Ganz schön schwindelerregend, was da an Schwindel bei Air Canada aufgeflogen ist: Ein früherer Pilot der kanadischen Luftfahrtgesellschaft muss sich wegen mutmaßlichen Betrugs vor Gericht verantworten, weil er 17 Jahre als Flugkapitän um die Welt gejettet sei, ohne die nötige Qualifikation nachweisen zu können – aber mit Tausenden Passagieren in von ihm gesteuerten Maschinen.
Geoffrey Wall heißt der Mann, ist 59 Jahre alt und hat, was Reisende aufatmen lassen dürfte, immerhin einen gültigen Pilotenschein. Das unterscheidet ihn von dem berühmten US-Luftikus Frank William Abagnale Jr. Der verfügte nur über einen Autoführerschein, auf dem er selbst sein Geburtsdatum um zehn Jahre vordatiert hatte, als er sich in den Sechzigerjahren, kaum flügge geworden, als Pan-Am-Pilot ausgab.
Einen Steuerknüppel nahm er glücklicherweise nie in die Hände, sonst hätte die Luftfahrtjargon-Bezeichnung „Dead Head“, unter der getarnt der gesuchte Scheckbetrüger als angeblich nicht im Einsatz befindliches Flugpersonal kostenlos kreuz und quer durch Amerika geflogen wurde, eine wörtlichere Bedeutung angenommen. Auf dem Hollywood-Olymp gelandet ist der Hochstapler in Gestalt Leonardo DiCaprios, der Abagnale Jr. in Steven Spielbergs Kinofilm „Catch Me If You Can“ verkörperte.
Keine Gefahr, meint die Airline
Eine derart glamouröse Flugbahn trauen wir dem bluffenden Kanadier eher nicht zu: Sein angeblicher Betrug soll 2009 nach knapp zehn Jahren im Cockpit begonnen haben, mit der Beförderung zum Flugkapitän. Für diese hätte er Leistungsnachweise erbringen und eine ATPL-Lizenz erwerben müssen. Polizeierkenntnissen nach aber hat Wall sich wohl nie in diese Kompetenzhöhen aufgeschwungen, sondern das Zertifikat gefälscht und dazu ein passendes Fake-Abzeichen benutzt.
„Wozu Prüfungen ablegen für etwas, das ich längst kann?“, könnte sich der Abgehobene gedacht haben, und selbst die Airline versichert beruhigend, es habe zu keinem Zeitpunkt Gefahr bestanden: Die obligatorischen Trainingseinheiten alle sechs Monate habe Wall pflichtschuldig absolviert. Der stellvertretende Polizeichef Nick Milinovich von der Peel Regional Police stellt die Sache etwas anders dar: „Das ist vergleichbar mit einem Mediziner, der eine Zulassung als Hausarzt hat, aber in seiner Praxis Gehirnoperationen vornimmt“, zitiert ihn die BBC.
Er könnte auch noch Arzt werden
Womit wir wieder bei „Catch Me If You Can“ wären, und Mr. Abagnale: Der reüssierte, nachdem ihm die Luft als Pilotendarsteller zu dünn geworden war, als Arzt, natürlich ohne Studium oder Examen, bevor es in den Knast ging und danach wie Phoenix aus der Asche mit Autobiographie und Beratertätigkeiten für Behörden in die Legalität. Im Vergleich dazu nimmt sich Münchhausens Ritt auf der Kanonenkugel schwerfällig aus – und der Zertifikatsbetrug aus Kanada wie ein windiges Gesellenstück.
Doch zeigt die Affäre, wie leicht sich immer noch mit Lug und Trug das eigene Vorankommen befördern lässt, wenn die Gutgläubigkeit anderer für Auftrieb sorgt. In Kanada ist voriges Jahr ein weiterer Mann ertappt worden, der als Pilot und Flugbegleiter amerikanischer Airlines aufgetreten sein soll, um diese als seine persönlichen Billigstflieger zu nutzen: zum Nulltarif.

vor 2 Stunden
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