Wer wird dabei sein, wenn der neue Kanzlerkandidat nach Solingen kommt? Die Zukunft des Landes. Junge Ambitionierte mit breiten Oberarmen und hautengen Shirts und sehr kurzen Haaren. Die Kämpfernaturen, die später mal alles entscheiden sollen.
Noch fliegt im Zug der Westerwald vorbei. Weißer wird es und weißer. Über den Schneewipfeln liegt eine Ruhe, man träumt sich, wie immer in solchen heizungswarmen Momenten, hinaus in die eisig vollkommene Natur. „Schneeflocken fliegen Richtung Windschutzscheibe“, tönt es aus den Kopfhörern, „Hypnotizing, mit 200 Richtung der Grenze der Schweiz mit Ambient-Light.“ 200 fährt der Zug nicht gerade, der musste wegen der Kälte sein Tempo drosseln, und ob das, was im Abteil leuchtet, Ambient-Light ist, können nur die sagen, die schon einmal welches gesehen haben, aber vielleicht kann man in Solingen mehr darüber erfahren.
Auch mehr darüber erfahren, wie man zum Alpha Boss wird. Denn da wird Felix Blume, bis vor einigen Monaten noch als Rapper Kollegah bekannt, sein erstes Fitnessstudio eröffnen, das „Alpha Gym Empire“. Denn da fängt es an, im Gym, da werden die Körper gemacht, die später Großes leisten sollen. Das wusste Felix Blume bereits, als er sich noch Kollegah nannte, und schrieb es 2018 in einen Lebensratgeber: „Du sollst deinen Körper trainieren“, 9. Gebot der Bosshaftigkeit. Inzwischen ist Felix Blume 41, Frührentner und schon seit etlichen Jahren Millionär, aber ein Album hat er kürzlich doch wieder herausgebracht, „Kanzler“ heißt es, und darin erklärt er, was alles schiefläuft in Deutschland und warum er es besser machen würde. Daher die Spekulationen über die Kanzlerkandidatur. Und weil das Album von pädophilen Politikern und kriminellen Ausländern handelt, Heinrich Heines Nachtgedanken über Eichen und Linden bemüht und gerade so gut in die Zeit passt, haben ein paar AfD-Leute dafür Werbung gemacht.
Das Leben: Ein Kampf
An der Ausweitung männlicher Territorien wollen viele ihren Anteil haben, auch Rapper. Ihre Versprechen sind die richtigen, das haben auch die altbekannten Litaneien auf dem „Kanzler“-Album wieder gezeigt: massives Einkommen durch absolute Willensstärke, gut gealtert wie französischer Wein, schlechte Karten gehabt, aber was draus gemacht, allein gegen alle. Andere Hip-Hop-Motive passen nicht so gut zur Idee des neuen deutschen Mannes, das Flexen mit Kriminellen und Drogen etwa, auch das Spiel mit dem Underdog-Dasein, der migrantischen Fremdheit und Melancholie. Wenn also Leute wie Capital Bra „die haben recht“ über die AfD sagen, verrät das zwar etwas über den Zeitgeist, beunruhigt die Szene aber nicht weiter. Felix Blume wiederum ist schon lange der Meinung, wer nicht diszipliniert genug ist, verdiene sein Schicksal am unteren Ende der Hackordnung.
Dass Rapper in der zerklüfteten Musiklandschaft nur noch die abgeschnittenen Täler ihrer Fans erreichen, hat Blume auch schon früh bemerkt. Also hat er angefangen, Bücher zu schreiben und Coachings anzubieten, das „Alpha Man Training“, oder Angebote, sich zum „Boss“ transformieren zu lassen. Freiheit, war dort zu erfahren, bedeutet, niemanden über sich zu dulden. Das Leben: ein Kampf. „Was einen Mann glücklich macht, ist das Setzen und Erreichen immer neuer Herausforderungen und Ziele. So ist unsere Natur.“ Da war sie also schon, die Natur.
In Solingen liegt ordentlich Schnee. Keine Romantik verschneiter Wipfel, sondern Sozialromantik: Am Bahnhof hat genau eine Bude offen, an der wird Wurst gegessen. Im Taxi sitzt Ferhat, der seit 52 Jahren in Solingen lebt, jede Straße kennt und auf seinen Fahrten historische Stadttouren gibt: Da, ein paar Hundert Meter weiter, hat 1993 das Haus der Familie Genç gebrannt. „Und wusstest du, dass die Rechtsradikalen alle im selben Fitnessstudio trainiert haben?“ Bei Bernd Schmitt in der Kampfsportschule Hak-Pao. „Kanakenfreies Training“. Das Problem der Deutschen, sagt Ferhat: „Die merken immer ewig nichts. Und wenn sie dann was merken, ist es zu spät.“

Es gibt eine Sehnsucht, die sich im Studio erfüllt. Der schnellste Erfolg des Alphamannes, das sind die Muskeln. Das kann man schaffen, wenn man nur lang genug trainiert. Im Studio darf man seinen Körper bestaunen und träumen. Aussicht: Millionär unter 30 wie Felix Blume, sieben Nummer-eins-Alben.
Problem natürlich: Wer Kollegah schon damals folgte und heute noch seine alten Songs hört, hat gemerkt, dass sich der Erfolg jenseits der Muskeln nicht so einfach einstellt. Das konnte zu Frustration führen. Wer sitzt schon im Pool, wenn das Wasser Wellen schlägt beim Herannahen seines Hubschraubers? Stattdessen ist man nach all den Jahren immer noch armer Knecht mit Chefs und Überstunden.
Lösung: die Frustration zum Besten erklären, was einem passieren kann. Irgendetwas muss einen antreiben, hat Kollegah in seinem Buch „Das ist Alpha“ erklärt. Das Schlechteste, was einem passieren kann, ist Zufriedenheit.
Also Ankunft am Alpha Gym Empire, wer ist frustriert? Man muss ein bisschen anstehen, nicht lange, aber kalt ist es schon, es gibt auch nur begrenzt Platz drinnen, das nennt man künstliche Verknappung, und drüben bei Norma stehen ein paar Jugendliche mit Plastiktüten, die kritisch schauen, als hätten sie Ahnungen. Im Studio kann man sich dann die Muskeln der Trainer und Gefolgsleute Felix Blumes ansehen. Oder neidisch werden, wenn jemand bei einem der Wettbewerbe mehr als 30 Klimmzüge schafft und dafür zwei grüne Hundert-Euro-Scheine vom Boss persönlich ausgehändigt bekommt. Aber die Frustration hält sich in Grenzen.
Felix Blume und Farid Bang im Alpha Gym EmpireElena WitzeckDie Sache ist eher aufregend. Ein paar Jungs haben für den Anlass trainiert und zeigen es, als Felix Blume im Anzug, ganz Geschäftsmann, mit seinen Scheinen vorbeiläuft. Einer hält seiner Freundin seinen Mantel hin, sagt: „Mein kompetitiver Testosteronspiegel zwingt mich, jeden Wettbewerb mitzumachen“, und stemmt seine Beine gegen ein Brett, an dem sehr große Gewichte hängen. „Hmpf“ macht es bei jeder Bewegung. Es riecht schon ein bisschen nach Schweiß.
Körperpanzer hat der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit das genannt, wonach sie hier suchen, das passt ganz gut, wer wünscht sich den nicht heutzutage? Bei Kollegah ist in den letzten Jahren deshalb auch einiges „stählern“ gewesen, vor allem die Eier, und wer trainierte, konnte mit einem Schutzschild gegen die verweichlichte Gesellschaft rechnen. Der Körper als Grenze eines souveränen Territoriums. Bloß dass Männlichkeit bei Felix Blume trotz neuer soldatischer Versprechen („bis aufs Blut“) kein staatlicher Auftrag ist, sondern Produkt seines Lebensstils.
Am Rande der Wettbewerbsarena stehen zwei junge Männer in Anzügen. „Gut siehst du aus“, sagt der eine zum anderen, er meint sein Jackett. „Schafft mehr Breite im Oberkörper.“ „Das kam alles nach der Trennung“, sagt der andere. Sie reichen einander die Hand: Gratulation zur Mannwerdung. Frauen sind bei Kollegah als kätzisch-kluge Opportunistinnen bekannt, die einen besonderen Sinn für männliche Schwächen haben. Konditioniert auf Alphas, große, charakterstarke Macher, brauchen sie jemanden, der ihnen Richtung vorgibt, bloß keine Verehrung. „Der Initiator und Durchsetzer, der das letzte Wort hat, bist du“, weiß Felix Blume. Ein wahrer Boss aber kann natürlich auch komplett allein durchs Leben gehen.
Unterschriften der „Founder“ in Blumes FitnessstudioElena WitzeckAll das ist Schnee von gestern. Seit seiner Umbenennung und dem „Kanzler“-Album verfolgt Felix Blume, der Aufklärer, neue, höhere Ziele. In einem Podcast hat er beklagt, dass keiner mehr über die „deutsche Historie“ Bescheid wisse. „Wie willst du denn ein Volk begeistern für sein Land, das vergessen hat, wo es herkommt?“ Um dem Volk auf die Sprünge zu helfen, erinnert er neuerdings oft an seine Denker und Dichter, Kant, Caspar David Friedrich. Und er malt. Ein Maler ist Schöpfer und Patriarch, das gefällt ihm. In einem Youtube-Video berichtet er, er habe „innerhalb von einem Jahr über 100 Gemälde bewerkstelligt“. Die Frage, was mit ihnen passieren soll, wirkt in dem Video unangebracht. Fragt man einen Schöpfer so was?
Beiläufig ging es bei Blumes besagtem Podcastauftritt auch darum, dass sich die Deutschen zu sehr auf sechs spezielle Jahre in ihrer Geschichte fokussierten. „Das verschafft den Leuten natürlich kein positives Gefühl zu ihrer eigenen Identität“, sagte Felix Blume dazu.
Seine Bilder kann man jedenfalls kaufen. Auch im Fitnessstudio wird bald ein Werk von Felix Blume hängen, mit den gesammelten Unterschriften seiner „Founder“, der Leute, die besonders viel gezahlt haben. Darunter zwei Jungs, Brüder, die alle Fitnessstudios von Solingen zu kennen scheinen und begeistert von den Geräten im Alpha Gym Empire sind: viel besser als bei Basic Fit! Da werden sie sich jetzt abmelden. „Kanzler“-Album schon gehört? „Nee“, sagt der eine, „das ist nichts für mich.“ Sie hören amerikanischen Hip-Hop. Eminem zum Beispiel. Die deutsche Sprache klinge nur gut, wenn sie sanft gesungen werde, wie bei Mark Forster oder Andreas Bourani. So, so.
Ein Junge, nennen wir ihn Lukas, nicht Fridolin, denn so heißen bei Kollegah die Typen, die nur labern und nichts tun, hat sich gerade ein Autogramm auf seinen Pulli geben lassen. Er steht da in einem Lichtkegel, den Kopf zur Brust gesenkt, Brille, Jacke abgewetzt, links und rechts drängen sich die Muskelmänner vorbei, und die Verzückung strahlt durch seinen sehr dünnen Körper wie ein leuchtendes Schwert. Das war alles, sagt er, was er wollte. Trainieren will er gar nicht. „Finanziell nicht meine Liga.“ Herr Blume, hat er gesagt, als er ihm entgegentrat, dem Boss – Hierarchien bitte immer einhalten. Sich getraut, ihn etwas zu fragen, hat er nicht. „Wäre mir auch nichts eingefallen.“
Gesten der Unantastbarkeit
Lukas kennt alles von Felix Blume. Das neue Album, das Deutschland so zeigt, wie es ist. Weil er rappt: „Den härtesten Arbeiter trifft es am meisten / Viele können sich den Einkauf nicht leisten.“ Wobei die Frage ist, was einen, der Champagner frühstückt und, wenn er mal Geld braucht, „einfach mehr Mieter“ in seine Miethäuser reinpackt, dazu bringt, sich für Arbeiter zu interessieren. Vielleicht also doch eher, weil er verspricht, wäre er Kanzler, für Deutschland zu „kämpfen bis aufs Blut“. Das könnte Lukas beruhigen. Aber er verrät es nicht.
Felix Blume steht ein paar Meter weiter hinter den Kameras und Muskeln. Einer seiner „Founder“ redet auf ihn ein. Er hat die Hände in den Taschen, ganz wohlig sieht es nicht aus, eher so, als denke er darüber nach, was die Leute hier von ihm, dem Boss, erwarten. Oder als wäre er lieber woanders. Dann steht auf einmal Farid Bang neben ihm, sein alter Kumpel, mit dem er damals beim Echo-Musikpreis einen Eklat ausgelöst hat, wegen eines Muskelvergleichs mit KZ-Inhaftierten, der als antisemitisch verstanden werden durfte, und jetzt fließen sie wieder, die Sprüche, die kleinen und großen Gesten der Unantastbarkeit.
Andrew Tate, der ehemalige Kickboxer und Männerinfluencer, in Rumänien seit Jahren wegen Menschenhandels und Vergewaltigung angeklagt, hat einmal von einer „magischen Kraft zwischen Männern“ gesprochen. Man müsse nur genug Männer in einen Raum bringen, dann finde eine Übertragung statt, die „uns das Gefühl verleiht, unbesiegbar zu sein“.
Andrew Tate, das war auch der Mann, der das Leben als Kampf jeden Mannes gegen jeden anderen begriff. Aber Widersprüche waren für die Bosswerdung noch nie ein Hindernis. Disziplin, Körperkult und Hierarchie, Unberührbarkeit des Mannes, ein Schuss Herrenmenschentum – das geht längst auch in einem Gym in Solingen.

vor 17 Stunden
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