Neuer Chef der Bischofskonferenz: Heiner Wilmer - ein Mann mit vielen Eigenschaften

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 Butterweiche Sätze zur gefährdeten Demokratie
 Butterweiche Sätze zur gefährdeten Demokratie

Katholik Wilmer: Butterweiche Sätze zur gefährdeten Demokratie

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Sein erster Auftritt ist bescheiden, zurückgenommen, deutlich defensiv. »Ich bin ein Pilger auf dem Weg, ich schaue zuerst auf die Menschen«, sagt der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer vor den versammelten Journalisten in Würzburg nach seiner Wahl zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz (DBK). Er wirkt ein wenig angespannt und liest einige Statements vom Handy ab.

Wilmer ist Ordensmann der Herz-Jesu-Priester, einer Gemeinschaft, der er in Deutschland und auf Weltebene vorstand. Das Spirituelle ist ihm wichtig, er legt laut eigenem Bekunden Wert auf geistliche Stille und Kontemplation. Doch der Job, den er nun antritt, verlangt politisches Feingefühl, Diplomatie – und kräftige Ellenbogen. Reformer und Reaktionäre unter den Bischöfen bekriegen sich mitunter mit harten Bandagen, immer wieder wird das drohende Schisma, eine mögliche Kirchenspaltung, beschworen.

Wird Wilmer sich in dieser Gemengelage behaupten können?

Die Wahl des »Pilgers« kam zumindest nicht überraschend, Wilmer war als einer der Favoriten ins Rennen gegangen. Er hat gute Verbindungen nach Rom, spricht ausgezeichnet Italienisch und weitere Fremdsprachen, kennt sich als einstiger Generaloberer eines Männerordens in der Weltkirche aus. Mit Papst Leo XIV. hat er sich persönlich über das im Vatikan hochumstrittene deutsche Reformprojekt »Synodaler Weg« ausgetauscht. Er hat gegen rechts demonstriert und in der New Yorker Bronx mit Jugendlichen gearbeitet. Aber er ist beileibe kein Revoluzzer, sondern eher ein moderater Reformer.

»Dieser Krieg braucht ein Ende, jetzt«

Entsprechend vorsichtig wählte er seine Worte bei seiner Premiere als DBK-Vorsitzender. Weil die Wahl auf den Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine fällt, prangert Wilmer »vier Jahre voller Leid, Zerstörung und Tränen« an und fordert: »Dieser Krieg braucht ein Ende, jetzt.« Als ehemaliger Vorsitzender der Deutschen Kommission Justitia et Pax liegt Wilmer der Frieden am Herzen, er kennt sich mit dem komplexen Thema aus, das nimmt man ihm ab. Schon in der Vergangenheit hat er betont, dass die Ukraine völkerrechtlich unstrittig ein Recht auf Selbstverteidigung habe und jede Unterstützung verdiene.

Allerdings bleibt der Friedensappell seine einzige konkrete Forderung an diesem Dienstag. Er sagt noch ein paar butterweiche Sätze zur gefährdeten Demokratie und einer notwendigen Evangelisierung. Aber wie er sein Amt angehen und gestalten will, was seine wichtigsten Themen sind – das bleibt im Dunkeln.

Der Heilige Geist soll es richten

Fragen nach der vielerorts misslungenen Missbrauchsaufarbeitung in der katholischen Kirche und einer stärkeren Beteiligung von Frauen weicht Wilmer an diesem Dienstag in Würzburg aus. Der Heilige Geist werde es schon richten, so der Tenor. Das lässt wenig hoffen für die deutschen Katholikinnen, die sich jahrelang im Reformprojekt »Synodaler Weg« verausgabt haben, um endlich der systemischen Diskriminierung ein Ende zu setzen.

Dabei legt Wilmer in seinem eigenen Bistum Wert darauf, Frauen verstärkt in Leitungspositionen zu bringen. Und vor Jahren handelte er sich sogar Ärger mit der Aussage ein, der Missbrauch stecke »in der DNA der Kirche«. Doch der Neue scheint niemanden auf den ersten Metern verprellen zu wollen.

Beobachter schauen auch kritisch auf Wilmers Bemühungen um die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt. »Wilmer hat die großen Hoffnungen der Missbrauchsbetroffenen in seinem Bistum leider nicht erfüllt «, sagt der Sprecher der Betroffenenorganisation »Eckiger Tisch«, Mathias Katsch. Dass der Bischof darauf beharrt habe, sich bei Entschädigungsverfahren auf die Verjährung von Sexualstraftaten zu berufen, habe viele vor den Kopf gestoßen. »In seiner neuen Aufgabe muss er den Aufarbeitungsprozess voranbringen und eine faire und angemessene Lösung für die Entschädigungsfrage finden.«

Konflikt zwischen Ortskirchen und Weltkirche

Der Chef der Deutschen Bischofskonferenz ist eine Art Klassensprecher, ein Erster unter Gleichen, der zwar keine Richtlinienkompetenz hat, aber die Möglichkeit, dem Amt seinen Stempel aufzudrücken. Wird Wilmer das gelingen?

In einer Zeit elementarer und multipler globaler Krisen wachsen auch die Anforderungen an den Chef der Bischöfe. Es war ein gutes Zeichen, dass die Bischofskonferenz unter Wilmers Vorgänger Georg Bätzing 2024 die AfD als nicht wählbar für Christen und Christinnen bezeichnet hat. Solch eine politische Positionierung bietet den Gläubigen in Zeiten boomender autokratischer Systeme weltweit eine Orientierung. Aber sie ist bei Weitem nicht von allen Katholiken gewünscht. Vor allem nicht von den immergleichen konservativen Bischöfen, die nach Kräften jede Neuerung torpedieren.

Die Bischöfe von Köln, Regensburg, Passau und Eichstätt haben ihre Mitarbeit am Reformprojekt »Synodaler Weg« aufgekündigt und es in der Vergangenheit bei etlichen Gelegenheiten in Rom diskreditiert.

In der Folge kam es zu Flügelkämpfen, die katholische Kirche in Deutschland war streckenweise hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Unter dem scheidenden Vorsitzenden Bätzing hatte sich die Beziehung zur »Zentrale« im Vatikan deutlich verschlechtert. Der Konflikt zwischen Ortskirchen und Weltkirche bleibt, im Ausland blickt man kritisch auf die Reformen des »Synodalen Wegs«, die einen nationalen Sonderweg darstellen. Wilmer muss nun die Gräben zuschütten, die Kontrahenten versöhnen und für Konsens werben.

Sohn eines Bauern und Schöngeist

»Wilmer war eine kluge, clevere Wahl«, sagt der Kirchenrechtler Thomas Schüller. Der Hildesheimer Bischof genieße in Rom hohes Ansehen, sei wenig polarisierend und dann auch noch ein Ordensmann wie Papst Leo XIV. Der neue DBK-Chef hat in Rom und Paris studiert, in Kanada und New York gelebt und gearbeitet, viele Länder bereist. Er ist ebenso weltgewandt wie bodenständig.

»Ob es ihm allerdings gelingt, erzkonservative Outlaws wie Kardinal Woelki aus Köln oder Rudolf Voderholzer aus Regensburg zu bändigen und zu resozialisieren, wird sich erst zeigen«, meint Schüller. Allerdings habe Wilmer als Emsländer und durch seine langjährigen Leitungserfahrungen mutmaßlich ein dickes Fell. »Ich glaube, er lässt sich nicht so schnell erschüttern.«

Wilmer ist Sohn eines Bauern. Er stammt aus Schapen im Emsland und spricht Platt. Auf seine norddeutsche Herkunft angesprochen, wurde er in Würzburg erstmals locker und entgegnete: »Wir machen das mit Schmackes und einer steifen Brise im Haar.«

 »Mut, Abenteuer einzugehen«

Neuer DBK-Vorsitzender Wilmer (2.v.r.), Vorgänger Bätzing (l.) nach der Wahl in Würzburg: »Mut, Abenteuer einzugehen«

Foto: Daniel Löb / dpa

Schüller geht davon aus, dass die verschiedenen Fraktionen in der Bischofskonferenz bald damit beginnen werden, den neuen Vorsitzenden zu »verzwecken«, ihn für die eigene Agenda zu vereinnahmen. Wird Wilmer sich dem widersetzen können?

Der 64-Jährige gilt als Schöngeist – und das ist im Umfeld einer machtbewussten Kleriker-Elite kein Vorteil. Wilmer liebt die Literatur, lobt den »Dirty Old Man« der US-Literatur, Charles Bukowski, für seine »Sehnsucht nach Weite und Größe« und den »Mut, Abenteuer einzugehen«. Der Kirchenmann hat selbst Bücher geschrieben. Eines heißt »Gott ist nicht nett«, ein anderes beschäftigt sich mit den Tagebuchaufzeichnungen von Etty Hillesum, einer jüdischen Intellektuellen, die im KZ Auschwitz-Birkenau starb.

Im Gespräch mit dem SPIEGEL  über Hillesums Hoffnung im Angesicht eines schrecklichen Todes sagte Wilmer, die Frage der Theodizee treibe ihn um. »Wenn Gott allmächtig ist, wieso greift er nicht ein und beendet das Leid? Warum schlägt er nicht die Ungerechten und befreit die Gequälten?« Hier offenbart sich die melancholische Seite des neuen Chefs der Bischofskonferenz, der zugibt, nicht auf alle Fragen eine Antwort zu haben.

Es bleibt abzuwarten, wie Heiner Wilmer sein neues Amt definiert – und ob es ein großes oder ein kleines Abenteuer wird. Charles Bukowskis Antwort ist einfach: »Am wichtigsten ist, wie gut du durch das Feuer gehst.«

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