Diese Reime! Da ist „licht“ oder auch „nicht“, da heißt es zum „frank“, es sei noch ein Rest im „tank“, da wird „gehört“, was gleich „zerstört“ und – hast du nicht gesehen – ist man empört oder doch betört.
Norbert Hummelt lässt die Reimlust frei, und die tobt durch die Verse dieses altersheiteren Gedichtbandes. Falls irgendjemand diesen renommierten Dichter und Übersetzer mal im Verdacht gehabt haben sollte, er könne vielleicht in Melancholie oder gar Altersstarre verfallen; in „Hellichter Tag“ klingt und bimmelt, singt und wimmelt das prall gefüllte Leben. Die Reimniveau-Skala ist übrigens zwischen aus der Hüfte geschossen bis zu super sophisticated offen – Wortschöpfungseifer und Enjambementhunger inklusive: „ich wünschte mir ein apfelbier. aber mein vater // sagte zu mir: nicht jedem ist das was er will / beschieden. Du kriegst das, was hannes hat gehabt, / u. das war gar nichts u. er war sehr zufrieden.“ Wer bescheiden nimmt, was kommt, statt zu wollen, was er nicht bekommt, dem reimt sich auf „beschieden“ „Frieden“ im Kontrast zum Krieg, der in „kriegt“ anklingt. Väterliche Reimweisheit.
Wenn uns die Bücherrücken entzücken
Überhaupt bilden die Erinnerungen an den Vater („der / kaum je wein trank“) oder auch nur an seine Bücher eine der anrührendsten Facetten dieses Bandes: „die bücher meines vaters standen lange still / in reih und glied in seinem bücherschrank ich sah von ihnen / nur die rücken“. Und doch entzücken diese Buchreihen mit Namen, die ihrerseits eine Resonanz der längst Vergessenen, aber doch noch Anwesenden erzeugen: Edzard Scharper oder auch Hans Habe finden sich dort aufbewahrt.
Ob mit einer Neulektüre dieser Autoren alles wieder gut wäre? „Hellichter Tag“ kokettiert mit solchen Vorstellungen. Dieses Reparative findet seinen Kulminationspunkt in dem – kalaueraffinen – Achtzeiler „Dichtung“. Dort kommt es zur folgenschweren Begegnung zwischen einem Dichter-Ich und einem Klempner, die gerade noch in Richtung Hochkultur abbiegt, samt Schiller-Anspielung: „sieh da! sieh da timotheus, sagte / der klempner, weniger zu mir als / zu sich selber, als er den schlauch // der spülmaschine untersuchte. / er hatte offenbar herausgefunden, wo es leckte, jedesmal, wenn // die maschine wasser zog“.
Ein Gespür für die eigene Vergänglichkeit
Das Reparieren setzt Kenntnisse über die entscheidenden Schwachstellen voraus. Und während wir nun die „Kraniche des Ibykus“ über unseren Köpfen rauschen hören und ehe wir noch an der Echtheit dieser Begegnung zweifeln können, erkennen wir: „Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet / Noch zweifelnd jede Brust und bebet / Und huldigt der furchtbarn Macht / Die richtend im Verborgnen wacht.“
Norbert Hummelt: „Hellichter Tag“. Gedichte.VerlagDiese Macht ist in Hummelts Band unzweifelhaft das Gespür für die eigene Vergänglichkeit. Dafür steht die Erinnerungsstruktur der Texte, die um die eigene Kindheit, aber auch um die eigene Tochter kreisen. Um zugleich am eigenen Körper erste Altersspuren ins Auge zu fassen: „ich hatte einst ein schönes selbstgefühl das / reichte mir bis in die fingerspitzen ich konnte // davon nicht genug besitzen es war mir jederzeit / gegeben gegenstände mit der hand zu heben“, steht zuerst konturenklar im Erinnerungsraum. Bevor im nächsten Augenblick aber mit dem Blick auf die Gegenwart klar wird: „meine finger gehorchen nicht mehr / sie werden zittrig u. irgendwie schwer“.
Noch aber bleibt der Blick auf das Licht einzelner Augenblicke, der hier gepflegt wird. Mancher dieser Eindrücke wirkt unfreiwillig komisch, wenn etwa der „grüne teich hinter dem thälmann-denkmal“ mit den Worten aufgerufen wird: „da waren jungs, die fuhren / da auf skates, u. männer standen dunkel hinter // büschen“. Auf „skates“? Auf Skateboards? Auf Schlittschuhen? Oder ist da Rollschuhfahren das Ding? Beckmesserei, die auf der Suche nach dem ausgesuchten Genussmoment nur stört: „laß ab, du faselhans, was soll der / tanz, beherrsche dich, laß alles gehen, wie eben will, an eleganz“.
Faselhans, Tanz, Eleganz – verweile doch, du reimst so schön. Aber das sind Ausrutscher. Andere Verse strahlen doch wieder eine behutsame Lebenswärme und Verletzbarkeit aus. „ich würde gern für eine weile in der sonne gehen falls das / erlaubt ist ein paar schritte ich würde das heile licht / ansehen bis wo der schatten anfängt auf der mitte.“ Wie gut, einen solchen Gedichtband einer „Constanze“ widmen zu können, deren Name im Angesicht des Vergänglichen Beständigkeit garantiert.
Norbert Hummelt: „Hellichter Tag“. Gedichte.
Luchterhand Literaturverlag, München 2025. 112 S., geb., 20,– €.

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