Unterarme miteinander verschränkt auf das Pult gelegt, vor sich ein Stapel Typoskriptseiten, der Blatt für Blatt eine Stunde lang vorlesend abgetragen wird, die Augen dabei starr aufs Papier gerichtet, kaum ein Blick ins fast volle Audimax, bisweilen ein Schluck aus dem Wasserglas – das ist Joshua Groß, verschlungen in sich selbst und seine Prosa.
Der 1989 geborene Schriftsteller hält in diesem Jahr die Frankfurter Poetikvorlesung, und in jüngerem Alter ist seit Hans Magnus Enzensberger im Jahr 1965 niemand mehr diese renommierte Aufgabe angegangen. Joshua Groß ist der Durchstarter unter den Millennial-Schriftstellern, jener Generation von Autoren, die von Kindheit an eine digitalisierte Welt erlebt haben, und „Flexen in Miami“, sein 2020 erschienener erster Roman bei Matthes & Seitz (nach diversen schmaleren Veröffentlichungen in den stylishen Kleinverlagen Starfruit und Sukultur), brachte dem fränkischen Autor eine Gefolgschaft ein, die ihn bei Auftritten oft wie einen Popstar feiert. Gemessen daran ging es im Frankfurter Audimax beim Auftakt zu dem dreiteiligen Vorlesungszyklus akademisch würdevoll zu.
Ein Blick in die Frankfurter Begleitausstellung zu Joshua Groß' PoetikvorlesungRobter SchittkoWobei Groß mit dem vorgetragenen Text alles dafür tat, dem entgegenzuwirken. Allein schon deshalb, weil er noch weniger als seine unmittelbare Vorgängerin Judith Schalansky theoretisch-poetologisch Auskunft gibt, sondern noch mehr als die Kollegin praktisch-poetologisch: in Form eines Prosastücks, das sich, wie bei Groß üblich, eng an des Autors eigene Erlebnisse anschmiegt. „Neben sich selbst hergehen“ lautet der Obertitel des diesjährigen Vorlesungsprogramms, und dieses Aus-sich-Heraustreten lässt keine Introspektion erwarten.
Tatsächlich beobachtet Groß sein Alter Ego an einem Tag, den es zu Hause im Plattenbauviertel von Greifswald beginnt und der in einem Kiefernwald nahe dem Meeresufer der Ostsee endet – zumindest führt uns die eine Stunde Redezeit bis dorthin. Wir sehen den Protagonisten dort abends selbstverloren im Dunkeln, „im sekundenlangen Aufblinken des Hologramms“, wie die letzten Worte der Auftaktsitzung lauten.
Sanfter Sensei dringend gesucht
Sie trägt den Einzeltitel „Umschlungensein von Ersatz-Senseis“ – die Teile zwei und drei in den Folgewochen werden von Gross schon einmal als „Sprengen“ und „Baumwerden“ angekündigt. Letzteres ist durch einen Bezug auf Daphne aus Ovids „Metamorphosen“ jedoch auch bereits in der ersten Vorlesung präsent. Aber keine Rede davon, dass der dezidierte Zeitgenosse Groß antikisch sentimental würde: Sein Rekurs auf den Daphne-Mythos ist vielmehr einer, der auf aktuelle Debatten zielt, denn Apoll als Nemesis der Nymphe ist für Groß „gruselig und sehr gegenwärtig“: als Prototyp „aller fehlgeleiteten Männer, die in ihrer Misogynie das Zerstören von anderen mit Liebe verwechseln“. Da sind wir spätestens angelangt bei jenem gendersensiblen Erzählen, das Groß neben vielem anderen zugutegehalten wird.
Und das mit der Anrufung von „Ersatz-Senseis“ eine sanfte Alternative zur üblichen Vorbildbildung anbietet: in Gestalt von „Lehrmeisterinnen“, so Groß, von denen er „gefüttert und geführt“ werde. Marguerite Duras etwa, Ann Cotten oder besonders Catherine Malabou mit ihrer „Ontologie des Akzidentiellen“ – höchstes Lob im typischen Groß-Sound für dieses Buch: „scheps geschrieben oder scheps übersetzt, manchmal waren die Sätze wie Glitches“. Aber die bewegendste Liebeserklärung gilt dann doch einem Mann, dem japanischen Haiku-Dichter Ryôta aus dem achtzehnten Jahrhundert und dessen bekanntestem Gedicht: „Ach dieser Vollmond! / Wenn ich einst wiederkomme, / als Kiefer bitte.“ Ein echter Sensei also, kein weichgespülter.
Aggressives Miet-Quad für den Ausflug ans Gestade
Ein Wiedergänger ist auch der Protagonist des Textes der Auftaktvorlesung, der sich bei der Fahrt mit dem Miet-Quad (einem Yamaha Raptor) immer tiefer in den Kiefernwald und die Erinnerungen an die eigene Kindheit verirrt: an eine Umschlingung, die dem Siebenjährigen der Vater angelegt hat, nämlich eine Projektorenkette, die ein Hologramm erzeugte, das den Jungen (auf eigenen Wunsch) zur Eidechse machte. Shapeshifting also, wie Groß es gern proklamiert und in seinen Texten praktiziert. Zur Poetikvorlesung gibt es just unter diesem Motto („Die Horizonte der Shapeshifter“) denn auch eine begleitende Kunstausstellung – im Universitätsarchiv bis zum 30. Juni. Und das Formwandeln zieht sich ebenfalls durch den Vorlesungstext, weniger betreffs dessen Figuren denn als Verwandlungen der literarischen Form: von der Popliteratur über die Komödie (die Rundum-Versicherungsangebote des Mietwagenservices) bis zur romantischen Erhabenheit im Kiefernwald.
Wohin das führt? Man wird es in den kommenden beiden Wochen sehen. Wobei sich Groß aus bisweilen verzweifelt klingender Lage – „ich stecke aporetisch wie alle im Sumpf der KI“ – schon jetzt befreit hat. Kunstintelligenz statt Künstlicher Intelligenz, das ist doch schon einmal etwas.

vor 1 Stunde
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