Dies ist eine Farce aus der untergehenden DDR. Angesiedelt in Halle an der Salle. Aber diese Farce hat Grandioses hervorgebracht. Zu Halle an der Saale. Das verdankt sich vor allem drei Personen, die mit ihrem Blick auf die realsozialistische Wirklichkeit die Machthaber provozierten. Die drei waren gar nicht einmal in der Opposition, sie waren einfach Künstler. Das machte die Sache so schwierig. Und so großartig.
Zwei Frauen, ein Mann: die Fotografin Helga Paris, ihre Kollegin Konstanze Göbel und der Gebrauchsgrafiker Helmut Brade. Miteinander bekannt, ja befreundet. Zwei von ihnen aus Halle: Göbel und Brade. Helga Paris wohnte dagegen in Ost-Berlin, doch ihre Tochter lebte damals in Halle. Alle drei waren Mitglieder im staatstragenden Verband Bildender Künstler.
Das Plakatmotiv zu Konstanze Göbels Halle-Ausstellung des Jahres 1989, aufgenommen zwei Jahre zuvor in der Großen WallstraßeKulturstiftung Sachsen-Anhalt/Konstanze GöbelAls solche hatten sie Anspruch auf Ausstellungen, und eine davon sollte auf Brades Anregung 1986 in Halle stattfinden und jene Aufnahmen zeigen, die Helga Paris in den Jahren zuvor während Besuchen bei ihrer Tochter angefertigt hatte. Es war eine zufällig entstandene Serie, gespeist von der Faszination der Berlinerin für ein Stadtbild, das mehr als in anderen ost- wie westdeutschen Städten von der Vergangenheit kündete: Halles Innenstadt hatte trotz Bombenschäden ihre alte Struktur bewahrt. Doch die Häuser verfielen. Und das zeigten die Bilder, obwohl etwa die Hälfte der insgesamt 101 Fotos, die Helga Paris für die Schau ausgewählt hatte, Porträts von Einwohnern der Stadt waren; „Häuser und Gesichter“ lautete deshalb der Ausstellungstitel. Aber auch die Porträts folgten bei aller Inszenierung der Ästhetik von street photography. Aufgenommen in der Innenstadt, verbanden sie die Bewohner mit ihrer Stadt – mustergültig zu sehen in jenem Foto, das den Katalogtitel zieren sollte: das einer jungen Frau, die Helga Paris vor der Kulisse der Marienkirche porträtiert hat. Nur die wenigsten Szenerien waren derart repräsentativ.
Dem Anspruch auf Zukunftszugewandtheit nicht entsprochen
Der städtebauliche Zustand von Halle wurde also überdeutlich, und das vertrug sich nicht mit dem Anspruch des selbst erklärten Zukunftsstaates DDR: keine Rede von „Auferstanden aus Ruinen“. Die waren vielmehr alle noch da. Als der Katalog vorab eingesehen werden konnte, wurde die bereits fertig gehängte (und genehmigte!) Ausstellung abgesagt, und im Folgejahr scheiterte ein weiterer Versuch von Brade, durch leichte Entschärfung seines eigenen Begleittextes im Katalog doch noch die Fotos von Helga Paris in Halle zeigen zu lassen. Stattdessen dachten sich die Stadt- und SED-Vertreter nun ein dezidiertes Gegenprojekt aus: die fotografische Dokumentation des Umbaus von Halle in eine moderne Großstadt nach sozialistischen Idealvorstellungen. Da traf es sich gut, dass Helmut Brade auch mit der eine Generation jüngeren Konstanze Göbel befreundet war. Er empfahl sie für das neue Vorhaben, und Fotografin und Bezirksrat wurden sich rasch einig.
Diese Aufnahme von einem verfallenen Haus im Winter jenseits der Klausbrücke hatte nach Erinnerung von Helga Paris den Bezirksrat besonders verstört.Nachlass/Estate Helga ParisIn den Jahren 1987 bis 1989 streifte nun also Göbel durch ihren Wohnort Halle – mit dem Auftrag, fünfzig charakteristische Bilder zu erstellen. Dafür fertigte die Fotografin zweitausend Aufnahmen an, doch was sie davon auswählte, gab dann denselben Eindruck wider wie die Bilder von Helga Paris. Denn sosehr die Stadt in den späten Achtzigerjahren auch umgebaut wurde, so wenig konnte und wollte Göbel über den Verfall hinwegsehen. Aber als die Ausstellung ihrer Fotos anstand, im Oktober 1989, hatten die politisch Verantwortlichen andere Probleme als eine kleine Fotoschau. So fand diese Ausstellung statt – über den Mauerfall hinweg. Danach konnte auch die Serie von Helga Paris endlich in Halle gezeigt werden: gleich 1990 und dann noch einmal 2006, unter dem seitdem berühmten Titel „Diva in Grau“. Heute ist dieser Bildzyklus eine Legende der Fotografiegeschichte.
Durchs Kerngebiet des fotografischen Sujets
Zum vierzigsten Jahrestag der 1986 verhinderten Ursprungsausstellung wird er nun noch einmal gezeigt: im Kunstmuseum Moritzburg, der besten Stube der Stadt. Doch damit nicht genug: Erstmals seit 1989 sind auch die fünfzig Aufnahmen von Konstanze Göbel wieder komplett zu sehen (wobei Ausstellungsansichten von 1989 belegen, dass offenbar einzelne Motive später ersetzt wurden). Ort dieser Wiederholung ist das Literaturhaus Halle, aber auch sie wurde kuratiert von der Moritzburg-Mitarbeiterin Jule Schaffer. So sind in einem knappen Kilometer Entfernung die beiden als Gegenpole geplanten, aber dann in ihrer Aussage nahezu identischen Konvolute zu bewundern, und auf dem Weg von einer zur anderen Station läuft man durch Kerngebiete der dabei entstandenen Aufnahmen. Nur dass heute kaum noch etwas zu sehen ist von dem, was damals fotografiert wurde – die früheren Häuserruinen sind, sofern sie nicht in den Achtzigern abgerissen worden waren, alle makellos restauriert.
Dasselbe Haus wie auf Paris’ Winterbild, mittlerweile sorgfältig restauriert (und mit erneuerter Brücke), aufgenommen in der vergangenen Woche.Andreas PlatthausBeide Präsentationen werden von hochinteressanten Katalogen begleitet, in denen die Begleitumstände nachvollzogen werden. So lernt man die subtilen Strategien von Künstlern kennen, die zwar nicht dezidiert staats-, aber gesellschaftskritisch waren. Der von Brade gestaltete Katalog für die Helga-Paris-Ausstellung von 1986 enthielt ein Zitat der Fotografin: „Ich habe Halle fotografiert wie eine fremde Stadt – Versuch, alles was ich wissen und verstehen könnte zu vergessen. So, als hätte ich beispielsweise Rom fotografiert.“ Just dieses Zitat benutzte der gewitzte Brade, als Helga Paris im Frühjahr 1989 in Halle doch noch eine eigene Ausstellung bekam, allerdings dann mit Fotos aus New York. Auf das Plakat dazu, das wieder Brade gestaltete, stand nun die Äußerung: „Ich habe New York fotografiert wie eine fremde Stadt – Versuch, alles was ich wissen und verstehen könnte zu vergessen. So, als hätte ich beispielsweise Halle fotografiert.“ Alle in Halle wussten, worauf das anspielte.
Und als Brade ein halbes Jahr später auch das Plakat für die Ausstellung von Göbel entwarf, wählte er dafür ein Zitat aus Roland Barthes’ Fotografie-Essay „Die helle Kammer“, das so anhob: „Jegliche Photographie ist eine Beglaubigung von Präsenz. Ohnmächtig gegenüber allgemeinen Vorstellungen (der Fiktion).“ Wer das nicht auch als Kommentar auf die Versuche politischer Einflussnahme jener Zeit auf Künstler nahm, dem war nicht zu helfen. Und der kam sicher nicht aus Halle.
Helga Paris – Häuser und Gesichter Halle 1983–85. Im Kunstmuseum Moritzburg, Halle; bis zum 20. September. Der exzellente Katalog (Mitteldeutscher Verlag) kostet im Museum 48 Euro, sonst 58.
Konstanze Göbel – Halle im Umbruch 1987–1989. Im Literaturhaus Halle; bis zum 16. August. Der schmale, aber schöne Katalog (Mitteldeutscher Verlag) kostet im Museum 15 Euro, sonst 25.
In der Moritzburg sind beide Kataloge zusammen zu einem Sonderpreis von 55 Euro erhältlich.

vor 3 Stunden
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