Als Hauke Haien (Max Hubacher), als Deichgraf zuständig für den Küstenschutz, in einer aufgeheizten Versammlung für seine Idee wirbt, den vordersten Küstendeich aufzugeben und dafür den dahinterliegenden zu stärken, kann er sich dort nur mit Hilfe seiner Frau Elke (Olga von Luckwald) durchsetzen. Sie ruft die wild durcheinanderschreienden Teilnehmer zur Ruhe, spricht einzelne von ihnen direkt an und erinnert sie an das, was sie gemeinsam haben: die Liebe zum idyllischen Heimatdorf, die Verantwortung für die Kinder, die Hoffnung auf ein intaktes Ökosystem vor der Haustür und die entsprechende Anerkennung dafür. Das beruhigt die Gemüter, löst aber nicht das entscheidende Problem: Während Hauke mit dem laut Prognose steigenden Meeresspiegel argumentiert, höher, „als wir die Deiche je bauen können“, schallt ihm aus dem Saal ein trotziges „Das will ich erst mal sehen“ entgegen. Genau das ist das Problem.
Francis Meletzkys „Schimmelreiter“-Film will den Stoff von Theodor Storms 1888 erschienener Novelle aus heutiger Perspektive erzählen. Es wird also nicht mehr das Land eingekoogt, um mehr Fläche für den Menschen und seine Wirtschaft zu gewinnen, sondern umgekehrt Land freigegeben – nicht gegen, sondern mit dem Wasser will Hauke künftig leben, um seiner stillen Tochter Wienke (Elina Leitl) eine Zukunft zu ermöglichen, in der sich die Klimakatastrophe nicht ganz so verheerend zeigt. Den Fortschrittsglauben der Vorlage übernimmt der Film also nicht, dafür ein paar Namen und Konstellationen sowie den titelgebenden Schimmel, ohne den es natürlich nicht geht, auch wenn er hier zum reinen Accessoire verkommt, das immerhin schöne Bilder abgibt und im Wechselspiel zwischen Gerippe und leibhaftigem Pferd leise und sinnlos an die entsprechenden Szenen der Novelle erinnert.
Der Schurke und das Kindermädchen
Sonderlich komplex geht es in der modernen Adaption nicht zu, die Novelle schlägt den Film in dieser Hinsicht um Längen, auch weil Gut und Böse in erschreckendem Maß klar über die Figuren verteilt sind. Der moderne Hauke hat es nicht so mit Menschen, heißt es zwar warnend über ihn, aber so richtig nerdig ist er auch nicht, und immerhin steht ihm die taffe Elke zur Seite. Sein Gegenspieler, der Bürgermeister Ole Petersen (Nico Holonics), auch er in Teilen aus der Novelle entnommen, ist offensichtlich fies, kultiviert ein teigiges Lächeln und schläft mit dem Kindermädchen der Haiens, um dadurch an Material zu kommen, mit dem er Hauke schaden wird. Dass er ein profitgieriger Bauunternehmer ist und auf das Ökosystem ebenso pfeift wie auf die Sicherheit seiner Landsleute, macht ihn als Figur nicht kantiger.

Schlicht allerdings sind auch die Guten: „Guck dir die Geschichte der Menschheit an“, sagt Hauke Haien der befreundeten Landrätin Janne Manners (Annette Frier), „’ne neue Idee finden erst mal alle scheiße.“ Die wohlüberlegte Antwort beginnt mit: „Die Frage ist nur ...“ – ob, könnte man jetzt erwarten, die Idee auch gut ist? Nein: „... wie lange der durchhält, der die neue Idee hat.“
Haukes Idee für die Zukunft seiner Heimat ist tatsächlich nicht bis zuletzt durchdacht. Da der Film aber lieber Haukes Perspektive einnimmt, statt sie durch Widerworte zu schwächen, sucht und findet er die dazu passende Ästhetik in Naturbildern von Meer und Küste (friedlich und lieber noch stürmisch), im angestrengten Starren der Protagonisten, in akustischen Endlosschleifen der Stimmen, die vergangene Diskussionen noch einmal in Häppchen rekapitulieren – all das ist so klischeehaft und verbraucht, dass man sich fragt, was die Urheber wohl im Sinn hatten, als sie sich zu diesem Stil entschlossen haben.
Haukes gequälter Blick in die finstere Nacht, das „Wie könnt ihr nur?“ mit Gretastimme im Ohr, und wenn man gerade denkt, gleich führt er verzweifelt die Hände zu den Ohren, tut Hauke genau dies – gab es wirklich niemanden in der Postproduktion, der all das ein bisschen viel gefunden hätte?
Der Film hat sich einer Botschaft verschrieben, die inzwischen die meisten erreicht haben dürfte. Ästhetisch könnte er nicht konventioneller sein. Die verstörende Essenz der Novelle erreicht er in keinem Moment. Wie seltsam und wie ärgerlich.

vor 2 Stunden
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