Das neue Streichquartett „Partially Restored Landscapes“, das er als Fellow am Berliner Wissenschaftskolleg erarbeitet hat und das bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik im April vom Quatuor Diotima uraufgeführt wurde, sei sein erstes vollwertiges Werk seit seiner Flucht aus seiner Heimat vor vier Jahren, sagt der russische Komponist Dmitri Kourliandski, als wir uns vor dessen zweiter Aufführung im Wissenschaftskolleg treffen.
Der 50 Jahre alte Kourliandski, der in der Moskauer und internationalen Musikszene für seine radikale Klangästhetik geschätzt wird, war von der russischen Vollinvasion in die Ukraine überrascht worden wie die meisten seiner Landsleute. Der Musiker wartete in den frühen Morgenstunden des 24. Februar 2022 mit seiner Frau und drei Kindern auf einem Moskauer Flughafen auf den Abflug nach Armenien, um sich dort für eine geplante Reise nach Frankreich, wo seine Oper aufgeführt werden sollte, mit einem westlichen Vakzin gegen Corona impfen zu lassen. Die Nachricht vom Beginn des großen Krieges veranlasste das Paar, mit dem bisherigen Leben radikal zu brechen.

Kourliandski kündigte sogleich die gemeinsame Wohnung und seine Stelle als musikalischer Leiter des Moskauer Electrotheatre und unterschrieb Briefe gegen den Krieg, während seine Frau an Antikriegsaktionen teilnahm. Es wäre ein Verbrechen an den Kindern gewesen, im Land zu bleiben, sagt Kourliandski; denn schon im März begann an den Schulen die antiukrainische Indoktrination. Für ihn selbst war die Nichtbeteiligung am russischen Kulturleben eine persönliche Form des Protests und des Widerstands dagegen, dem Krieg einen Anschein von Normalität zu verleihen.
Als die Familie im April 2022 in Paris eintraf, wo die Éditions Jobert schon lange seine Werke verlegt, beantragte sie französische Flüchtlingspässe. Die Kourliandskis wurden vom privat finanzierten Programm für Künstler im Exil (L’atelier des artistes en exil), das Familien von Kreativen aus vielen Ländern, etwa auch der Ukraine, half, gratis in einem Hotel beherbergt, bis die Ausweise ausgestellt und eine Wohnung sowie Schulplätze für die Kinder gefunden waren. Er sei dem Programm sehr dankbar, sagt Kourliandski. Jedoch habe er im ersten Jahr nichts komponieren können und weitere zwei Jahre nur Sound-Environments, die er elektronische Tapeten nennt, als eine Art von Psychotherapie.

In Russland gibt es unterdessen heute mehr Uraufführungen neuer Musik denn je, auch weil diese wortlose Kunst bisher nicht zensiert wird, und dank des staatlichen Auftragsprogramms für Komponisten „Noten und Quoten“, das Kourliandski im Jahr 2021 selbst mit initiiert hatte. Gespielt würden teils vorzügliche, darunter auch kritische Tonkünstler, so der Komponist, dessen eigene Werke in der Heimat heute nur noch selten und nicht an prominenter Stelle erklingen. Festivals wie die „Zeitgenössische musikalische Landkarte Russlands“ bekräftigen zudem stets auch den Anspruch Moskaus auf die besetzten ukrainischen Gebiete.
Kourliandski, für dessen Schaffen der amerikanische Minimalismus und der russische Konstruktivismus prägend waren, lotet in konzeptionell klangskulpturalen Kompositionen die Grenzen der Tonerzeugung aus. Zugleich negiert er Hierarchien und Normen, womit er sich künstlerisch stets gegen die autoritären Tendenzen in Russland positionierte. Im Jahr 2006 erklang bei den Donaueschinger Musiktagen sein futuristisch-perkussives Ensemblestück „Contra-Relief“, bei dem auch Sirenen, Bohrmaschinen und Schweißgeräte zum Einsatz kamen.

2013 führte Teodor Currentzis mit seinem musicAeterna-Orchester bei der Ruhrtriennale Kourliandskis „Frühlingsaufruhr“ (Riot of Spring) auf, das offensichtlich inspiriert war von dem Protest der feministischen Punkband „Pussy Riot“ gegen Präsident Putins Rückkehr ins Amt und der Haftstrafe ihrer Mitglieder Natalja Tolokonokowa und Maria Aljochina im Jahr zuvor. Bei dem Stück spielen alle Musiker zwanzig Minuten lang nur die Note D, gehen dabei aber einer nach dem anderen ins Publikum und übergeben ihr Instrument einem Zuhörer, sodass sich der Ton durch unprofessionelle Artikulation immer weiter auffächert, bis am Ende die Bühne leer – und die Grenze zwischen Musikmachen und -hören überwunden ist.
In den Sommerferien lehrte Kourliandski vor 2022 an der von ihm 2011 mitbegründeten internationalen Akademie für zeitgenössische Musik in der nach dem Komponisten benannten Stadt Tschaikowski im Ural, wo Künstler wie Mark Andre, Francesco Filidei und Beat Furrer zu Gast waren. Über die Jahre organisierte er zahlreiche internationale Konzert- und Bildungsprogramme, die junge Komponisten inner- und außerhalb Russlands förderten und prägten. Die Akademie hat ihr Programm inzwischen sogar erweitert, doch das internationale Format ist im eigentlichen Sinn nicht mehr möglich. Physisch teilnehmen können heute nur noch Dozenten und Studenten aus China und anderen „befreundeten Ländern“.
Der Ukrainekrieg und die Repressionen im Inneren hätten gezeigt, dass Kultur machtlos sei, sagt Kourliandski, der erwartet, dass Russland den Krieg nach Europa tragen und den Terror im Innern verstärken werde. Sein neues Streichquartett versetzt in eine katastrophale Stille. Im subtilen Wechselgespräch intonieren die vier Musiker des Quatuor Diotima fragile Flageolett-Phrasen, in Knarzlaute auslaufende metronomische Pizzicati, sie brummen im Rhythmus mehrsilbiger Worte. Das evoziert womöglich einige jener russischen Vornamen aus der zufällig generierten, an ein Totenbuch erinnernden Namensliste, die den ganzen „Notentext“ des Stückes ausmacht. Dank minuziöser Spielanweisungen klingt das fast dreißig Minuten lange Werk stets weitgehend identisch. Beim Schlussapplaus applaudiert Kourliandski nicht nur dem Streichquartett, sondern auch der Amsel, die während des Konzerts im Garten gesungen hatte, sowie den Zuhörern, die das Konzert erst zu einem gemacht hatten.
Michael Veltman spielt live zur elektronischen Komposition von Dmitri Kourliandski in der Sankt-Peter-Kirche in Köln.Patricia KühfussDer Komponist, der in Berlin eine ganze Reihe neuer Werke geschrieben hat, präsentierte dann noch bei einem Lunchkonzert in der Kölner Jesuitenkirche und Kunststation Sankt Peter seine „Cantata Electrica“ für eine Kirche mit Orgel, eine dreiviertelstündige Komposition, die durch Synthesizer erzeugte Raumklänge mit Samples von Orgelmusik kombiniert, welche Kourliandski einst für ein Projekt am Moskauer Electrotheatre aufgenommen hatte. Aus dräuend sich zusammenballenden Klangwolken treten immer wieder choralartige Orgelakkorde hervor, die das absinkende Klanggeschehen durch eine emporschreitende Bewegung konterkarieren. Es ist eine zeitgenössische Hommage an die autorlose, nichtautoritäre frühe Kirchenmusik, der der Hausorganist von Sankt Peter, Michael Veltman, subtile Live-Akzente beisteuerte. Durch das Klangmaterial aus dem Electrotheatre enthält es aber auch eine Widmung an dessen Gründer, den Regisseur Boris Juchananow, einen engen Mitstreiter Kurliandskis, der Heiner Goebbels, Katie Mitchell, Romeo Castellucci nach Moskau geholt hatte. Nach Ausbruch des Ukrainekriegs wurde Juchananow herzkrank und starb im vergangenen Jahr.

vor 2 Stunden
1











English (US) ·