Marcus Lobbes Befragt: Was tut die KI in Wagners „Ring“?

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Ein Sturm der Entrüstung fegt seit dem 24. Juli 2025 durch das Kulturbürgertum, nachdem bekannt wurde, dass sich die Bayreuther Festspiele zu ihrem 150-jährigen Jubiläum nicht für eine Neuinszenierung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“, sondern für eine Fassung mit statischen Sängern und von Künstlicher Intelligenz generierten Videoelementen entschieden haben. Was genau sie da nun schon wieder auf dem Hügel vorhaben, wusste keiner – nur konzertant oder doch halb szenisch? Mit Bühnenbild und Kostüm? Aber KI wird verwendet! Die Kunde hängt für viele seither wie eine Wolke vor der sonnigen Jubiläumsseligkeit.

Marcus Lobbes ist seit 2019 Direktor der Akademie für Theater und Digitalität am Theater Dortmund, einem Flaggschiff der Digitaltheaterszene. Aber beim Einsatz moderner Technologien gilt für ihn immer: „Wenn es keinen Sinn ergibt, lassen wir es schön bleiben.“
In Bayreuth führt er nun zwar nicht Regie, doch als Kurator und in der künstlerisch-technischen Konzeption ist er der Kopf des „Ring“-Projektes. Als die Festspielleitung vor über drei Jahren auf ihn zukam, stand ihre durchaus streitbare Bedingung einer halb szenischen Fassung zur Reflexion der eigenen Geschichte bereits fest. Von KI war da noch keine Rede. Erst mit seinem künstlerisch-technischen Mitstreiter Nils Corte entwickelte sich die Idee, auf die Bühne einen holographischen Raum zu projizieren, die sich mit zeitgleich arbeitender KI ideal realisieren ließe.

Marcus LobbesMarcus LobbesSofia Brandes/Max Slobodda

Weil aber auch eine Arbeit mithilfe Künstlicher Intelligenz mehr bedarf als des Befehls „ChatGPT, inszenier mir den ‚Ring‘“, begann Lobbes mit dem Dramaturgen Andri Hardmeier Film- und Bildmaterial zur gesamten Rezeptions- und Festspielgeschichte zu kuratieren, Unmengen an Textdokumenten auszuwerten, um dann alles zu einem „gigantischen Konvolut“ zusammenzutragen. Erst im nächsten Schritt wurde diese sehr analoge Arbeit an die Coder übergeben, die sie dann in das „Gehirn“ – so nennen sie ihre aus zwölf Teilsystemen bestehende KI – eingespeist haben.

Zugriff aufs Internet und dessen Auswüchse hat die KI hingegen nicht. Sie kennt nur den Horizont, der ihr gesetzt wurde. Der umfasst, zusätzlich zum „Ring“-Reservoir, Dokumente zu je einem repräsentativen Ereignis der Weltgeschichte, das Lobbes und sein „analoges Team“ für jedes der 150 Jahre seit 1876 ausgewählt haben. Ausgehend von der Frage, was etwa 1957 ein Pausengespräch gewesen sein könnte, haben sie damit eine Erzählebene etabliert, die die Rezeption des „Rings“ in den Zeitläuften verortet.

Dennoch bleibt es ein gewagtes Unternehmen, über Erdas Prophezeiung oder Wotans Ehestreit Bilder aus 150 Jahren Wagner- und Weltgeschichte zu projizieren. Vielleicht aber bewahrt genau diese zeitgeschichtliche Anreicherung die Produktion wie auch die Festspiele selbst vor einer Endlosschleife der Selbstreferenzialität, die in Bayreuther Inszenierungen ohnehin längst kultiviert wird. Anders gefragt: Was wäre der künstlerische Mehrwert einer Bayreuther Produktion, die alle anderen Bayreuther Produktionen desselben Werks und Bayreuths Geschichte der letzten 150 Jahre reflektiert? Dafür hätte ein Bayreuth-Bildband gereicht.

Evelin Novak (Woglinde, l.), Olafur Sigurdarson (M., Alberich), Simone Schröder (Floßhilde, 4. v. r.), Stephanie Houtzeel (Wellgunde, r.) und Schülerstatisten der Bayreuther Festspiele in Valentin Schwarz’ Inszenierung des „Rheingolds“ 2023Evelin Novak (Woglinde, l.), Olafur Sigurdarson (M., Alberich), Simone Schröder (Floßhilde, 4. v. r.), Stephanie Houtzeel (Wellgunde, r.) und Schülerstatisten der Bayreuther Festspiele in Valentin Schwarz’ Inszenierung des „Rheingolds“ 2023dpa

Der Ausgangspunkt bleibe zudem, so betont Lobbes mehrfach, die Musik. „Wir docken uns vor allem an die Musik an; schauen, welche Bildsprache sich dazu verträgt, und passen das Tempo der KI jeden Abend an das Dirigat an. Für das Gesangsensemble ist das eine große Herausforderung, wir sind allerdings auf sehr viel Zuspruch gestoßen. Sie haben gesehen, dass wir genau auf die Musik und das Libretto gehen, womit wir zwar ein großes Bild liefern, aber keine Aktion, die für oder gegen etwas ist.“

Und doch vollzieht sich diese Bildgewalt in einer konzertanten Aufführung, bei der die Figuren weder Drachen töten noch Schwerter schmieden, sondern „in ruhiger, fast skulpturaler Präsenz“ in den Projektionen stehen, wie es die Festspiele ausdrücken. Degradiert sich hier die Bühne nicht selbst zu einem dekorativen Bilderrausch, ohne künstlerische Eigenständigkeit?

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„Ja, die Gefahr besteht natürlich, gerade in diesem großen Bühnenraum. Aber bei Wieland Wagner haben die Sänger eine Statik vermittelt, und doch war das bestimmt eine große Dramatik in der Szene. Schon bei den ersten Proben mit den Sängern haben wir gemerkt, welche neue Wucht dieses Zusammenspiel entfaltet.“ Eine verästelte filmische Erzählweise, bei der jeder Figur noch eine tiefenpsychologisierte Vorgeschichte hinzugeschneidert wird, liegt Lobbes und seinem Team ohnehin fern. „Unser Idealzustand ist, dass man sich auf diesen hypnotischen Zustand einlässt, der der Musik so oft zugeschrieben wird. Dass es keine erzählte Personenregie gibt, sondern dass sich eine erkennbare Dramaturgie durch die vier Teile zieht, die sich mit Aspekten des Librettos oder auch der Geschichte beschäftigt.“

Eine kohärente Dramaturgie – daran scheitern ja schon die meisten menschengemachten Inszenierungen, wenn die im „Rheingold“ dutzendweise angelegten Motivfäden sich in der „Walküre“ verknoten, im „Siegfried“ zerfasern und in der „Götterdämmerung“ gar nicht mehr zu finden sind. Doch wie soll eine KI, die von Befehl zu Befehl agiert, Kohärenz über derart weite Bögen spannen, wie sie der „Ring“ verlangt?

Die knapp sechzehn Stunden Aufführungsdauer hat Lobbes’ Team mühsam in dreiminütige Abschnitte seziert und mit Schlagworten versehen, die der KI immer einen Ausgangspunkt vorgeben. So sind für das erzählende „Gehirn“ Hunderte kleine Korsette entstanden, innerhalb derer es sich dann austoben darf. „Das Tolle an KI sind die Verbindungen, die so schnell und zahlreich gezogen werden und sich von denen unterscheiden, die wir mit unserer subjektiven Erfahrung ziehen. Das ist nicht besser oder schlechter als die menschliche Gestaltungsweise, sondern eine andere Art zu arbeiten.“

Ob diese Verbindungen auch einen Gehalt entwickeln? Zwar hat die Technologie Partitur und Libretto verinnerlicht, doch Inszenierungskunst zeichnet sich ja auch durch die produktiven Ambivalenzen aus, die sie zwischen Musik, Text und Handlung evoziert. Größere Fehltritte seien der KI in ihren Assoziationen jedenfalls noch nicht unterlaufen, doch für den Fall einer narrativen Entgleisung verfolgt bei jeder Vorstellung ein Mitglied des technischen Teams das Geschehen, um notfalls einzugreifen.

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Dass von einem „in Echtzeit generiertem Abend“ mit „live coding“ die Rede ist, bedeutet allerdings nicht, dass bei den Vorstellungen jemand in der Technikkabine sitzt und die Befehle für die KI schreibt. Die wertet in einem „Überschlagssystem“, wie Lobbes es nennt, ihre kreativen Entschlüsse aus und baut darauf immer neue Assoziationsbausteine, bis eine Sinneinheit abgeschlossen ist und sie wieder auf neue Schlagworte reagieren muss.

So querständig dieser Erzählmodus sein mag – Marcus Lobbes hält das „Ring“-Projekt nicht für einen Bruch mit der Bühnentradition. Vielmehr stehe es im Geiste des wagnerschen Grundanliegens vom Suchen und Ausreizen immer neuer Theatermittel, knüpfe an Wieland Wagners Lichtdramaturgie, Peter Halls Illusionsmaschine oder Harry Kupfers Laserästhetik an, die ihn seit seinem ersten Bayreuth-Besuch 1990 fasziniert.
Dass in der Theaterhistorie ständig technische Innovationen genutzt wurden, um mehr Effekt und Illusion zu erzeugen, ist unbestritten.

Doch wer die KI in eine Reihe mit der Drehbühne, elektrischem Licht oder dem verdeckten Orchestergraben stellt, spart großzügig aus, dass Theatertechnologien bisher die menschliche Erzählkunst unterstützen sollten, während die KI ebendieses Erzählen durch ihre Arbeit mit dem Materialsteinbruch (teilweise) übernimmt. Der Zugewinn, den sich das Digitaltheater etwa gegenüber „klassischen“ Videoeinspielungen verspricht, bleibt unklar. Auch die randomisierten Ergebnisse der KI, die zu ständig neuen Abenden führen sollen, sagen doch mehr über ein empfundenes denn ein tatsächliches Publikumsbedürfnis.

Den Reaktionen seines Publikums blickt Lobbes derweil mit offensiver Gelassenheit entgegen – was bleibt ihm anderes übrig? „Es kann auch scheitern, so wie jeder Theaterabend. Egal ob auf der Kammerbühne oder auf dem Hügel. Druck, Angst oder Stress empfinde ich jedenfalls gar nicht.“ Um die Schmähsturmkultur des Hügels weiß er ebenso gut wie um die versöhnliche „Gar nicht so übel“-Reaktion, die sich ja kurz darauf auch einzustellen pflegt. Gerade auf diesen Dissens scheint er hinzufiebern.

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