Wohlfühllektüre aus Frankreich: In diesem Roman wird wiedergestorben

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Am besten räumt man das Missverständnis sofort aus: Nein, Valérie Perrin ist nicht „eine der größten lebenden Schriftstellerinnen Frankreichs“, wie der Gutkind Verlag auf Buchumschlag und Website prahlt – es sei denn, man verwechselte Größe und Auflagenzahl. An Marie NDiaye, Yasmina Reza und selbst Marie Darrieussecq reicht sie nicht heran. Perrin ist eine gute Handwerkerin mit Gespür für Plots; sie liebt komplexe Schicksale einfacher Menschen. Allerdings ist sie etwas geschwätzig und reißt weder bei der Figurenschilderung noch der sprachlichen Gestaltung Bäume aus. Im Grunde ist sie eine bessere Version von Joël Dicker oder David Foenkinos, also Autoren der gehobenen Unterhaltung. Sucht man so etwas, wird man gut bedient.

Und findet sogar etwas mehr: „Tata oder das Geheimnis meiner Tante Colette“ hat nämlich eine besondere Heldin. Colette Septembre stammt aus einer Bauernfamilie und ist Schusterin in einem burgundischen Kaff – eine alte Jungfer und leidenschaftlicher Fan des FC Gueugnon, der örtlichen Fußballmannschaft. Diesem schlichten Leben versteht Perrin, die selbst in Gueugnon (6547 Einwohner) aufgewachsen ist, im Rückblick Spannung und Würde zu verleihen, getreu dem Umschlagband der französischen Ausgabe: „Es gibt keine Leute ohne Geschichte.“ Im paris- und elitenfixierten Literatur-Frankreich kein unsympathischer Ansatz.

 „Tata oder Das Geheimnis meiner Tante Colette“. Roman.Valérie Perrin: „Tata oder Das Geheimnis meiner Tante Colette“. Roman.Gutkind

Auch der Plot startet durch: Agnès Dugain, eine Regisseurin, deren attraktiver Schauspieler-Gatte sie für eine Jüngere verlassen hat, erfährt, dass besagte Tante gerade verstorben ist. Problematisch daran ist, dass Colette schon drei Jahre zuvor beerdigt wurde: „Colette ist wiedergestorben. Dieses Wort existiert nirgendwo. Wiedersterben, das gibt es nicht.“ Um die absurde Situation zu klären, reist Agnès nach Gueugnon, wo sie als Kind die Ferien bei ihrer Tante verbracht hatte: „Sie interessierte mich nicht. Ich dachte, dass sie nichts zu sagen hatte und mir nichts zu geben. Ich hasste die Ferien bei ihr.“ Dieses Desinteresse gegenüber einem nach Mottenkugeln riechenden Leben will Perrin ihrer Erzählerin austreiben. Und dem Leser gleich mit.

Agnès trifft ihre Jugendfreunde wieder: die schweigsame Krankenschwester Adèle, den mehrfach geschiedenen Versicherungsmakler Hervé und vor allem den jugendlich wirkenden Maschinen- und Anlagenführer Lyèce, einen trockenen Alkoholiker. Hinzu kommt Nathalie, eine Journalistin, die sich für den Fall interessiert. Agnès forscht nach, bewohnt das bescheidene Haus, in dem ihre Tante drei Jahre lang inkognito gelebt hat. Colette hat ihr zudem einen Koffer mit 119 Audiokassetten vererbt, auf denen sie ihrer Nichte ihr Leben erzählt.

Lebensrekonstruktion über mehr als hundert Audiokassetten

Perrin springt aus der Gegenwart des Jahres 2010 in die Erinnerungen von Agnès an Kindheit und Ehe, zu den Kassettenaufnahmen und in Rückblenden bis weit in die Fünfziger- und Sechzigerjahre, um Colettes Werdegang zu rekonstituieren: das Aufwachsen auf dem Bauernhof, die strengen, missgünstigen Eltern, Colettes enges Verhältnis zu ihrem Bruder Jean (Agnès’ Vater), dessen musische Begabung Colette fördert, Colettes eigene berufliche Laufbahn im Schuster-Handwerk, erst als Lehrling bei dem Tunesier Mokhtar, dann als seine Nachfolgerin. Das alles ist abwechslungsreich und ohne falsche Sentimentalität dargestellt, obschon der böse Marquis de Sénéchal nicht das einzige Klischee bleibt.

Perrin stellt laufend Verbindungen zwischen Colettes Geschichte und dem Leben ihrer Nichte Agnès her. Der gelingt es, die existenzielle Sackgasse aus Trauer um den Ex und Inspirationsmangel zu verlassen: Der Fokus auf andere Leben nimmt Last vom eigenen. Konzentrisch weitet Perrin die Lebenskreise: In der Mitte stehen Colette, Blanche sowie Agnès und ihre Familie; um sie herum gruppieren sich die jeweiligen Familien, die sich – einer der Clous – als eng verbunden herausstellen; es folgen Agnès’ Freunde, die Einwohner von Gueugnon und so fort. Es entsteht das Gruppenfoto einer Provinzstadt, das von der einfachen Rathausangestellten bis zum Adeligen einen Mikrokosmos mehr oder weniger liebenswerter Individualisten umfasst. Es wundert nicht, dass der bekannte Regisseur Jean-Pierre Jeunet Perrins vorherigen Roman, „Violette oder frisches Wasser für die Blumen“, verfilmt hat (er kommt dieses Jahr in die Kinos). Die Filmaffinität der Autorin zeigt sich auch darin, dass Perrin Drehbücher mit dem Regisseur Claude Lelouch, ihrem Ehemann, verfasst.

Jedem Topf sein Deckel

Verästelte Schicksale und große Detailfülle machen es schwer, den Roman zu resümieren. Jedenfalls entfaltet sich Colettes Leben zur versprochenen Komplexität; nicht die geringste Überraschung ist, dass sie eine Liebesbeziehung zu einem jüngeren verheirateten Fußballspieler unterhalten hat. Es erweist sich, dass die drei Jahre zuvor Beerdigte Blanche war, eine enge Freundin Colettes, die ihr täuschend ähnelte. Die Zirkusartistin und Tänzerin befand sich auf der Flucht vor ihrem Vater Soudoro, einem Sadisten, der die Frauen in seinem Umfeld gewaltsam kontrolliert; Blanches Mutter hat er verkrüppelt. Blanche hatte sieben Jahre lang im Verborgenen bei Colette gelebt, bis zu ihrem Tod. Der beendet Soudoros Jagd keineswegs: Durch Nathalies Artikel über die zweimal Verstorbene neugierig gemacht, kreuzt er in Gueugnon auf und kommt Agnès gefährlich nahe.

Sprich: Perrin setzt auf die multipel verflochtenen Lebensgeschichten noch einen Krimiplot oben drauf. Der liefert zusätzliche Spannung – die dringend nötig ist. Denn was über längere Zeit ein spannendes Eintauchen in einen Kleinstadtkosmos ist, wird nach 300 Seiten zur Pflichtübung: Jede Figur bekommt ihre Geschichte verpasst, meist mit glücklicher Wendung. Lyèce ist das herausstechende Beispiel: Er, der seit Jahrzehnten unter der Traumatisierung durch einen pädophilen Fußballtrainer gelitten hatte, trifft Line, die Frau seines Lebens, heiratet, schreibt einen Roman. Dasselbe gilt für Agnès: einen Mann finden, ein Buch schreiben – jedem Topf sein Deckel.

Dieser erzählerische Kontrollwahn, der auch in Jeunets Filmerfolg  „Die fabelhafte Welt der Amélie“ nervt, trägt vermutlich zum Wohlfühlcharakter des Romans bei; literarisch schadet er. Was anfangs amüsant und spannend ist, wird zur Masche, und das Drahtgerüst lugt aus manch abgewetzter Formel hervor: „‚Sie haben sie Tata genannt?‘ ‚Nie. Ich nannte sie Colette. Und wenn ich von ihr sprach, sagte ich ‚Tante Colette‘… Das hatte ich schon vergessen. Sie erinnern mich gerade daran.‘“ Es bleibt der Eindruck eines wohlgemeinten amüsanten Drehbuchs: Wer einen Schmöker für den Strand sucht, sollte zugreifen.

Valérie Perrin: „Tata oder das Geheimnis meiner Tante Colette“. Roman.
Aus dem Französischen von Hanne Reinhardt. Gutkind Verlag, Berlin 2026. 623 S., geb., 24,– €.

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