News des Tages: Grüne nach Wahlsieg Özdemirs, Iran, Männlichkeitskult Looksmaxxer

vor 3 Stunden 1

1. Der brüchige Frieden bei den Grünen

Ist der Wahlsieg von Cem Özdemir in Baden-Württemberg in Wahrheit ein Betrug an den Wählerinnen und Wählern? Das scheint zumindest die Grüne Jugend zu glauben. Deren Sprecher Luis Bobga erklärte, nach dem Wahlkampf Özdemirs bleibe bei ihm »ein Fragezeichen hängen, ob das am Ende grüne Politik ist«.

Ein strahlender Sieger, von dem sich Teile der Partei distanzieren? Kannte man bislang eher von der SPD, könnte nun aber auch den Grünen drohen. Richtig ist, dass Özdemir im Wahlkampf auf maximale Unabhängigkeit von seiner Partei pochte. Und dass diese nach seinem Sieg ein massives Problem hat.

»Der wichtigste Beitrag der Bundesgrünen zum Wahlsieg Özdemirs bestand darin, dessen Kampagne nicht zu stören«, schreibt mein Kollege Christoph Schult in einer Analyse. »Zentrale programmatische Debatten haben die Grünen damit allerdings nur aufgeschoben.« So gibt es in der Sozial-, Steuer- und Klimapolitik keine gemeinsame Linie. Irgendwann aber müssen die Streitfragen geklärt werden.

Wie ruppig es dabei zugehen könnte, erlebte unsere Baden-Württemberg-Korrespondentin Christine Keck bereits am Wahlabend (hier mehr dazu ). Der Ex-Grüne und Özdemir-Freund Boris Palmer berichtete, er sei beim Betreten der Wahlparty in Stuttgart von zwei jungen Männern, »ganz klar Grüne Jugend«, angeraunzt worden: Niemand habe ihn eingeladen, er solle verschwinden.

Das kann offenbar noch heiter werden.

2. Krieg ohne Plan

Iran hat einen neuen Führer: Mojtaba Khamenei, der Sohn des getöteten Ajatollah Ali Khamenei, ist laut Staatsmedien vom Expertenrat zum Nachfolger seines Vaters gewählt worden (hier ein Video zur Inszenierung in Irans Staatsfernsehen). Weil US-Präsident Donald Trump zuvor gesagt hatte, jeder mögliche Nachfolger müsse von ihm abgesegnet werden, fragt man sich, was das nun heißt.

Werden die Amerikaner – oder die Israelis – Mojtaba Khamenei umbringen? Bedeutet seine Wahl, dass die Hardliner in Teheran sich durchgesetzt haben? Oder gibt es vielleicht doch eine Chance auf eine Verhandlungslösung?

Niemand kann das seriös vorhersagen. Das liegt auch daran, dass Trump immer noch nicht zu wissen scheint, was er mit diesem Krieg bezweckt. »Was das eigentliche Ziel seines Krieges ist, bleibt so unklar wie seit dem ersten Angriff«, schreibt unser Auslandsressortleiter Mathieu von Rohr.

Am schwierigsten ist die Situation für die Iranerinnen und Iraner. Aber auch für die Europäer ist die Lage problematisch: Die Gasspeicher leeren sich, der Gaspreis steigt, die EU-Kommission warnt vor einer neuen Migrationskrise (hier mehr). »Ein Krieg ohne klares Ziel kann ausufern und alle Beteiligten in eine Lage zwingen, die schlimmer ist als vorher«, schreibt Mathieu. Genau das droht gerade.

3. Soll ich dir die Fresse einhauen? Danke, mache ich selbst

Ich bin immer wieder abgestoßen und fasziniert zugleich, welche Blüten der Männlichkeitskult in der sogenannten Manosphere, dem rechten Online-Männlichkeitsmilieu, treibt. Es ist eine Szene, die großen Einfluss auf Donald Trumps MAGA-Bewegung hat. Meine Kollegin Anja Rützel beschreibt eine besonders bizarre, aber deshalb nicht weniger gefährliche Gemeinschaft, die »Looksmaxxer« (lesen Sie hier mehr ).

»Die Kernannahme der Looksmaxxer: Aussehen ist die einzige relevante Währung, wenn es um Status, Erfolg und letztlich den Wert eines Menschen geht«, schreibt Anja. Deshalb müsse der eigene Körper, sehr oft speziell das Gesicht, in Richtung Perfektion bearbeitet werden. In der extremsten Form geschieht das durch »Bone smashing«, bei dem sich Looksmaxxer mit einem Hämmerchen die Substanz von Kiefer- oder Wangenknochen leicht antrümmern, damit sie markanter nachwächst.

Das ist mehr als nur ein fehlgeleiteter Optimierungswahn. »Looksmaxxer-Jargon ist für autoritäre Politik attraktiv. Er übersetzt politische Grundsätze in eine Frage körperlicher oder biologischer Wertigkeit«, schreibt Anja. »Wer stark aussieht, muss auch stark agieren. Wer zögert, gilt schon als verdächtig weich.« Das passt gut zur Politik der Trump-Regierung.

Einziger Trost für Männer meines Jahrgangs: Der alte weiße Mann könnte bald rehabilitiert sein. Die jungen Männer sind offenbar noch schlimmer.

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Hackerangriffe auf Journalisten und Politiker – niederländische Geheimdienste beschuldigen Russland: Die Angreifer tarnen sich als Support und wollen so Konten prominenter Ziele kapern: Nach Auffassung niederländischer Dienste stehen hinter Attacken auf Signal und WhatsApp russische Akteure.

  • Staatsanwaltschaft ermittelt jetzt auch gegen Gemeindepräsident von Crans-Montana: Nicolas Féraud stand nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana wegen seiner Kommunikation in der Kritik. Jetzt ermitteln die Behörden strafrechtlich gegen den Gemeindepräsidenten des Skiorts und vier weitere Personen.

  • Oberlandesgericht Koblenz muss Klage gegen AstraZeneca neu verhandeln: Wegen eines angeblichen Impfschadens verlangt eine Zahnärztin von AstraZeneca Schadensersatz. Ihre Klage gegen den Pharmakonzern wurde zunächst abgewiesen, nun stärkt der Bundesgerichtshof der Frau den Rücken.

  • Mehrere Personen stürmen Bühne während Lesung mit Alice Schwarzer: Am Weltfrauentag lud das Schauspielhaus Hamburg die Autorin Alice Schwarzer zu einer Lesung ein. Die Veranstaltung der umstrittenen Feministin blieb nicht ohne Zwischenfälle.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

 Schmerzhafter Kompromiss

Arbeitskampf in Zwickau (Archivfoto von 2024): Schmerzhafter Kompromiss

Foto:

Jens Schlueter / AFP

Was heute weniger wichtig ist

Sängerin Rihanna (im Februar 2023 kurz vor ihrer Super-Bowl-Halbzeitshow)

Sängerin Rihanna (im Februar 2023 kurz vor ihrer Super-Bowl-Halbzeitshow)

Foto:

Seth Wenig / AP

Angriff auf Rihanna: Auf das Haus von Superstar Rihanna, 38, in Los Angeles ist geschossen worden. Nach Angaben der Polizei war die Sängerin zum Zeitpunkt der Tat zu Hause. Es sei aber niemand verletzt worden. Eine 30 Jahre alte Frau sei festgenommen worden, meldet unter anderem die »Los Angeles Times«. Sie soll etwa zehn Schüsse aus ihrem Auto abfeuert haben, eine Kugel traf offenbar eine Hauswand. Die Schützin sei in ihrem Auto geflüchtet und wenig später auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums festgenommen worden.

Mini-Hohlspiegel

Aus einem Newsletter des Küchenzubehör-Unternehmens Zwilling: »Mit unseren neuen runden Schüsseln aus Glas und Edelstahl wird Lebensmittelverschwendung so einfach – und so schön – wie nie zuvor.«

Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.

Cartoon des Tages

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

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Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Die aktuellen Filme, die ich Ihnen empfehlen könnte, haben schon meine Kolleginnen und Kollegen angepriesen. Bei der aktuellen Literatur hinke ich ziemlich hinterher. Aber falls Sie wie ich Ablenkung vom Weltgeschehen brauchen, könnten Sie es mit diesen Klassikern des deutschen Humors versuchen, die meine Laune zuverlässig heben:

Szene aus »Pappa ante portas« mit Loriot

Szene aus »Pappa ante portas« mit Loriot

Foto: United Archives / IMAGO
  • die einst in der »Zeit« erschienene Kolumne »Pooh’s Corner: Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand« von Harry Rowohlt. Gesammelt in einem oder mehreren Bänden,

  • die frühen Hörspiele von Helge Schneider (auf CD oder Spotify),

  • der Kurzfilm »Der Firmling« von Karl Valentin (YouTube),

  • die Serie »Monaco Franze« von Helmut Dietl, vor allem die Folgen eins (»Ein bissl was geht immer«) und fünf (»Herr der sieben Meere«) in der ARD-Mediathek ,

  • Wolf Haas, »Der Knochenmann«. Buch und Film sind gleichermaßen genial,

  • Gerhard Polt, »Leasinghändler«, entweder das Original  oder die Adolf-Hitler-Version ,

  • »Pappa ante portas« von Loriot,

  • »Hans Huckebein« von Wilhelm Busch,

  • die älteren Texte von Max Goldt, zum Beispiel den Sammelband »Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau«,

  • das Album »Clubsongs« von Funny van Dannen.


Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Bleiben Sie uns gewogen! Herzlich

Ihr Ralf Neukirch, Leiter Meinung und Debatte

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