Altenbourg-Ausstellung: Ich lebe durch das Anderssein

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Es klingt opulent: handgeschöpftes Altdeutsch-Bütten, Richard de Bas „Papier à fleurs“, Fabriano Roma Michelangelo-Bütten, schwach grünes Japanpapier, blaugraues Ingres, Spechthausen-Bütten, Papier d’Arches, Hahnemühle-Bütten – alles Namen von Papieren, die von Gerhard Altenbourg für seine Zeichnungen benutzt wurden. Das Besondere daran sind nicht nur die Bezeichnungen, sondern auch, dass es diesem Künstler überhaupt gelang, sie zu verwenden. Denn Altenbourg lebte in der DDR, aber die meisten seiner Bildträger kamen aus dem Westen. Und für einen Zeichner, der derart wenig wohlgelitten war in seiner Heimat, gab es keine Zuteilung Devisen kostender Materialien.

Doch Altenbourg verfügte selbst über Devisen, denn mit Rudolf Springer und Dieter Brusberg hatte er gleich zwei (miteinander um ihn konkurrierende) westdeutsche Galeristen. Ersteren sogar schon seit 1951, da war der Künstler gerade einmal fünfundzwanzig Jahre alt und arbeitete noch unter seinem bürgerlichen Namen Gerhard Ströch. Den ihm sein Galerist ausredete, sofern er international reüssieren wolle, also nannte sich Ströch nach der Stadt, in der er lebte: Altenburg. Die Einfügung des zusätzlichen „o“ war eine Provokation: „-bourg“ evozierte „bourgeois“. Gegen die Lebenswirklichkeit des sozialistischen Staates bestand Altenbourg auf einem bürgerlichen Kunst- und Individualitätsverständnis. Sozialistischer Realismus? Nicht mit ihm! Seine Bilder tragen Titel wie „Knurrbarts brüchiges Schweigen im Wind“, „Jungfrauen platzen männertoll“ oder „Ringelreih und Wonnetraum: da schlägt dein Herz im Zisternenlaub“.

In einem Künstlerbuch mit Zeichnungen und Gedichten, das Altenbourg im Jahr 1960 für die befreundete Kollegin Eva Schwalbe anfertigte, findet sich denn auch die Zeile „Ich lebe durch das Anderssein“. Das musste man indes aushalten können. Schwalbe konnte es nicht; sie verließ ein Jahr später die DDR.

Verweigerung jeglicher Anpassung an ein gängiges Kunstideal

Altenbourg blieb und gestaltete das Haus seiner Familie zu einem Kunstwerk eigenen Rechts um – zu einer Welt, in der alles den eigenen Vorstellungen entsprach, nicht denen des Staates. Im Westen kam solcher Eigensinn blendend an: Der Zeichner war Gast auf gleich mehreren Documentas und konnte in der Bundesrepublik jene Ausstellungen bestreiten, die ihm in der DDR verwehrt blieben. Trotzdem waren es ostdeutsche Museen, die als erste Werke von ihm ankauften, allen voran bereits im Jahr 1956 das berühmte Lindenau-Museum in seiner Heimatstadt.

Nun richtet dieses Haus dem 1989 an den Folgen eines Verkehrsunfalls gestorbenen Altenbourg eine Gedächtnisausstellung zum hundertsten Geburtstag aus. Nicht als Retrospektive (dafür hätte das gerade im Umbau befindliche Museum, das seine Sonderausstellungen auf beschränkter Fläche im Residenzschloss von Altenburg zeigen muss, gar keinen Platz), sondern als Wiederaufnahme des Programms einer wegweisenden Westberliner Ausstellung des Jahres 1966, „Phantastische Figurationen“, in der Arbeiten des Künstlers vertreten waren. Die jetzige Geburtstagsschau heißt „Der fantastische Gerhard Altenbourg“.

Altenbourg ließ etliche seiner Zeichnungen auch plastisch ausformen, so hier „Die Hörner" von 1972.Altenbourg ließ etliche seiner Zeichnungen auch plastisch ausformen, so hier „Die Hörner" von 1972.dpa / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Er wird damit in eine Traditionslinie gestellt, die auf Dada, Surrealismus und Wiener Phantastik verweist, doch seine eigene Rede vom „Anderssein“ gibt die entscheidende Spur vor: Outsider Art. Nicht, dass Altenbourg die Einflüsse der Kunst der Zwischenkriegszeit auf die eigene geleugnet hätte, aber es war die Verweigerung jeglicher Anpassung an ein gängiges Kunstideal, die seine Bedeutung ausmacht. Die Nähe von Altenbourgs akribisch ausgeführter kleinteiliger Zeichnungskunst zu den Protagonisten jener Kunst, die in geschlossenen Anstalten entstand und gerade dadurch ein Höchstmaß an individueller Freiheit bietet, ist schlagend.

Der neue Lebenswille des Kriegsheimkehrers

In der Schau kann man das Staunen neu erlernen über die Ausdruckskraft dieser meist kleinformatigen Arbeiten und besonders jener, die aus dem unverändert erhaltenen Altenbourg-Haus oder dem zeichnerischen Nachlass stammen, also (noch) nicht für die Außenwelt gedacht waren – Altenbourg versammelte nach eigener Aussage bis zu fünfzig Arbeiten gleichzeitig, die dann über Jahre hinweg je nach Stimmung fortgeführt wurden. In einem Gespräch, das der Leipziger Kunstförderer Roland Jäger im Jahr des Todes von Altenbourg mit dem Künstler geführt hat, dessen einziger bekannter Tonaufnahme, bezeichnet dieser das Resultat seiner Vorgehensweise als „Geflecht der Farbe“, die dadurch ins „Hüpfen“ komme. In der Tat: Durch die Dichte an Details und Strukturen bekommen die Motive eine organische Lebendigkeit, die die Rahmen zu sprengen scheint.

Dabei begann Altenbourg nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er noch spät zum Einsatz hatte kämpfen müssen und aus dem er schwer erkrankt zurückgekehrt war, mit existenzialistischen Tuschezeichnungen auf allem Papier, dessen er habhaft werden konnte, darunter Bahnen mit eigenen Kinderzeichnungen. In der Lust am qualitätvollen Material der späteren Jahre und dem Triumph der Farbe artikuliert sich auch ein neuer Lebenswille, der nicht dem gesellschaftspolitisch verlangten Zwangsoptimismus entsprach, sondern Eigenständigkeit feiert.

Was das Lindenau-Museum auf beschränktem Raum zusammengetragen hat, ist bemerkenswert. Etwa das seit seiner Entstehung nie mehr gezeigte Kopfporträt „Variatio delectat“, mit dem sich Altenbourg 1968 (erfolglos) um den italienischen Premio Marzotto beworben hatte – eine hoch dotierte Auszeichnung, die im Gegensatz zur in der Nachkriegszeit dominierenden Abstraktion figurativen Darstellungen vorbehalten war und von einer Industriellenfamilie finanziert wurde. Allein die Teilnahme musste seine Position in der DDR weiter erschweren, aber Altenbourg dachte nur in Kategorien seiner Kunst. Eine seiner spätesten Arbeiten in der Ausstellung trägt den Titel „Im Kopf ein pfiffiges Luder; schau, schau“. Es ist kein Selbstporträt, aber die Bezeichnung trifft genau auf den Künstler zu.

Der fantastische Gerhard Altenbourg – Zum 100. Geburtstag. Im Residenzschloss Altenburg; bis zum 16. August. Der ebenso inhalts- wie bildreiche Katalog (Hirmer Verlag) kostet in der Ausstellung 28, im Buchhandel 40 Euro.

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