Höcke zu Gast bei Köppel: Bei Höcke sind die Deutschen immer die Opfer

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Auf dem Tisch liegt Angela Merkels Autobiographie „Freiheit“. Diese habe er bewusst dort platziert, sagt der Gastgeber, „als Provokation“. Der Gast, dem dies gilt, ist der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke. Geladen hat der Schweizer „Weltwoche“-Verleger Roger Köppel in sein Zürcher Büro, wo er mit seinem Gast, umgeben von Buchwänden, mehr als zwei Stunden sprechen wird. Die Kamera für den Youtube-Kanal „Weltwoche Daily“ läuft mit. Köppel, ehemaliger Schweizer SVP-Nationalrat und publizistisch dafür bekannt, Russland und dessen Machthaber zu umarmen, begrüßt seinen Gast als „größte Reizfigur der deutschen Politik“ und nennt dessen Besuch „eine große Ehre“.

Höcke ist jedoch nicht gekommen, um über Tagespolitik zu reden. Das macht er bereits in den ersten Minuten deutlich. Er beschwört das „finis Germaniae“ herauf, das Ende Deutschlands, das dem Land durch demographischen Wandel und millionenfache Zuwanderung blühe. Höcke zeichnet ein Deutschland, das nach 1945 als besiegtes Land von seinen „Ursprüngen getrennt“, also „entnationalisiert“ worden sei und darunter bis heute leide. An anderer Stelle grenzt er die Deutschen von den Nationalsozialisten ab: Der „Zivilisationsbruch“ sei „nicht im Namen des deutschen Volkes“ geschehen; es habe Mitläufer gegeben, doch das Verbrechen sei an die Bedingungen der Diktatur gebunden. Auch wenn diese Topoi bei ihm nicht neu sind, stecken sie den Rahmen der Unterhaltung ab, den Köppel ihm gewährt.

Köppel meint, die Westdeutschen seien übermütig

Anders als der Youtuber Benjamin Berndt, der Höcke im Podcast „Ungeskriptet“ viereinhalb Stunden ungestört gewähren ließ, widerspricht Köppel durchaus. Er entwirft eigene historische Panoramen von Bonn bis Berlin und ergreift Partei für die alte Bundesrepublik. Doch seine Einwände sind keine kritischen Prüfungen, sondern Vorlagen. Statt Höcke zu kontern, bieten Köppels freie Assoziationen ihm bequeme Anschlussstellen. Das trägt Höckes Inszenierung. Er präsentiert sich nicht als Politiker der Extreme, sondern als Bewahrer der deutschen Identität und Geschichtsdenker, dessen politische Schlüsse vermeintlich auf einer historischen Diagnose gründen.

Etwa, wenn Köppel die These entwickelt, die Westdeutschen seien nach 1990 übermütig geworden, der Sieg im Kalten Krieg habe das bewirkt. Als Nachwirkung dieser Hybris werde der Osten heute kolonial überfahren und Russland moralisch belehrt. Höcke nimmt das  bereitwillig auf: Nicht Moskau eskaliere, sondern der Westen. Wladimir Putin versuche, Eskalation zu vermeiden, während die Kriegsrhetorik von Friedrich Merz, Roderich Kiesewetter und Marie-Agnes Strack-Zimmermann „unerträglich“ sei und das deutsche Erbe „mit Füßen“ trete, führt Höcke aus. Die Sprengung von Nord Stream schreibt er den Amerikanern zu, westliche Geheimdienste hätten die Ukraine unterwandert. Höcke formuliert all das nicht als Vermutung, sondern als Befund – und Köppel fragt nicht nach Belegen.

Auffällig ist auch Höckes ausgeprägte Zitierlust. Er beruft sich auf Bismarck, Hegel, Spengler, Kant, Ranke und Treitschke. Besonders sein Umgang mit Bertolt Brecht zeigt, zu welchen Verrenkungen Höcke ansetzt, um das Geschichtsbild so zurechtzubiegen, dass die AfD als Konsequenz daraus hervorgeht. Er zitiert aus Brechts Exiltext „Die Verurteilung des Lukullus“ von 1939: „Immer doch schreibt der Sieger die Geschichte des Besiegten. Dem Erschlagenen entstellt der Schläger die Züge. Aus der Welt geht der Schwächere und zurück bleibt die Lüge.“ Höcke wendet den Sinn ins Gegenteil: Kaum einem Volk seien die Züge gründlicher entstellt worden als dem deutschen nach 1945. Ein Text gegen die Täter wird so zur Begründung einer deutschen Opfererzählung. Alles passt Höcke in sein Narrativ nationaler Kränkung ein; Köppel lässt es geschehen.

Das geht selbst Höckes Parteikollegen zu weit

Höcke treibt seine Konstruktion von Geschichtsbildern und Identitäten so weit, dass er Thesen aufstellt, die selbst in der AfD Widerspruch auslösen. Höcke, der in Nordrhein-Westfalen geboren ist, erklärt nach gut einer Stunde im Gespräch, im Westen hätten die Menschen „über Jahrzehnte eine Ersatzidentität gefunden“ und sich die amerikanische Kultur überstülpen lassen, während im Osten „die Menschen noch Deutsche“ seien. Dazu zitiert er einen Satz: In der westlichen Republik lebten „deutschsprechende Amerikaner“, im Osten „deutschsprechende Deutsche“. Tino Chrupalla mahnt anschließend zur gesamtdeutschen Linie, Beatrix von Storch betont die „unteilbare Nation“, und Rüdiger Lucassen weist Höckes Aussage als „absolut falsch und töricht“ zurück.

Was beim Youtuber Berndt die Naivität leistete, leistet Köppel durch Pseudo-Intellektualisierung: Die Suche nach großen Befunden hinter den Krisen der Zeit und Höckes Entwurf eines besiegten, von sich selbst entfremdeten Deutschlands klingen im Gespräch nicht nach Agitation, sondern nach Diagnose. Köppels Bibliothek liefert dem völkischen Nationalismus nicht nur eine Kulisse, sondern die bürgerliche Tarnkappe gleich mit.

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