Neues von Voodoo Jürgens: Alles Prater!

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Zugegeben, es klingt ein wenig seltsam, das über einen Zweiundvierzigjährigen zu sagen, aber Voodoo Jürgens wirkt auf seiner neuen Platte erwachsener. Weniger anarchisch. Den Vokuhila hat er sich abschneiden lassen, die Secondhandanzüge, die bunten Hemden mit den überdimensionalen Krägen sind geblieben. Ist das ein Alarmsignal?

„Gschnas“ ist seine vierte Platte in zehn Jahren. Ansa Panier, die fünfköpfige Band an seiner Seite – der Name steht für die besten Kleidungsstücke, die man an Festtagen anzieht –, besteht aus lauter Multiinstrumentalisten. David Schweighart, Bent Lichtscheidl, Martin Dvoran, Matthias Frey und Alexander Kranabetter haben neben der üblichen Instrumentierung auch Geige, Bassgeige, Trompete, Tuba im Repertoire. Um das Ausmaß ihrer Spielfreude zu erleben, empfiehlt sich ein Konzertbesuch.

Weniger Wiener Lied, mehr Pop

Im hohen Norden, in Bremen, sind die sechs Wiener ins Studio gegangen, haben zuerst die Musik der elf Songs aufgenommen – ohne Text. Den hat David Öllerer, wie Voodoo Jürgens bürgerlich heißt, post festum gedichtet, im Dialekt seiner Heimat, versteht sich. Das Resultat: weniger Wiener Lied, mehr Pop, weniger Milieu und Morbidität, ein bisschen mehr Stromlinie, aber unverkennbar Voodoo Jürgens.

DSGVO Platzhalter

Deutschland ist ein Schlüsselmarkt für Voodoo Jürgens, auch wenn er in Österreich mehr Tonträger verkauft und größere Hallen füllt als hierzulande. Deutsche Musikfans lieben Typen wie ihn. Vielleicht weil es sie hier nicht so häufig gibt, weil man nicht leicht versteht, was er singt, weil Wien, die große Hauptstadt vieler kleiner Völker, eben immer wieder eigenwillige Essenzen zu destillieren versteht. Lotterlabel-Chef Stefan Redelsteiner, Voodoo Jürgens’ kongenialer Vermarkter, hat in einem F.A.Z.-Gespräch als einen Erfolgsfaktor für seinen Schützling jedenfalls den Umstand genannt, dass in Österreich anders als Deutschland auch ein Lebenskünstler Popstar werden könne, weil „in Österreich alles einfach ein bisschen wurscht“ sei.

„Gschnas“, Neutrum, hat im Wienerischen laut Dialektlexikon zwei Bedeutungen – Maskenball und Schund, Trödel, Schnickschnack. Da es im Titelsong zum „vogaltaunz“ „foschingskropfn regnan“ soll, ist die erste Bedeutung naheliegender. Die Platte erscheint am 20. März, als Single ausgekoppelt wurde im Januar „vaschwindn“, und das Lied geht gleich richtig gut ab. Ein Synthesizer zieht mit einer Ohrwurmschleife jaulende Kreise, das wummert nicht ganz so überwältigend wie bei David Bowies „Heroes“, hat aber Hit-Qualität.

Die Rettung der romantischen Liebe

Im Video kommt Voodoo Jürgens mit blauem Auge und Blut am Kragen nach Hause und versucht seine Herzensdame, gespielt von der Schauspielerin Julia Franz Richter, durch hektisches Packen eines Koffers zur gemeinsamen Flucht zu überreden. Es geht im Pop eben doch immer wieder um die Rettung der romantischen Liebe: „Kumm! Wir mochn si ausn staub / sunst kummans uns auf olles drauf“. Und um Alltägliches wie Beziehungszerbröselung („langsam wirst ma fremd“) mit dem typischen Gesangsstil der zugleich stark gedehnten und betonten Umlaute wie in „gfreid“. Der gewinnende Singsang eines Hallodris, der es doch nie böse meint, sondern halt öfters am strukturierten Leben vorbei stolpert.

Das Cover zum Album „Gschnas“.Das Cover zum Album „Gschnas“.Lotterlabel

Insgesamt ist die Welt des Beisls in den Hintergrund getreten, das kleinbürgerliche Milieu der auch in Wien von der Gen­trifizierung immer weiter an den Rand gedrängten Kaffee- und Wirtshauskultur, in der einst Platz für Sänger war. Voodoo Jürgens tritt nun heraus aus diesem Lebensraum, sucht Neuland, ohne seine Wurzeln zu kappen und ohne in irgendeine Art von Star-Gehabe abzurutschen. Die Fans sollen sich ihn leisten können, weswegen er auf bezahlbare Konzertkartenpreise achtet und sich für die Aktion „Hunger auf Kunst und Kultur“ engagiert, die einen Kulturpass für Menschen mit geringem Einkommen anbietet.

In den neuen Liedern geht es um allgemein menschelnde Themen wie den Zweifel, die Vergesslichkeit („da dings“), verschiedene Arten, das Leben zu bewältigen („de an und de aundan“), Einschlafprobleme („ka ruah“). Die Mischung stimmt, das Songwriting überzeugt, die, vorsichtig formuliert, gute Laune überrascht, weil sie kein Spezifikum des Wienerischen ist. Ist Voodoo Jürgens nun womöglich auf dem Weg zum Universalkünstler? Für seine Darstellung des Rickerl, eines ziellosen Straßenmusikers in Adrian Goigingers gleichnamigem Spielfilm, bekam er den Österreichischen Filmpreis. Das Drehbuch hat er zusammen mit dem Regisseur geschrieben. Malen tut er seit Jugendtagen, das Cover von „Gschnas“ stammt auch von ihm. Jetzt wäre eigentlich ein Roman fällig, und dann ein Abstecher ins Regiefach?

„Des leben soi / sei wie da proda“ – wie im Prater soll es also sein, bunt und funkelnd und sich drehend und rüttelnd wie im Disco-Karussell Tagada. In Zeiten wie diesen ist das eine unbekümmerte, gar nicht wienerisch todesverliebte Botschaft – das Leben, ein einziges Gschnas. Da geht noch was.

Voodoo Jürgens: „Gschnas“. Lotterlabel 84967 (Sony Music)

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