Martin Baltscheits Tierleben: Keine Scheu vor dem rauen Naturgesetz

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Das wird eine kurze Kolumne, denn eigentlich müsste ich mich schämen. Da bringt einer meiner Lieblingskinderbuchautoren, der Düsseldorfer Martin Baltscheit, den ich vor mehr als dreißig Jahren über den Comiczeichner Ulf K. kennengelernt habe, eine Comicserie heraus, und ich bemerke es nicht!

Sie heißt „Herr Elefant & Frau Grau“, und der erste Teil erschien bereits 2021, der zweite 2024, und bis der dritte kommen wird, dürfte es noch mehr als ein Jahr dauern, aber so lange will ich nicht warten. Denn dafür ist der Comic viel zu gut. Also hier der Hinweis auf zwei bereits jahrealte Bände. Aber dadurch werden sie ja nicht schlechter. Und bekannter dürfen sie noch allemal werden.

Frau Grau ist eine Antilope namens Elvira, und Herr Elefant ist – na, das erklärt sich von selbst (bis auf den Vornamen: Der lautet Horst). Im ersten Band verlieben sich Elvira und Horst ineinander, werden ein Paar und zum Gespött der anderen wilden Tiere, besonders einer ungebärdigen Gnu-Herde. Dann verliert ein Tourist auf Fotosafari sein Smartphone, und das ungleiche Liebespaar bekommt per Siri Zugang zu dem, was außerhalb seines Naturschutzgebiets passiert: die große Stadt, das gute Leben – dort wollen Herr Elefant und Frau Grau auch hin. Am Schluss von Band eins sind sie auf dem Weg zum Flughafen, um nach Hamburg zu reisen.

Die Comic-Kolumne von Andreas PlatthausDie Comic-Kolumne von Andreas PlatthausF.A.Z.

Das klingt nach nicht allzu viel Handlung, aber die sechzig Comicseiten sind nötig, um genug Raum für die beißende Ironie der Geschichte zu bieten. Das geht schon auf den ersten beiden Seiten los: Ein reizend aussehender Käfer wird von einer Gottesanbeterin erst geköpft und dann verspeist, bis diese wiederum von einem Vogel gefressen wird – das harte Naturgesetz. Nur dass man dessen Exekution gemeinhin nicht in einem Kindercomic erwarten würde.

So geht intelligentes Comicerzählen

Und darum handelt es sich. Der (Hamburger!) Kibitz Verlag gilt mittlerweile sogar als beste hiesige Adresse für diese Erzählform. Auch deshalb, weil er einerseits überraschen kann (wie mit dem Tonfall von Baltscheit in dessen Comic), andererseits den Geschmack des jungen Publikums trifft (auch mit dem Tonfall von Baltscheit in dessen Comic). Kinder wollen nicht immer in Sicherheit und Harmlosigkeit gewiegt werden. Und wenn es so wild zugeht wie in „Herr Elefant & Frau Grau“, haben sie eh ihren Spaß.

In Band zwei steigert Baltscheit die Dosis Grausamkeit am Anfang sogar noch. Diesmal findet ein Löwe seinen Weg durch die Reservatsabsperrungen in die nächste Stadt und sorgt dort für Aufsehen, Unruhe und schließlich den eigenen Tod. Das an ihm von Soldaten angerichtete Gemetzel setzt Max Fiedler, Baltscheits Zeichner, in ein großartiges Splitterbild um, in dem die städtischen Schaufensterscheiben im Kugelhagel bersten und jedes Bruchstück eine winzige Facette des sterbenden Löwen bietet. Man sieht nicht deutlich, was passiert, aber weiß es umso deutlicher. So geht intelligentes Comicerzählen.

Das Cover von Band zweiDas Cover von Band zweiKibitz Verlag

Gut aussehen tut es überdies, denn Fiedler hat einen gefälligen, an frankobelgischen Vorbildern geschulten Stil, der vor allem auf kräftige Farben bei den Dekors und expressive Mimik bei den Figuren setzt. Da sie das menschlich macht, denkt man keine Sekunde über die Ungleichartigkeit von Elefant und Antilope nach, obwohl das restliche Tierreich skeptisch genug ist. Aber wir sind ja Menschen, und unsere Artgenossen im Comic erkennen die beiden Tiere in ihrer Unterschiedlichkeit gerade nicht. Stattdessen bekommt Frau Grau bei der Einreise in Hamburg Schwierigkeiten wegen unerlaubter Einfuhr von tierischen Produkten, die unter das Artenschutzabkommen fallen (ihre eigenen Hörner), während sich an den Stoßzähnen von Herrn Elefant niemand stört. Aber Plausibilität im logischen Sinne ist kein Erfolgsrezept bei Kinderliteratur. Wohl dagegen Plausibilität im werkimmanenten Sinne.

Die Tiere zeigen uns, wie seltsam wir Menschen sind

Und die wird hier beachtet. Die Figuren bleiben ihren Rollen treu: der umständliche, auch ängstlich-scheue Elefant Horst und die pragmatische, kommunikativ-aufgeschlossene Antilope Elvira. Pech nur, dass sie im Flugzeug schon Freundschaft mit einer alten Dame schließen, deren Leidenschaft sich als dem Tierwohl unzuträglich erweisen wird. Und in Hamburg allen möglichen Rattenfängern in die Finger fallen, die sich ein gutes Geschäft mit den Neuankömmlingen versprechen. Mit einem Mal sind wir mittendrin in einem Migrationsgeschehen und bekommen die Situation von unerwünschten Zuwanderern in Deutschland erzählt. Aber immer nur für wenige Bilder, dann biegt die Handlung wieder in eine andere skurrile Richtung ab.

Entscheidendes Movens dabei ist die Naivität der beiden wilden Tiere, die selbst nicht nur über die eigene Verschiedenheit hinwegsehen, sondern auch über die Unterschiede zu den Menschen. Umso erfrischender sind dann die Erlebnisse mit den Errungenschaften moderner Lebensweise – nicht nur das Smartphone vom Beginn der Geschichte erweist sich als rätselhaftes Objekt, das aber dank seines Sprachprogramms von Elefant und Antilope als lebendes Wesen angesehen wird. Derartige Missverständnisse gibt es zuhauf – sie alle zeigen aber eher, was für seltsame Geschöpfe wir Menschen sind, die wir uns Gepflogenheiten oder Gegenstände zugelegt haben, denen mit naturwüchsiger Vernunft nicht beizukommen ist.

Sorgfalt geht hier über kurzfristigen Erfolg

Am Ende von Band zwei ist unser afrikanisches Paar in einem Nagelstudio untergekommen, und wie die Antilope da als Kleiderständer dient, während der wasserkundige Elefant zur Fußbäderzubereitung eingesetzt wird, das lässt einiges für das ausstehende Finale der Geschichte erwarten. Zumal man wohl erwarten darf, dass die in der Savanne zurückgelassenen Tiere auch noch eine Rolle spielen werden. Es handelt sich einfach um zu originelle Figuren, als dass sie in Vergessenheit geraten könnten.

Und Baltscheit, das haben seine Buchprojekte – egal ob Bilderbücher, Jugendromane oder eben Comics – immer wieder bewiesen, ist ein Autor, der seine Geschichten im Griff hat. Allein die Tatsache, wie viel Zeit er und Fiedler sich jeweils für neue Bände nehmen, zeigt, dass ihnen Sorgfalt über etwaigen kurzfristigen Erfolg geht. Wobei es dann gerne ein langfristiger Erfolg werden darf. Das Zeug dazu hat „Herr Elefant & Frau Grau“. Jetzt braucht es nur noch Eltern, die sich beim Kauf nicht von den gelegentlichen Grausamkeiten abschrecken lassen, sondern zu schätzen wissen, dass ihre Kinder hier auf witzig-sarkastische Art an die Welt herangeführt werden – an eine Welt jenseits der Klischees.

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