Sie hätten verschiedener nicht sein können und dienten doch einem gemeinsamen Anliegen, nämlich der Erschließung und Verbreitung von Nietzsches Werken: der weltgewandte, jugendlich einnehmende Oscar Levy und die scheinbiedere Elisabeth Förster-Nietzsche. Er ein vermögender, philosophisch disponierter Arzt jüdisch-deutscher Herkunft, seit 1893 in London ansässig und schon ein Jahr später nach der von einer amerikanischen Patientin angeregten Lektüre von „Jenseits von Gut und Böse“ zeitlebens für Nietzsche eingenommen; sie im Hauptberuf Nietzsches Schwester, vor allem nach ihrer 1892 erfolgten Rückkehr aus Paraguay, wo sie ihrem von antisemitisch motiviertem Rassenwahn getriebenen Ehemann, Ludwig Bernhard Förster, bei der Gründung einer deutschen Siedlung (1886) bis zu dessen Selbstmord beigestanden hatte.
Hrsg. von Gerd Theile und Steffen Dietzsch: „Oscar Levy und Elisabeth Förster-Nietzsche, Briefwechsel 1904–1937“Schwabe VerlagElisabeth, von ihrem Bruder in besseren Zeiten, halb abschätzig, halb mokant „das Lama“ genannt, wollte für ihn alles sein: Haushälterin, Pflegerin, schließlich Gralshüterin seines Werkes. Bis heute gehen die Meinungen darüber auseinander, ob ihre manipulativen Eingriffe in den Nachlass Nietzsches – am spektakulärsten die Kompilierung des von Nietzsche nie geschriebenen Buches „Der Wille zur Macht“ – annähernd entschuldigt werden können durch ihr verdienstvolles Aufstöbern und Sammeln von Manuskripten und Briefen des Bruders.
Oscar Levy meldet sich bei der Herrin des Nietzsche-Archivs zu Weimar, der Villa Silberblick, als inzwischen versierter Nietzsche-Kenner im Oktober 1904 als Autor eines soeben erschienenen Buches, „Das neunzehnte Jahrhundert“, in der französischen Kritik bereits als „Hymne auf Nietzsche“ gefeiert. Nach seiner ersten Begegnung wundert sich Levy, „daß ein solcher Mann“ wie Nietzsche „diese Schwester haben könnte“.
Doch bereits in seinem zweiten Brief an Elisabeth vom Juni 1906, es war das Jahr, in dem Edvard Munch sie porträtierte, eröffnete Levy einen verlockenden Plan, die geistige Wüste Englands „ein wenig mit der Philosophie ihres Bruders zu fertilisieren“. Das sollte mithilfe einer Gesamtausgabe seiner Werke, einschließlich eines Nachlassbandes geschehen, von ihm, Levy, als verantwortlichem Herausgeber betreut und finanziert.
Was soll eine „Philosophie des Zeitalters“ sein?
Der Einsatz war seinerseits hoch; auf große Gewinne konnte er dabei nicht hoffen. Die insgesamt achtzehnbändige Gesamtausgabe lag 1913 abgeschlossen vor, bewerkstelligt von einem neunköpfigen Übersetzerteam, koordiniert und entlohnt von Levy, die Mehrzahl der Bände von ihm ausführlich bevorwortet: in der komplizierten Editionsgeschichte Nietzsches ein singulärer Vorgang.
Der nun vorliegende, sorgfältig und kompetent edierte Briefwechsel dokumentiert die Entwicklung der Beziehung zwischen Levy und dem „Lama“, angereichert durch die quälend zähen Urheberrechtsprobleme, die daraus resultierten, dass sich frühere Übersetzer zu Unrecht betrogen sahen und Elisabeth sich hartnäckig verlagsrechtliche Fehlinterpretationen leistete.
Mit grundstürzend Neuem kann dieser Briefwechsel zwar nicht aufwarten. Schon Leila Kais hat in ihrer vorzüglichen Studie über Oscar Levy („Le Nietzschéanisme, c’est moi …“, 2010) bereits aus dem mittlerweile im Goethe-Schiller-Archiv in Weimar aufbewahrten Oscar-Levy-Archiv schöpfen und wesentliche Stellen aus dieser Korrespondenz auswerten können. Doch eine Überraschung bietet der Band: Einen im April 1922 an Levi gerichteten Brief von Nietzsches Vetter, Max Oehler, der noch nichts von seiner späteren nazistischen Gesinnung verrät, sondern eine klarsichtige Analyse der geistigen Situation in der frühen Weimarer Republik bietet und durchaus auch nietzschekritische Gedanken beinhaltet. Dabei wirft er die bedenkenswerte Frage auf, ob „die Philosophie eines Zeitalters wirklich“, wie immer behauptet werde, ihr kulturelles Leben widerspiegele.
Immerhin lässt dieser Briefwechsel erstmals genau die Bedingungen nachvollziehen, unter denen Levy dieses editorische Großprojekt im Vorkriegs-England gegen alle Widerstände durchsetzen konnte. Er zeigt zum Beispiel, dass die selbstsüchtige Elisabeth sich 1921/22 in keiner Weise dafür interessierte, weshalb Levy im Herbst 1921 England unter den Bestimmungen der englischen Nachkriegsgesetze gegen „feindliche Ausländer“ verlassen musste. Zudem zeugt er von Levys Langmut gegenüber der hausmächtigen Gralshüterin, die mit irrigem „Silberblick“ die wahren Verhältnisse zu entstellen liebte.
Gert Theile und Steffen Dietzsch (Hrsg.): Oscar Levy/Elisabeth Förster-Nietzsche, Briefwechsel 1904–1937. Schwabe Verlag, Berlin 2025. 287 S., Abb., geb., 49,– €.

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