Ein Ufo fürs Polareis: Dieses neue Forschungsschiff soll künftig wie eine Eisscholle durch die Arktis treiben. SPIEGEL-Reporter Christoph Seidler war bei der ersten Probefahrt an Bord.
Christoph Seidler, SPIEGEL:
»Monatelang eingeschlossen in kompletter Dunkelheit, im Eis der Arktis driften ohne eigenen Antrieb: Das will die »Tara Polarstation« machen, eine ganz besondere Forschungsstation. Zwölf Frauen und Männer sind an Bord. Und bevor es im kommenden Winter das erste Mal losgeht in die zentrale Arktis, wird die Station hier in Finnland getestet. Und auch hier ist es schon ziemlich eisig. Im Moment sind es -12 Grad.«
Die Form der Station bewahrt die Station davor, von Eisschollen zerdrückt zu werden – drückt das Packeis zu sehr, rutscht die Tara Polar Station nach oben.
Eiskratzen, Messapparate prüfen, Daten auswerten: Für die Wissenschaftler gibt es immer etwas zu tun. Gegen den Winterblues in der dunklen Arktis helfen soll unter anderem gutes Essen. Auch Musikinstrumente hat die Crew an Bord. In erster Linie wollen sie aber: die schmelzende Arktis erforschen. Die Region um den Nordpol erwärmt sich drei- bis viermal so stark wie der Rest der Welt. Die Forscher wollen deshalb herausfinden, wie genau sich dadurch Strömungen oder der Salzgehalt im Meerwasser verändern. Kapitän Martin Hertau freut sich auf die Monate im Packeis.
Martin Hertau, Kapitän:
»Ich habe mich in die Polarregion verliebt. Das war vor etwa 17 Jahren. Ich war angefixt, also wollte ich einfach wieder dorthin, mehr experimentieren. Das Boot ist sehr neu, es wird eine große Herausforderung. Ich habe noch nie einen Winter dort verbracht, damit erfüllt sich mein alter Traum.«
Ein wichtiges Hilfsmittel für die Mission ist dieser Tauchroboter. Durch ein Loch im Schiffsrumpf gelangt er unter das Eis. Die Steuerung ist nichts für Anfänger.
Martin Schiller, Meeresforscher:
»Man sieht das Gerät nachher nicht mehr. Man navigiert dann wie in einem Videogame auf einer Karte und muss dort den Überblick behalten. Wo ist man? Wie komme ich wieder zurück in dieses kleine Loch?«
Der Tauchroboter soll zum Beispiel messen, wie viel Sonnenenergie derzeit durch die Eisdecke in den Ozean gelangt – und wie viel in Zukunft, wenn das Eis durch die Erderwärmung wohl noch stärker schmilzt.
Maxime Geoffroy, Meeresbiologe:
»In den nächsten fünf bis 15 Jahren könnte es im September kein Eis mehr geben. Vielleicht nicht jedes Jahr, aber zumindest sporadisch. Dass das Eis in der Arktis verschwindet, ist in der Menschheitsgeschichte bislang unbekannt.«
Die Zeit drängt also etwas für die »Tara Polar Station«. Damit die erste richtige Expedition gelingt, müssen die Forscher zuvor alle Abläufe wieder und wieder durchspielen – und sich an den Alltag auf engem Raum ohne Privatsphäre gewöhnen. Im kommenden Winter wird es dann ernst: Nach zwei Monaten Eingewöhnung soll die »Tara« sechs Monate lang festgefroren durch das Packeis am Nordpol driften. Das dürfte erst der Anfang sein: In den nächsten 20 Jahren soll die Polarstation insgesamt zehnmal auf diese Reise gehen.

vor 3 Stunden
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