weiß jeder, der in der Schule aufgepasst hat, dass der allergrößte Teil der Deutschen nationalsozialistisch eingestellt war. Aber nun sickert diese Erkenntnis auf der Mikrobene der Familien ein. Dort, wo es um Verbundenheit und Liebe geht, es aber auch Leid und Druck gibt und vieles nicht ausgesprochen wird. In den Karteien findet man nicht nur etwas über die eigene Familiengeschichte heraus. Sondern man lernt auch etwas darüber, wie diese Geschichte in der Familie weitergegeben wurde.

Das wird für die meisten eine schwierige Erfahrung sein. Zumal die Karteikarte mit den wenigen, oft in Sütterlin hingekrakelten Informationen erst der Anfang ist. Das Mitgliederverzeichnis sagt wenig darüber aus, was jemand im Nationalsozialismus wirklich getan hat. Ob er der klassische Mitläufer war, wie ich es bei meinem Opa vermute. Oder es noch weitere Lücken in der Erinnerung und eine viel dunklere Geschichte gibt. Es ist gut, dass jede und jeder nun einen leichten Einstieg in die Geschichte finden kann. Denn so schmerzhaft die Erkenntnisse daraus sein können, so wichtig ist es doch, über die eigene Herkunft Bescheid zu wissen.

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