Abermals hat der Nahostkonflikt in Frankreich für eine unrühmliche Protestaktion im kulturellen Milieu gesorgt. Diesmal traf es den israelischen Filmemacher Nadav Lapid, der seine Teilnahme am Internationalen Filmfestival in Marseille, genannt FID Marseille, nach einem tagelang kursierenden Boykottaufruf abgesagt hat. Etwa ein Dutzend anderer Regisseure, deren Filme bei dem jährlich im Sommer stattfindenden Festival gezeigt werden sollen, hatten damit gedroht, seine Werke aus dem Programm zurückzuziehen, sollte Nadav Lapid in Marseille erscheinen. Sie verwiesen darauf, dass Lapid für die Finanzierung seines jüngsten Films „Yes“ (2025) Gelder aus dem „Israel Film Fund“, einem unabhängigen israelischen Fond erhalten habe.
Lapid, der seit Jahren in Frankreich lebt und nicht nur in „Yes“, sondern auch in früheren Filmen als scharfer Kritiker der israelischen Regierung von Benjamin Netanjahu auftritt, war zunächst als Mitglied der Jury nach Marseille geladen worden. Später und offenbar, um die Gemüter zu beruhigen, wurde erwogen, dass er lediglich seinen ersten Spielfilm „Der Polizist“ (2011) zeigen und an einer Diskussionsrunde teilnehmen sollte.
„Ein Künstler wird auf seine Nationalität reduziert“
Trotz dieser haarsträubend weitgehenden Konzession aber kehrte keine Ruhe ein – und Nadav Lapid stimmte schließlich zu, sich zurückzuziehen, um das Festival nicht in Schwierigkeiten zu bringen, wie „Le Monde“ berichtete. Gleichwohl zeigte er sich ernüchtert und besorgt über die Nachwirkungen des Boykottaufrufs. „Paradoxerweise erzielen diejenigen, die vorgeben, die Aufmerksamkeit auf Palästina lenken zu wollen, manchmal den gegenteiligen Effekt: Die Filme verschwinden, Debatten finden nicht mehr statt, und alle ziehen sich in Schweigen zurück.“
Unterstützung erhielt Nadav Lapid derweil nicht nur vonseiten der Festivalleitung, die in einer Mitteilung den Rückzug des israelischen Regisseurs bedauerte. Es sei „völlig ungerechtfertigt, einen Filmemacher für die rassistische, kolonialistische und völkermörderische Politik der Regierung seines Landes verantwortlich zu machen“. Auch solidarisierten sich Hunderte Filmschaffende mit Lapid in einem offenen Brief, den „Le Monde“ veröffentlichte.
Unter dem Titel „Das Kino ist keine diplomatische Vertretung“ kritisierten sie, dass sich der Widerstand gegen das Vorgehen der israelischen Regierung insbesondere in Gaza im Rahmen des Festivals auf die bloße Anwesenheit einer einzelnen Person konzentriert habe. „Ein Künstler wird auf seine Nationalität reduziert.“ Nadav Lapids Filme könnten diskutiert, angefochten oder abgelehnt werden. „Doch zunächst einmal muss man sie sehen“, heißt es in dem Brief, zu dessen Unterzeichnern unter vielen anderen der Produzent Saïd Ben Saïd und die Regisseure Luc Dardenne, Mati Diop, Mia Hansen-Løve sowie Apichatpong Weerasethakul zählen.
Das Vorgehen in der Stadt am Mittelmeer erinnert an einen ähnlichen Fall vor rund zwei Wochen, als der Comiczeichner Joann Sfar kurz vor seinem Auftritt beim Literaturfestival „Oh les beaux jours!“ ebenfalls in Marseille von propalästinensischen Aktivisten eines Kollektivs namens „Culture en lutte 13“ scharf angegriffen worden war. Unter dem Slogan „Zionisten raus aus unseren Städten“ hatten auch sie in einem in sozialen Medien zirkulierenden Aufruf gefordert, das Festival zu boykottieren.
Die Rhetorik von Joann Sfar, so der Vorwurf, trage dazu bei, die Fortsetzung der kolonialen und völkermörderischen Politik Israels salonfähig zu machen. Der so angegriffene Zeichner indes verwies auf seine Bücher, erinnerte an die lange Zeit, die er im Vorfeld seines jüngst erschienene Mammutwerks „Terre de sang“ im besetzten Westjordanland verbracht hatte – und trat schließlich, unterstützt von Marseiller Politikern und der Festivalleitung, auf. Gleichwohl unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen.

vor 2 Stunden
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