MiCA-Regulierung: Jetzt droht der Kryptobörse Binance der Rauswurf aus der EU

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Auf ihrer Website übt sich Binance in permanenter Selbstbeweihräucherung. Direkt auf der Startseite hat die Kryptobörse einen Live-Ticker platziert, der sekundengenau zeigen soll, wie viele Kunden sie derzeit zählt. Zuletzt waren es etwa 322 Millionen Nutzer. Damit ist Binance längst zum unangefochtenen Marktführer im Handel mit Bitcoin und Co. avanciert.

Doch schon bald könnte die Kundenzahl langsamer wachsen, wenn nicht sogar schrumpfen.

Ausgerechnet der größten Kryptobörse der Welt fehlt nämlich eine wichtige Lizenz, um in der EU künftig noch aktiv zu sein. Nun droht ihr der Rauswurf.

Frist endet am 1. Juli

Ab dem 1. Juli müssen Handelsplattformen eine entsprechende Erlaubnis haben, um hier Kryptodienstleistungen anzubieten. Schon vor gut drei Jahren hatte das Europäische Parlament mit der MiCA-Verordnung („Markets in Crypto Assets“) ein strenges Regelwerk erlassen, das dem Wilden Westen in der Kryptowelt ein Ende bereiten sollte. In der Zwischenzeit arbeitete Binance – zumindest in einigen Ländern – mit nationalen Genehmigungen. Jetzt endet die Übergangsfrist. Und einige Anbieter stehen weiterhin blank da, darunter Binance.

Bislang hat es viele Kunden kaum gestört, dass manche Anbieter keine Lizenz einer Finanzaufsichtsbehörde wie der BaFin hatten. Binance etwa zählt in Deutschland Insidern zufolge mehrere Millionen Kunden. Doch nun drohen ihnen – und den Plattformen selbst – weitreichende Folgen. Auch die europäische Wertpapieraufsicht ESMA schaltete sich am Dienstag ein und riet Kunden betroffener Dienstleister, rasch zu handeln.

Binance zieht Lizenzantrag zurück

Ohne Lizenz müssten die Anbieter im schlimmsten Fall europäische Kunden abwickeln, Konten schließen und Vermögenswerte auszahlen – oder ihre Dienstleistungen in der EU so stark beschneiden, dass sie kaum noch konkurrenzfähig wären. Hinzu kommt: Auch Kryptobörsen brauchen eine Schnittstelle in die Außenwelt. Wer Euros einzahlen will, ist auf Überweisungen etwa über Banken oder Zahlungsdienstleister wie PayPal oder Visa angewiesen. „Kein etablierter Finanzdienstleister wird noch Geschäfte mit einer unlizenzierten Kryptobörse machen. Damit würde ihnen selbst ein großer Reputationsschaden drohen – und womöglich auch Sanktionen“, meint Co-Pierre Georg, Direktor des Frankfurt School Centre for Digital Economics.

Alireza Siadat, Partner bei Deloitte Legal und in verschiedene MiCA-Anträge beratend eingebunden, rät Kunden betroffener Plattformen zur Ruhe. Es sei nicht ausgeschlossen, dass einige Anbieter in den kommenden Wochen doch noch eine Lizenz erhielten. „Niemand muss sich Sorgen machen, sein Geld zu verlieren oder dass Kryptowerte im schlimmsten Fall mit Verlust verkauft werden.“ In solchen Fällen sei es üblich, dass Anbieter die Kryptowerte ihrer Kunden auf eine lizenzierte Plattform übertragen.

Kein etablierter Finanzdienstleister wird noch Geschäfte mit einer unlizenzierten Kryptobörse machen Co-Pierre GeorgDirektor des Frankfurt School Centre for Digital Economics

Für Binance ist die Sache dennoch besonders unangenehm. Bis vor Kurzem sollen die Chancen relativ gut gestanden haben, über die griechische Finanzaufsicht HCMC eine MiCA-Lizenz zu erhalten. Das wäre für das Unternehmen die Eintrittskarte für regulierten Handel in der gesamten EU gewesen: Erhält ein Anbieter diese Lizenz in einem Mitgliedsland, darf er seine Dienste EU-weit anbieten.

Doch nun gesteht Binance auf Anfrage der WirtschaftsWoche überraschend ein, „nach sorgfältiger Abwägung“ seinen Lizenzantrag in Griechenland zurückgezogen zu haben. Man habe monatelang gut mit der HCMC gearbeitet. „Da jedoch kurz vor Ablauf der MiCA-Übergangsfrist noch keine formelle Entscheidung vorliegt, haben wir uns für den umsichtigen Schritt entschieden, einen Weg einzuschlagen, der den Nutzern mehr Klarheit verschafft“, teilt Binance weiter mit.

Aus Branchenkreisen heißt es, andere europäische Institutionen hätten darauf gedrängt, dass die Kryptobörse keine Lizenz von der griechischen Finanzaufsicht erhält. Das proaktive Zurückziehen des Lizenzantrags dürfte vor allem eine gesichtswahrende Maßnahme gewesen sein – besser als eine offizielle Absage.

Frankreich: Die letzte Rettung für Binance

Binance wolle am europäischen Markt aktiv bleiben, erkenne die regulatorischen Standards an – und wolle sich nun darauf konzentrieren, in einem anderen EU‑Mitgliedstaat eine Lizenz zu erhalten. Für die Kryptobörse könnte Frankreich die vielleicht letzte Rettung sein.

Medienberichten zufolge laufen derzeit Gespräche zwischen Binance und der dortigen Aufsicht. Zu einzelnen Unternehmen will sich die Autorité des marchés financiers auf Anfrage nicht äußern. Bislang ist Binance in einem entsprechenden Verzeichnis der Behörde allerdings nicht als lizenzierter Anbieter aufgeführt. Lehnt die Aufsicht den Antrag ab, dürfte das ein Betriebsverbot zur Folge haben.

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Aber: Dass Frankreich nicht gerade für eine laxe Aufsicht bekannt ist, zeigt das Beispiel Bitget: Das Unternehmen steht dort bereits seit 2023 auf der Blacklist. Bitget kämpft – wie auch diverse kleinere Dienstleister – ebenfalls noch um eine Lizenz und bemüht sich, Kunden mit Blick auf die Genehmigungsbestrebungen zu beruhigen. Die Plattform versucht, über Österreich eine MiCA-Lizenz zu erhalten. Das würde passen: Erst Anfang des Jahres hat Bitget in Wien sein europäisches Hauptquartier eröffnet.

Schmuddelimage und Strafen: Warum Binance unter Druck steht

Andere Kryptoplattformen wie Kraken oder Bitpanda könnten als Profiteure der strengeren Regulierung hervorgehen und Kunden von unlizenzierten Anbietern abgreifen. Lukas Enzersdorfer-Konrad, CEO des österreichischen Unternehmens, appelliert jedoch an ein „konsequentes Enforcement“ durch die Aufseher: „Ein harmonisierter Markt funktioniert nur, wenn die Regeln nicht nur auf dem Papier existieren, sondern auch spürbar durchgesetzt werden.“ Das kann man auch als Spitze gegen Binance verstehen.

Binance haftet schon seit Jahren ein Schmuddelimage an. Zu ihrer Verteidigung muss man sagen, dass die Kryptobörse schon am Markt aktiv war, ehe es so etwas wie eine Kryptoregulierung gab. Aber auch danach, so monierten Kritiker, lancierte sie zweifelhafte Kryptowährungen. Offenbar wurden über die Plattform sogar illegale Transaktionen für sanktionierte Länder wie den Iran abgewickelt. Wegen Geldwäscheverstößen musste Binance 2023 in den USA eine Rekordstrafe von 4,3 Milliarden Dollar zahlen, ihr Gründer Changpeng Zhao wurde zu einer viermonatigen Haftstrafe verurteilt.

Schon vor Jahren sagte ein ehemaliger Binance-Manager angesichts der fraglichen Umtriebe der Kryptobörse: „Binance wird in Deutschland keine Lizenz bekommen – außer die BaFin ist ’ne Pommesbude.“ Tatsächlich wies die Aufsicht den Antrag im Juni 2023 ab. Mittlerweile – so berichtet zumindest der Chef einer anderen Kryptohandelsplattform – verzeichne Binance in Deutschland immer weniger Neuanmeldungen. Kürzlich veröffentlichte Zahlen der Marketinganalyse-Plattform AppsFlyer zeigen zumindest, dass ein Konkurrent in Deutschland mehr Neuanmeldungen verzeichnet: Crypto.com kommt in Deutschland auf 623.000 Downloads – und damit auf 132.000 mehr als Binance.

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