Max Frisch war einer der bedeutendsten europäischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts – und er hielt wenig von zu viel Nachdenken. Zumindest in jungen Jahren, wenn man seinem Abituraufsatz im Fach Deutsch glauben darf. Fast 100 Jahre war der Text verschollen, jetzt wird er erstmals veröffentlicht. Der Literaturwissenschaftler und Präsident der Max Frisch-Stiftung, Thomas Strässle, spricht von einer literarischen Sensation.
In dem Abituraufsatz »Licht- und Schattenseiten der modernen Technik« legt Frisch (1911-1991) schon mit 19 Jahren ein Motiv seines literarischen Werks dar: die Kritik an der Technikgläubigkeit. »Technikkritik ist auch eines der großen Themen des späteren Max Frisch«, schreibt Strässle.
Schriftsteller Frisch als junger Mann in der elterlichen Wohnung
Foto: Max Frisch-Archiv, ZürichFrisch stellt die Urmenschen, die sich ums Überleben kümmern müssen, modernen Erdbewohnern gegenüber. Die Technik, von »Vollblutdummköpfen mit Kultur identifiziert«, nehme den Menschen viel ab und gebe ihnen mehr Zeit, die sie aber auf problematische Weise füllten: mit Denken. »Je klarer und logischer wir aber denken, desto rascher erkennen wir die bodenlose Stumpfsinnigkeit unseres Daseins«, schrieb Frisch mit seinen 19 Jahren damals. Sein Fazit: »Vom Standpunkt des Glücks aus beurteilt, ist die Technik abzulehnen«.
Diebstahl aus dem Archivschrank
Das Thema verarbeitete Frisch später, etwa in seinem Welterfolg »Homo Faber« (1957). Darin wird das rationale Weltbild des technikgläubigen Herrn Faber durch Gefühle und Schicksalsschläge zerstört. Frischs Bücher, darunter auch »Stiller« oder »Biedermann und die Brandstifter«, sind Generationen von Schülerinnen und Schülern aus dem Deutsch-Unterricht ein Begriff. Der Autor war wie sein Landsmann Friedrich Dürrenmatt immer wieder für den Literaturnobelpreis im Gespräch, aber die Auszeichnung blieb beiden versagt.
Frisch-Aufsatz, 1930: In etwas altklugem Ton
Foto: Max Frisch-Archiv, Zürich / ETH-BibliothekDass der Abiturtext jetzt auftaucht, hat auch mit einem Diebstahl zu tun: Ein späterer Schüler an der Schule von Frisch in Zürich hatte die Arbeit in den Fünfzigerjahren aus einem Archivschrank des Realgymnasiums Rämibühl in Zürich mitgehen lassen. Da war Frisch schon eine literarische Größe. Er habe den Aufsatz für die Nachwelt erhalten wollen, schrieb der Mann 2024, als er ihn an das Max-Frisch-Archiv schickte. Die Nachlassbewahrer an der ETH Zürich sehen den Aufsatz als große Bereicherung für ihren Bestand, weil es sich um das älteste erhaltene Manuskript des Autors handele.
Der Abituraufsatz kommt in etwas altklugem Ton daher, wie beispielsweise die »Neue Zürcher Zeitung« anmerkt . So warnt Frisch, technische Hilfsmittel würden zu »physischer Bequemlichkeit« führen. Die gesparten Kräfte »verpuffen wir entweder im Sport, in künstlichen, nicht selten gesundheitsgefährlichen Strapazen oder in geschlechtlichen Excessen«, so der Abiturient Frisch.
Frisch (2. Reihe von links) und Mitschüler des Kantonalen Realgymnasiums Zürich
Foto: Max Frisch-Archiv, ZürichDer Aufsatz erscheint nun in der Festausgabe zum 175. Jubiläum des Lehrmittelverlags in Zürich (LMVZ). Die anderen Texte stammen von Prominenten, die der Herausgeber gebeten hatte, Schulerinnerungen beizutragen.
Strässle findet Frischs Gegenüberstellung von Urmensch und problemgetriebenen Zivilisationsmenschen zwar »naiv und plakativ«, aber für ihn ist klar: »Hier schreibt einer, der hoch hinaus will und es kaum erwarten kann.«

vor 2 Tage
2









English (US) ·