Buch „Muskismus“: Der Mann, von dem Staaten abhängen

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Die Gedankenwelten extrem reicher Rechtslibertärer sind aktuell wohl eines der beliebtesten Sujets kritisch ausgerichteter Gesellschaftsanalyse. Die ideologische Sentenz des Milliardärs Peter Thiel, Demokratie und Freiheit seien nicht vereinbar, es gelte jeder Form von Politik zu entkommen, wird – in Verbindung mit klassischem Rassismus – häufig als der Kern dieses Denkens präsentiert.

Als profiliertester Kritiker der Ideologie des sogenannten Paläolibertarismus gilt vielen der Kanadier Quinn Slobodian. Zu den Kettensägen schwingenden Verächtern des Staates, die im Geiste Murray Rothbards und Hans Hermann Hoppes die Forderung nach negativem Freiheitsextremismus mit dem Traum von einer „weißen“ Sezession kombinieren, hat der Historiker reichlich geforscht. Nun hat er gemeinsam mit dem Autor Ben Tarnoff ein Buch über das Mindset eines Mannes vorgelegt, den viele als personifizierte Synthese aus dem Tech-Libertarismus des Silicon Valley und rassistischen Reinheitsvisionen erachten.

Elon Musk greift selbst gerne auf den Staat zurück

Elon Musk wird von Slobodian und Tarnoff indes gerade nicht als radikaler Libertärer porträtiert, für den der Staat bloß die Rolle eines Nachtwächters hat. Der „Muskismus“ setze vielmehr auf Symbiose mit dem Staat, biete sich als Betriebssystem des (post)liberalen Kapitalismus im 21. Jahrhundert an. Wie das Silicon Valley, in dem er gedieh, lässt er sich staatlich subventionieren, monopolisiert dann Segmente des Marktes, die geostrategisch von besonderem Belang sind, und bietet Staaten sowie Einzelpersonen Souveränität als Dienstleistung an.

 Das Cover zu Quinn Slobodian/Ben Tarnoff: „Muskismus“. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking.Mithilfe von KI erstellt: Das Cover zu Quinn Slobodian/Ben Tarnoff: „Muskismus“. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking.Suhrkamp

Tatsächlich beherrscht Musk mit „Space X“ den Markt für Trägerraketen und den Start von Satelliten. Mit „Starlink“ wiederum den für die künstlichen Erdtrabanten selbst. Ganze Staaten und damit auch deren Armeen werden „unabhängig“ durch ihre Abhängigkeit von diesen Infrastrukturen. Für die Autoren ist der Muskismus aber mehr als nur die Kolonisierung des Staates durch die Tech-Entrepreneure des Silicon Valley. Er sei ein antihumanistischer Festungsfuturismus, geprägt durch Musks Land seiner Kindheit, das Apartheids-Südafrika – und so sei ihm nicht nur die Technophilie eingeschrieben, sondern ebenso ein weißes Überlegenheitsdenken.

In ihrer weitgehend präzise recherchierten Analyse spüren die Autoren den diversen Mutationen des Muskismus denn auch von den frühen Erfahrungen Musks im isolierten burischen Staat über seine SpaceX- und Tesla-Erfolge bis zu seinem Kampf gegen das „Virus der ­Wokeness“ und die Schröpfung der staatlichen Verwaltungsapparate als Leiter der DOGE-Behörde nach. So offenbaren sich im Laufe der anregenden Lektüre, die auch als dunkler Entwicklungsroman funktioniert, die verschiedenen Facetten jener Ideologie: das Konzept einer politökonomischen Struktur, in der sämtliche Prozesse KI-optimiert sind und in Form eines fehlerlosen Codes funktionieren; in der ein „Technoking“ den Staat wie ein Start-up beherrscht; in der eine lückenlos datenbasierte rassistische Segregation praktiziert wird.

Doch so erhellend sich die Analyse der muskistischen Ideologie auch ausnimmt – schon in ihrer Einleitung machen die Autoren deutlich, dass sie ihrerseits nicht vor ideologischen Denkfallen gefeit sind. Auch wenn es mit dem Thema rein gar nichts zu tun hat, verlangt das Ticket, auf dem hier gedacht wird, den „israelischen Genozid in Gaza“ zu verurteilen, als wenn der eine ausgemachte Tatsache wäre.

Auch muss es im Kapitel zu Festungsfuturismus und Apartheid einen Seitenhieb auf Israel geben, das teilweise „ein Vorläufer unserer Zeit“ sei – eine inhaltlich nicht näher ausgeführte Behauptung, die gleichwohl eine faktisch falsche Verwandtschaft zwischen dem rassistischen Unstaat à la Musk und dem Staat Israel insinuiert. Abseits dieses für die „Jacobin“-Peer-Group notwendigen Dämonisierungsrituals ist „Muskismus“ eine interessante Lektüre.

Quinn Slobodian/Ben Tarnoff: „Muskismus“. Aufstieg und Herrschaft eines Technoking. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 281 S., br., 22,– €.

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