„Eine lebende Legende des Welttheaters“ hat die Hamburger Oper zur stolzen Freude ihres neuen Intendanten Tobias Kratzer zu Gast: den Schweizer Regisseur Christoph Marthaler. Ihm ist der Anstoß für ein interessantes Projekt zu danken: die Idee für eine Serie über Intendanten und Generalmusikdirektoren, die am Haus auch als Komponisten tätig waren. Gustav Mahler hat vier Jahre als Dirigent in Hamburg gewirkt und hier 1893 etwa „Eugen Onegin“ von Peter Tschaikowsky so glänzend einstudiert, dass der Komponist auf das Dirigat verzichtete und lieber als Zuschauer der Vorstellung beiwohnte.
Bevor nun das Haus am Gänsemarkt 2028 seinen 300. Geburtstag begehen kann, wird eine Huldigung an den Komponisten Rolf Liebermann fällig werden, unter dessen Ägide als Intendant der Ruhm der Hamburger Oper, nicht zuletzt durch zwei Dutzend Uraufführungen, weit in die Welt gereicht hatte. Marthaler, so war in der Ankündigung zu lesen, sei gekommen, um den „Nebel der Mahler-Interpretation“ zu lichten. Mit postumer Trauer wurde annotiert, wie traurig es sei, dass Mahler keine Opern geschrieben habe – wenn man einmal von der Einrichtung Carl Maria von Webers „Die drei Pintos“ absieht, die kürzlich in Leipzig – einem weiteren Wirkungsort Mahlers – zu erleben war.

Der Schweizer Meisterregisseur – beschrieben als „Prospero im Reich der somnambulen Sänger“ und als „Nachtportier der Angst“ – ist in Hamburg in bester Erinnerung durch seine Inszenierung von Alban Bergs „Lulu“ an der Oper wie durch eine pathetische Hommage an den „Wahnsinnsdichter“ Hölderlin am Schauspielhaus. Auf die „Die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten“ folgt nun ein musikalischer Abend: „Die Unruhenden“, mit einem Ausrufezeichen als „Abend in Zimmerlautstärke“ angekündigt. Dies ganz und gar der Spielstätte angemessen: der Opera Stabile, der kleinen Seitenbühne der Staatsoper. Ein Mahler-Orchester wäre in der Spielstätte nicht zu platzieren, wenn deren eben achtzig Plätze auch noch mit Publikum zu füllen sind. Die Tickets waren flugs ausverkauft, und auch die folgenden Aufführungen sind ausgebucht.
Der Abend wurde zu einer langen, einer sehr langen, einer überlangen Reise in die Welt eines theatralischen Absurdistans. Zu erleben und, leider auch!, zu erleiden durch ein Patchwork wohlbekannter Assoziationen, melancholischer Gebärden und skurriler Gesten, die Gerhard Stadelmaier in dieser Zeitung als „Marthalerei“ kenntlich gemacht hat.
Partiturseiten flattern auf die Bühne
Der Regisseur selber hat im Interview, wie gewohnt dem Programmheft als Gebrauchsanweisung mitgegeben, erklärt, dass es nicht um einen Mahler-Abend gehe, sondern um „einen Abend mit Musik von Mahler“. Nicht also mit Musik aus der Konserve, sondern mit allerlei Assoziationen, was im Kopf des Komponisten wuchs und wucherte. Zu Beginn und am Ende erklingen Allusionen der Naturlaute aus dem schleppenden Beginn der ersten Symphonie, Segmente – „nun will die Sonn aufgeh’n“ – aus Mahlers Liedern und immer wieder Erinnerungen an die von Mahler eingesetzten Klänge „wie aus der Ferne“. Musik also in der Vorahnung von Motiven und Klängen, Musik der Ankündigung. Das wurde szenisch suggestiv dergestalt verdeutlicht, dass aus dem Irgendwo eines Nebenzimmers plötzlich Partiturseiten auf die Bühne flattern, die von den Akteuren dechiffriert oder gelesen werden müssen.
Fünf Darsteller waren auf der Bühne bemüht, die Geburt der Musik aus dem Irrsinn des Alltags sprechend und singend sinnfällig zu machen, weitere vier waren, auf sechs Instrumenten, als Fernorchester eingesetzt, um die Mahlerschen Naturlaute in den Alltagsraum und das tragikomische Tagein-Tagaus der Figuren hineinklingen zu lassen. Und wann immer die Musik oder der Dialog der Darsteller zu laut wurde, flammte hoch an der Wand als Warnung das grelle Licht einer nackten Leuchte auf. Gegenüber dem steilen Humor der Handlung, in viele beliebige Episoden ausfransend, brachten die Besucher die erforderliche Dosis Rabatt auf. Es bedarf sicher – wie schon bei Marthalers Basler Beethoven-Abend vom Dezember 2024 – eines erworbenen Geschmacks, um Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung der Verwertungskette dieser Marthalerei zu goutieren.
Jeden Beifall verdient hatte die brillante Cellistin Nadja Reich, die die Fäden der Geschehnisse zog: als Dame des Hauses (die gestrenge und schöne Alma) oder als Botin des Todes, sodann mit einem erlesen zelebrierten, zauberischen Mahler-Mix am Ende der Aufführung. Die Einrichtung durch Johannes Harneit, durch die immer wieder die Entstehung der Musik aus der Stille und die Rückkehr in die Stille erkennbar wurde, wird Mahler-Kenner gefesselt haben, weniger aber der Bau eines theatralischen Denkspiels, das in zwei Stunden, die sich dehnten wie eine „Götterdämmerung“ in Bayreuth, Szene an Szene reihte, ohne eine Peripetie zu erreichen.

vor 2 Tage
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